Hintergrundelement

Was macht uns satt?

Themen vom Teller auf den Tisch!

Klimawandel, Abholzung von Regenwäldern für Palmöl, Bienensterben durch Ackergifte, Artenrückgang durch Monokulturen, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Zunahme von Lebensmittelunverträglichkeiten – auf all dies haben wir mit einer ganz alltäglichen Frage Einfluss: Was wollen wir essen?

Gestartet sind wir, die NAJU Brandenburg, im Jahr 2018 mit guten Vorsätzen und Überlegungen, welche Änderungen in unserer Ernährung die größte positive Wirkung im sozialen und ökologischen Bereich haben würden. Im Büro-Alltag hieß das für uns ganz klar: Verzicht auf Kaffee! Kaum ein Getränk verbraucht so viel Wasser und Energie und erzeugt letztendlich so viele klimaschädliche Gase wie Kaffee. Die Herstellung eines Kilogramms Röstkaffee erfordert den Verbrauch von 21.000 Litern Wasser. Das ist sogar mehr als für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt werden (15.000 Liter). Bei sieben Gramm Kaffeepulver pro Tasse ergeben sich daraus 140 Liter Wasserverbrauch für eine einzige fertige Tasse Kaffee! Hinzu kommen oft menschenunwürdige Anbaubedingungen und Transportwege, die sowohl Klima als auch Meer belasten. Also: Kaffee adé, ran an den Tee!
Für Kaffeetrinker, die nicht auf ihr Lieblingsgetränk verzichten wollen, gibt es allerdings eine Reihe garantiert ökologisch und sozial fair produzierender Kaffeehändler. Als vorbildlich ist der Anbieter „Teikei Kaffee“ zu nennen, der direkte Abnahmeverträge zwischen Kaffeebauern und Verbrauchern schließt und den Kaffee mittels Segelschiff nach Deutschland transportieren lässt. Doch wie sieht es mit weiteren Lebensmitteln aus?
Wie gutes Essen und gutes Klima zusammenhängen, belegte der WWF auf anschauliche und verständliche Weise in seiner bereits 2012 veröffentlichten Studie „Klimawandel auf dem Teller“, die kostenlos als Download erhältlich ist. Vor allem das in den öffentlichen Medien wenig präsente Problem der fortlaufend schwindenden fruchtbaren Böden wird darin thematisiert. Die Studie zeigt aber auch, dass jeder von uns mit seinen Ernährungsgewohnheiten erheblichen Einfluss auf die Nutzung der noch vorhandenen Böden hat: Je weniger Fleisch und je mehr Nahrungsmittel aus biologisch-dynamischen Anbau (nur im Bio-Anbau wird aktive Bodenpflege betrieben!) konsumiert werden, desto mehr Fläche zum Anbau kann gesichert werden. Zwei beliebte Kindergerichte im Vergleich zeigen den Unterschied: Eine Portion Hamburger (100 Gramm Rindfleisch) mit Pommes und Salat benötigen zur Erzeugung mit 3,61 Quadratmetern Anbaufläche rund achtmal so viel wie eine Portion Spaghetti mit Tomatensauce. Letztere beansprucht lediglich 0,46 Quadratmeter!
Das wunderbare Projekt „Mein Weltacker“ der Zukunftsstiftung Landwirtschaft macht solche Unterschiede im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Auf 2.000 Quadratmetern können interessierte Besucher im Botanischen Volkspark Blankenfelde-Pankow die Anbauflächen für verschiedene Gerichte selbst sehen und zuordnen. Mit dem persönlichen Flächenfußabdruck lässt sich zusammenfassend errechnen, wie viel Acker jeder Einzelne beim derzeitigen Konsum verbraucht. Optimaler Weise sind dies genau 2.000 Quadratmeter im Jahr – so viel Ackerfläche hat jeder Menschen heute noch im Durchschnitt rein rechnerisch. Und dass eine gesunde und ausgewogene Ernährung auf 2.000 Quadratmetern möglich ist – auch das zeigt der Weltacker (www.2000m2.eu/de)!
Im Supermarkt geben Siegel dem aufmerksamen Verbraucher die nötigen Hinweise, woher die Lebensmittel kommen und wie sie angebaut wurden. Die strengsten Kriterien für einen ökologisch nachhaltigen Anbau hat der Demeter-Verband entwickelt: Geschlossene regionale Kreisläufe ohne Zufütterung von importiertem Kraftfutter wie Mais und Soja sind ebenso selbstverständlich wie Mindestgrößen von Stall- und Wiesenflächen. Wer sich Klarheit über die in Deutschland vertretenen glaubwürdigen Siegel verschaffen will, dem sei der „Nachhaltige Warenkorb“ empfohlen, der als Broschüre oder als App kostenlos angeboten wird (www.nachhaltiger-warenkorb.de). Dort finden sich auch weiterführende Hinweise zum klimabewussten Einkauf und zur Lagerung von Lebensmitteln. So wird beispielsweise empfohlen, immer zuerst auf Regionalität zu achten, um Transportwege zu minimieren und lokale Märkte zu unterstützen sowie Inhaltsstoffe auf Palmöl zu kontrollieren. Letzteres kann sich allerdings auch hinter Begriffen wie „pflanzliche Öle“ oder „vegetabiles Fett“ verbergen. Am Beispiel der Tomate wird vorgerechnet, welch großen Einfluss alltägliche Kaufentscheidungen bei Lebensmitteln auch auf den Ausstoß von Klimagasen haben. Während ein Kilogramm Tomaten aus dem Treibhaus 9,3 Kilogramm CO2 verursachen, entstehen bei der gleichen Menge Tomaten aus saisonalem und regionalem Öko-Anbau nur 0,035 Kilogramm CO2. Wer es ganz genau wissen will und den CO2-Fußabdruck des eigenen Essens nachrechnen möchte, findet auf der Seite www.klimatarier.com/de/CO2_Rechner ein ebenso wertvolles wie aufschlussreiches Analysemittel.
Da wir NAJUs uns aber lieber auf die eigenen Sinne als auf Berechnungen verlassen, empfehlen wir dem umweltbewussten Verbraucher die Mitgliedschaft in einer solidarischen Landwirtschaftsgemeinschaft (SoLaWi). Anders als bei einer Bio-Abokiste packt der Verbraucher dort selbst auf dem Hof und bei der Logistik mit an. Dafür erhalten die Mitglieder kostengünstig qualitativ hochwertige Lebensmittel der Saison und durch die persönlichen Einblicke bei Arbeitseinsätzen ganz nebenbei viel Wissen über Anbauarten, Gründüngung, Saatgutpflege, Humusaufbau und vieles mehr. Neugierig geworden? Unter www.ernte-teilen.org findet sich eine Karte mit Standorten von Höfen und Abholstationen, wo Erzeuger und Verbraucher in den direkten Austausch kommen können. Nicht zuletzt zeigt dieses Model, dass gutes Essen für Mensch und Natur nicht teuer sein muss, sondern lediglich etwas Engagement, gegenseitiges Vertrauen und Weitsicht benötigt.

 


Anne Kienappel
Jugendbildungsreferentin der NAJU Brandenburg

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

naturmagazin abonnieren

Immer informiert

Pfeil blue

Ihnen gefällt das neue naturmagazin und Sie möchten es regelmäßg lesen?

Im online-Buchladen von Natur+Text können Sie es einzeln oder als Abo bestellen

Vorschau

Ausgabe 2/2019

Pfeil olive

Gewässerschutz steht im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe! Ab 1. Mai 2019 in Ihrem naturmagazin.

Kalender

Aktuelle Veranstaltungen

Pfeil orange

Herausgeber

NABU Brandenburg, Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V., Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, Natur+Text GmbH

Pfeil olive

mehr lesen?

Pfeil blue

Sie interessieren sich für weitere Publikationen aus unserem Verlag?

Dann stöbern sie doch in unserem Online-Buchladen