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Urbane Wildnis

Lebensräume zwischen Verfall und Neubau

„Rein ins Grüne, raus in die Stadt“, hieß es vor drei Jahren beim Berliner Langen Tag der StadtNatur. Mitte Juni dieses Jahres besuchten mehr als 20.000 Naturinteressierte die rund 500 Veranstaltungen des jährlich stattfindenden Events.

Von der Stiftung Naturschutz Berlin 2007 ins Leben gerufen, haben sich inzwischen ein Dutzend weiterer Städte von der Idee anstecken lassen. Doch Großstadt, Häuser-schluchten, Verkehrschaos und reichhaltige Naturausstattung – wie soll das zueinander passen? Sehr gut – Städte gehören hierzulande mittlerweile zu den artenreichsten Räumen. In Parks und Gärten sowie auf Friedhöfen und Industriebrachen finden viele Arten kleinteilige Lebensräume, die ihnen die ausgeräumte Landschaft des Umlands oftmals nicht mehr bieten kann. Mit einem Grünflächenanteil von 40 Prozent und einem ausgedehnten Gewässernetz ausgestattet, hat sich speziell Berlin zu einem Hotspot der Artenvielfalt entwickelt. Feldlerchen, Turmfalken, Neuntöter und Waldohreulen lassen sich beispielsweise auf dem Tempelhofer Feld beobachten, Biber im Tiergarten. Insge-samt kann die Bundeshauptstadt auf 150 Vogelarten, 1.600 Fuchsreviere sowie auf etliche Wachbären, Wildschweine und viele weitere Arten verweisen. Sie alle profitie-ren von den „Annehmlichkeiten“ einer Großstadt in Form leicht verfügbarer Nahrung, günstigen Klimas und relativ sicherer Unterkunfte. Das gute Nahrungsangebot lässt in der Stadt auch die Insektenwelt kräftig summen. Während viele von ihnen – insbeson-dere die Honigbienen – im Umland nach der Robinien- und Rapsblüte kaum noch Nah-rung finden, hält die Stadt für sie auch dann noch ein reichhaltiges Angebot parat. In Parks und Gärten sowie in Grünanlagen und Höfen, an Wänden und sogar auf Dächern blüht es die ganze Saison über reichlich und zudem pestizidfrei.

Ungenutzte Schätze

Städtische Brachflächen gehören nicht zuletzt wegen ihrer relativen Ungestörtheit und einer gewissen „Wildnisentwicklung“ zu den besonders attraktiven Lebensräumen für Wildtiere. Allerdings sind diese Flächen meistens nicht von Dauer, irgendwann steht eigentlich immer die nächste Nutzung an. Als beispielsweise vor einigen Jahren auf dem Gelände des einstigen Rangierbahnhofs Schöneweide ein Gewerbegebiet entstehen sollte, mussten tausende Zauneidechsen umgesiedelt werden. Wenn langjährig brach-liegende Flächen aber trotz aller Flächenbegehrlichkeiten erhalten und geschützt wer-den sollen, ist das mehr als ein Glücksfall. Solche Flächen bieten die nicht häufige Gele-genheit, die Naturentwicklung über Jahre zu verfolgen. So geschehen mit dem heutigen Naturpark Schöneberger Südgelände.
„Ordnung, Disziplin, Sauberkeit – Ehrensache eines jeden Eisenbahners“ – in riesigen Buchstaben prangt die Losung aus längst vergangener Zeit an der Stirnseite der alten Lok-Halle. Es ist lange her, dass dort Lokomotiven ein und aus fuhren. Heute ist das über einhundert Jahre alte Bauwerk mit seinen 4.000 Quadratmetern ein idealer Ort für größere Veranstaltungen und experimentelle Künstler. Vieles kündet noch heute von der ursprünglichen Nutzung: der 50 Meter hohe stählerne Wasserturm, die alten Gleis- und Signalanlagen, eine der ältesten noch funktionsfähigen Drehscheiben Deutschlands und nicht zuletzt die alte Dampflok der Baureihe 50. Sie alle sind Zeugen des 1889 errichteten Rangierbahnhofs Tempelhof. Dessen Betrieb währte allerdings nur gut 60 Jahre lang, dann stellte die Deutsche Reichsbahn den Rangierbetrieb 1952 ein. Ein großer Teil des Geländes fällt seitdem an die Natur zurück. Bestrebungen in den 1970er Jahren, den Bahnbetrieb wieder aufzunehmen, machten Proteste von Na-turfreunden und vor allem die Bürgerinitiativen „Schöneberger Südgelände“ und „Westtangente“ zunichte. Zehn Jahre nach der endgültigen Aufgabe des Bahnprojekts erfolgte nach langer Vorbereitungsphase 1999 die Ausweisung des 18 Hektar großen Naturparkgebietes als Landschafts (LSG)- bzw. Naturschutzgebiet (NSG). Im Folgejahr bekam der Naturpark „Schöneberger Südgelände“ den Ritterschlag als „weltweites EX-PO-Projekt“.
Heute kommen dort Technik-, Kunst- und vor allem Naturliebhaber gleichermaßen auf ihre Kosten. Die Verbindung der drei Sparten macht den Besuch zu einem faszinieren-den Erlebnis. Auf zwei barrierefreien, den alten Gleisen folgenden Rundwegen lässt sich der Naturpark leicht erkunden. Auf einem erhöhten Stahlgittersteg, der durch sei-ne Bauweise den dort lebenden Tieren einen ungehinderten Wechsel zwischen den Räumen ermöglicht, führt ein etwa 600 Meter langer Weg durch das 3,4 Hektar große NSG. Zunächst durchquert er einen offenen Bereich und mündet schließlich im Wald. Wer dort von „bahnbrechender“ Natur spricht, beschreibt den sich bietenden Eindruck punktgenau. Schienenstränge durchziehen die Trockenrasenflächen und zwischen den Gleisen haben längst Birken die Oberhand gewonnen. Ansonsten sorgen gehörnte Got-landschafe für die Offenhaltung der wertvollen Flächen und den Erhalt des bemer-kenswerten Artenreichtums. Mit 130 Spezies beeindruckt die Vielzahl der Wildbienen-arten ebenso wie die der Heuschrecken. Unter ihnen befinden sich Besonderheiten wie der Heidegrashüpfer oder die Blauflüglige Ödlandschrecke. Hervorzuheben ist das Vorkommen der Gottesanbeterin, einer Fangschreckenart, die eigentlich in südlichen Gefilden beheimatet ist. Auch Zauneidechsen sowie Vogelarten der Offenlandschaft wie der Neuntöter finden auf dem einstigen Bahngelände hervorragende Lebensbedingun-gen. Bis zu 30 Vogelarten brüten regelmäßig im Naturpark Schöneberger Südgelände. Botanische Leckerbissen unter den etwa 350 dort vorkommenden Pflanzenarten sind verschiedene Habichtskräuter sowie neun Wildrosenarten.
Für den Übergang in den „Urwald“ braucht es auf dem alten Bahngelände nur ein paar Schritte. Vor einigen Jahrzehnten befanden sich dort nur Gleisanlagen und Schotter. Heute zeigt sich dem Besucher, was die der Natur innewohnende Dynamik zu leisten vermag. Die Gleise sind zwar noch vorhanden, ihr Bett wurde jedoch gesprengt von der Kraft aufwachsender Birken und Robinien. Es ist faszinierend, zu sehen, wie sich die Natur verloren geglaubtes Terrain zurückerobert hat. Nach und nach hinzukom-mende Baumarten wie Stieleiche, Linde und Ahorn verändern das Waldbild. Die Suk-zession schreitet unaufhaltsam voran. Sofern die Sicherheit der Besucher nicht gefähr-det wird, darf unter deren Augen wachsen, was eben natürlicherweise wächst. Und so sorgen an mancher Stelle auch Waldrebe oder wilder Hopfen für urwaldähnliches Aus-sehen – eben für urbane Wildnis. In den gehölzreichen Strukturen finden Arten wie Nachtigall und Zaunkönig ihr Eldorado inmitten der City. Für Naturliebhaber sind ge-rade diese dynamischen Prozesse eine äußerst spannende Angelegenheit. Wo und wann hat man sonst schon die Gelegenheit, diese unaufhörlichen Prozesse so hautnah zu beobachten und zu begleiten – wohl wissend, dass man deren Ende nie erleben wird.

Gar nicht so still

Apropos Ende. Als Habitat für viele Tierarten spielen auch Friedhöfe eine wichtige Rol-le. Naturschutzfachlich wertvoll sind insbesondere die alten Anlagen mit ihren seit lan-ger Zeit nicht mehr genutzten Begräbnisstellen. Von Totenstille kann dort meistens da-her keine Rede sein. Ihr Nutzen ist aber nicht nur isoliert zu betrachten. Im Häuser-meer großer Städte können Friedhöfe Lebensräume als sogenannte Trittsteinbiotope miteinander vernetzen. Darüber hinaus wirken sich die grünen Ruhestätten sehr güns-tig auf das städtische Kleinklima aus. An Stadträndern oder in ländlichen Gebieten kön-nen Friedhöfe auch eine hervorragende Ergänzung bestehender Strukturen sein.
Ein herausragendes Beispiel für einen in mehrfacher Hinsicht besuchenswerten Fried-hof ist der Südwestkirchhof Stahnsdorf im LSG Parforceheide. Der 1909 eröffnete Friedhof gehörte zu den ersten Zentralfriedhöfen und ist mit gut 200 Hektar die zweit-größte Begräbnisstätte dieser Art in Deutschland. Aus der Tatsache heraus, dass dort sowohl bedeutende Bildhauer und Architekten tätig waren als auch herausragende Persönlichkeiten wie Heinrich Zille, Rudolf Breitscheid und viele andere ihre letzte Ru-hestätte fanden, ist der südlich Berlins gelegene Friedhof auch kultur- und kunstge-schichtlich von besonderer Bedeutung. Durch ihre landschaftliche Gestaltung und die extensive Pflege birgt die Anlage ein enormes Naturschutzpotenzial in sich. Ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) schätzte 2002 den Südwestkirchhof als sehr artenreich ein. „Er gilt als der artenreichste überhaupt – sowohl im Berliner Raum, als auch im bundesweiten Vergleich“, heißt es im Abschlussbericht. Erfasst wur-den seinerzeit unter anderem 503 Arten wildwachsender Farn- und Blütenpflanzen, 53 Vogelarten, 20 Wirbeltierarten und diverse andere Spezies wie Schmetterlinge, holz-bewohnende Insekten, Flechten, Moose und Pilze. Besonders Bemerkenswert ist das Vorkommen von vier Fledermausarten aber auch das von störungsempfindlichen Vö-geln wie beispielsweise Schwarzspecht, Habicht und Bussard.
Beim Gang über den Kirchhof verwundert eine solche Bewertung nicht. Dichte Gehölz-strukturen wechseln mit Alleen, Trockenrasenbiotopen gehen in Wiesenflächen über. Alte Grabanlagen, moosbezogen und mit Efeu überwuchert, die Schrift auf den Steinen kaum lesbar, lassen die Gedanken zu den dort Liegenden fliegen. Der Hinweis von Friedhofsleiter Olaf Ihlefeldt, auf den Abschnitt mit den neuen Umbettungen zu achten, war goldrichtig. Die Atmosphäre inmitten der sehr alten Gräber birgt naturgemäß et-was Morbides in sich. Doch die alten Baum-, Totholz- und Gehölzstrukturen verströ-men auch viel Leben. Die urbane Wildnis hat halt viele Facetten.


Wolfgang Ewert

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