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Zu kurz gedacht

Ausgetrocknete Moor- und Ackerflächen sind in Brandenburg auch das Ergebnis einer über Jahrzehnte verfehlten Landwirtschaftspolitik

In den 1930 Jahren erstreckten sich Brandenburgs Moore noch über eine Fläche von rund 226.000 Hektar. Heute sind es 166.000 Hektar – etwa ein Viertel weniger. Wie konnte es dazu kommen, was sind die Gründe für diese massiven Verluste?

Brandenburgs Moorverluste begannen in größerem Umfang mit den Entwässerungsmaßnahmen des Arbeitsdienstes vor dem 2. Weltkrieg und setzten sich von 1970 bis 1989 mit der „Komplexmelioration“ der DDR und ab 1990 mit dem Verfall vieler Stauanlagen in den Mooren fort. Mit den Moorflächen gingen aber nicht nur 60.000 Hektar Feuchtgrünland für eine nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung verloren, es verschwanden auch viele Lebensräume mit einer sehr artenreichen Tier- und Pflanzenwelt. Anfang der 1970er Jahre besaß das Birkhuhn noch natürliche Vorkommen im Oberen Rhinluch, viele große Niedermoorgebiete Brandenburgs verfügten über intakte Populationen verschiedener Wiesenbrüterarten, wie Brachvogel, Uferschnepfe, Rotschenkel u. v. a. Heute steht bereits der ursprünglich häufige Kiebitz kurz vor dem Aussterben. 
Um den stetigen Schwund der Brandenburger Moore aufzuhalten, wurde schon zu DDR-Zeiten in den 1970er und 1980er Jahren in den meisten Gebieten eine zweiseitige Wasserregulierung eingeführt, die durch ein umfangreiches System kleiner Stauanlagen wenigsten in den Wintermonaten die Wasserstände dicht an der Oberfläche hielt und nur während der Grünlandnutzung im Sommer eine Absenkung der Wasserstände ermöglichte.
Nach der politischen Wende 1990 bluteten die großen Niedermoore jedoch erneut verstärkt aus, da die meisten Stauanlagen aufgrund des Zuständigkeitsgerangels zwischen der Landwirtschafts- und der Wasserabteilung der Brandenburger Ministerien nicht mehr unterhalten wurden. Da die betroffenen Moore nun auch im Winter kein Wasser mehr halten konnten, wurde schon im zeitigen Frühjahr eine uneingeschränkte Bewirtschaftung möglich. Viele Grünlandflächen konnten an den Moorrändern zu profitableren Ackerflächen umgewandelt werden.
Obwohl Brandenburg heute aufgrund vieler Forschungsergebnisse der HU Berlin, der HNE Eberswalde und des Greifswalder Moorzentrums über ein gutes Moorschutzprogramm verfügt, bleibt dessen Umsetzung auf landwirtschaftlich genutzten Mooren Mangelware. Die noch unter Umweltminister Platzeck begonnenen Vernässungen kleinerer Moorer ließen sich nach den 1990er Jahren nur noch für Waldmoore und nicht landwirtschaftlich genutzte Moorflächen fortsetzen. Alle auf Matthias Platzeck folgenden Umwelt- und Landwirtschaftsminister achteten gemeinsam mit dem Bauernverband sehr akribisch darauf, dass in den meisten landwirtschaftlich genutzten Niedermooren außerhalb von Naturschutzgebieten keine Wasserstandsanhebungen oder gar Wiedervernässungen durchgeführt wurden (z. B. Havel- und Rhinluch, Randowbruch, Rotes Luch u. v. a.).  Positive Beispiele, wie im Osthavelland um das ZALF-Institut bei Paulinenaue, blieben eher die Ausnahme. So geht das Ausbluten der großen Niedermoore Brandenburgs weiter und nimmt heute sogar noch zu, da die Bewirtschaftung der meisten Stauanlagen weiterhin ungelöst ist. Außerdem wurden in sehr feuchten Jahren, wie 2010 und 2017, viele Meliorationsgräben zum verstärkten Wasserabfluss erneut vertieft, wofür das Landesumweltamt immer wieder mehrere Millionen Euro auf Anweisung von „ganz oben“ ausgeben musste.
Die Konsequenzen dieser verfehlten Landwirtschaftspolitik Brandenburgs werden nun durch den sich beschleunigenden Klimawandel immer deutlicher. Viele der großen Moore sind inzwischen so stark ausgeblutet, dass in extrem trockenen Jahren, wie 2018, nur noch ein Bruchteil der üblichen Grünfuttermenge geerntet wird. Manche Moore ähnelten in diesem Sommer eher einer afrikanischen Steppe als einem typischen Niedermoor (vgl.Bild).
Hingegen erwiesen sich 2018 die Moore, in denen in den vergangenen Jahren erfolgreich Wiedervernässungsmaßnahmen durchgeführt wurden, als beste Grünfutterreserven. Dort wuchs auch bei der extrem langen Trockenheit noch ausreichend Futter auf, was umliegende Landwirte gern nutzten. Beispielhaft seien dafür nur das NSG „Lange Dammwiesen“ bei Strausberg und die Moorwiesen im NSG „Langes Elsenfließ und „Wegendorfer Mühlenfließ“ bei Altlandsberg genannt, deren Wasserstände in den vergangenen Jahren über ein EU-Life-Projekt der Stiftung NaturschutzFonds Brandenburg („Kalkmoore Brandenburgs“) wieder angehoben wurden.
Die „Komplexmelioration“ der ehemaligen DDR erfolgte jedoch nicht nur in den Niedermooren, sondern auch auf einem Großteil der Ackerstandorte. Dort wurde ebenfalls von „ganz oben“ angewiesen, eine Vielzahl von Söllen zuzuschieben und viele weitere Sölle und Nassflächen an ein umfangreiches Drainsystem anzuschließen. Auch die letzten feuchten Ackerflächen sollten einer ganzjährigen intensiven Nutzung zugeführt werden. Viele Beispiele finden sich dazu auf den „Hochflächen“ des Barnim und der Granseer Platte, wo auch ein besonders starkes Sinken der Grundwasserstände festzustellen ist. 
Auch die sinkende Grundwasserstände sind die Konsequenz einer seit 1960 verfehlten Agrarpolitik, die immer nur einseitig auf Entwässerung setzte und für die auch nur partielle Vernässungen, wie von vielen Ökologen und Naturschützern gefordert, „Teufelszeug“ waren. Mit dem Klimawandel rächt sich diese Politik nun zunehmend, von der nun in erster Linie die Landwirte selbst betroffen sind. In der Vergangenheit mussten sie die verfehlte Politik leider mittragen, zum Teil haben sie diese aber auch selbst befeuert.
Es ist schon absurd: Die Moorzerstörung und Entwässerung großer Ackerflächen wurde ursprünglich mit vielen Millionen Mark subventioniert – und heute werden wieder Millionen von Euro notwendig, um den von Trockenheit betroffenen Landwirten zu helfen.
Doch es gibt auch Hoffnung: Im §78 des Brandenburger Wassergesetzes, der den Umfang der Gewässerunterhaltung regelt, wurde ein zusätzlicher Absatz zur Unterhaltung der Stauanlagen und Schöpfwerke eingeführt, der ab dem 1. Januar 2019 in Kraft tritt. Nun liegt es an der Politik, die Wasser- und Bodenverbände ausreichend dahingehend zu unterstützen, dass Wasserstände in unserer Landschaft wiederhergestellt werden, die zunehmende Trockenzeiten als Folgen des Klimawandels besser als bisher abpuffern können. 

Dr. Hartmut Kretschmer

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