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Von den Vöglen abgeschaut

Einfach stressfrei leben

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Dr. Ernst Paul Dörfler neben der Elbe – die ihm besonders am Herzen liegt – mit Vögeln und ihren dem Menschen ähnlichen Eigenschaften. Buchtitel wie „Was Vögel futtern: Speisekarten und Tischsitten“ aber auch „Liebeslust und Ehefrust der Vögel“ belegen dies. Ende Januar erschien sein neues Buch „Nestwärme – Was wir von Vögeln lernen können“. Der promovierte Ökochemiker und Vogelliebhaber stellt dieses am 28. April im Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e. V. vor. Ich hatte nun Gelegenheit, dem freiberuflichen Autor und Publizisten schon vorab ein paar Fragen stellen zu können.

Bettina Funke: Ende April stellen Sie bei uns Ihr neues Buch „Nestwärme – Was wir von Vögeln lernen können“ vor. Könnten wir denn dazu schon mal einen kleinen Einblick bekommen?

Dr. Ernst Paul Dörfler: Sehr gerne! Es ist aber nur ein kleines Appetithäppchen. Was macht ein Gänsekind, "Gössel" genannt, wenn es auf dem Wasser schwimmend seinen Familienanschluss verloren hat, was nicht gerade selten vorkommt? Auf sich allein gestellt würde es nicht überleben können. Wie löst das kleine Küken dieses große Problem? Zunächst piepst es aufgeregt – eine Art Hilferuf. Dann macht es sich auf den Weg und sucht sich ganz allein eine passende Gänsefamilie aus. Auf diese Weise sind starke Gänsepaare schon zu über 25 Gösseln von verschiedenen Eltern gekommen. Derart zusammengewürfelte Gemeinschaften erinnern an das Patchwork-Modell, das hierzulande von jeder zehnten Familie mit Kindern praktiziert wird.
Mein Buch "Nestwärme" gewährt überraschende Einblicke in das Privatleben der Vögel. Es schlägt immer wieder Brücken und zieht Parallelen zu unserem menschlichen Dasein und zeigt den Leserinnen und Lesern auf, wie der Alltag der Vögel organisiert ist und worin uns die Vögel voraus sind – und das auf unterhaltsame wie auch informative Art.

Sie versuchen, den Menschen über die Vögel gewisse Regeln und Ratschläge mitzugeben?
Ich schildere das ganz normale Leben der Vögel und erkläre, was sie so alles können, angefangen von ihren sensorischen Leistungen über ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen, und wie sie ihren Tag verbringen – bis hin zum Schlafen und Träumen – und mit welcher Hingabe sie sich um ihren Nachwuchs kümmern. Die Leserinnen und Leser merken bei der Lektüre, dass die Vögel im Biorhythmus nach den Gesetzen der Natur leben. Das hält sie fit und gesund. Dauerstress und Selbstausbeutung sind in ihrem Leben unbekannt. In der Tat leben Vögel gesünder als wir Menschen. Sie sind viel in Bewegung an frischer Luft, ernähren sich naturgemäß, fasten gelegentlich (notgedrungen), praktizieren intensive Körperpflege und haben vielseitige soziale Beziehungen untereinander. Ohne Ratschläge zu geben, merkt eine aufmerksame Leserin, ein aufmerksamer Leser, dass man sich durchaus etwas vom Lebensstil der Vögel abschauen kann – aber auch, dass etwas schief läuft in unserer hochentwickelten Zivilisation: Nämlich, dass wir nicht nur fern der Natur, sondern auch auf Kosten der Natur leben, und dass wir uns selbst damit keinen Gefallen tun.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass wir Menschen uns etwas von den Vögeln abschauen können?
Ich will die Vogelarten nicht nur nach Äußerlichkeiten beurteilen und bestimmen können. Das ist mir zu wenig. Ich will mehr über ihr Innenleben erfahren, will wissen, was in ihnen vorgeht, wie sie fühlen, wie sie lernen und warum sie so und so agieren. Da diese Art von Fragen kaum jemand beantworten konnte, begann ich zu recherchieren und stieß auf Erkenntnisse, die mir keine Ruhe ließen: Vögel werden in ihrem Verhalten von den gleichen Hormonen gesteuert wie wir Menschen, seien es Stresshormone, Sexualhormone oder Glückshormone. Damit ist die materielle Basis der Gefühle von Mensch und Vogel durchaus vergleichbar. Vögel stehen uns sehr viel näher, als wir bisher glaubten. Diese Erkenntnis spornte mich weiter an, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, aber auch nach Unterschieden.

Welcher ist Ihr Lieblingsvogel?
Ich kann alle Vögel gut leiden, aber die Kraniche imponieren mir am meisten. Wenn sie in Frühjahr und Herbst über unsere Köpfe hinwegziehen und ständig miteinander in Rufkontakt stehen, bekomme ich regelmäßig Gänsehaut. Ganz besonders mag ich im März ihre Balztänze mit den Verneigungen und den kühnen Luftsprüngen, die sie auf der Moorwiese ganz in der Nähe meines Wohnortes aufführen. Ihre Paarbeziehungen sind von konsequenter Gleichberechtigung geprägt, beide Partner kümmern sich liebevoll um den Nachwuchs. Schon beim Schlüpfen der Küken drängeln die Eltern, jeder von beiden will ganz nah dabei sein. Die Reise in den Süden treten sie als komplette Familie an und achten darauf, dass niemand zurückgelassen wird oder verloren geht. Kraniche gelten nicht umsonst in vielen Kulturen als Vögel des Glücks.

Möchten Sie noch kurz etwas zu Ihrem 1986 erschienen Buch „Zurück zur Natur?“ sagen?
Erst kürzlich hatte ich von einer Leserin aus den alten Bundesländern ein Echo auf dieses Buch. Sie meinte, es sei ja immer noch aktuell, obwohl schon vor über 30 Jahren entstanden. In der Tat, jene Umweltprobleme, mit denen wir uns heute herumschlagen müssen, gab es schon vor drei Jahrzehnten: beispielsweise den Artenschwund durch Pestizideinsatz ("Leiser summen die Bienen"), die Überdüngung und Nitratbelastung der Gewässer (weswegen die Bundesrepublik gerade auf EU-Ebene verklagt wird, weil sie zu wenig dagegen tut) und den Treibhauseffekt durch die Kohleverbrennung. All diese Konflikte wurden über Jahrzehnte verdrängt statt gelöst, sie sind sogar gewachsen. Je länger man die Problemlösungen hinausschiebt, um so teurer werden sie, sofern die Prozesse überhaupt noch umkehrbar sind. Es ist allerhöchste Zeit, die Botschaft "Zurück zur Natur" ernst zu nehmen und umzusetzen. Jeder von uns kann seinen Beitrag dazu leisten und sofort damit beginnen. Wir können nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur überleben.

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