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Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Aktivisten kämpfen gegen die illegale Abholzung rumänischer Buchenwälder

Europas Buchenurwälder werden abgeholzt. Zu großen Teilen illegal im toten Winkel der Öffentlichkeit. Dramatisch ist die Situation in Rumänien, das 75 Prozent der europäischen Buchenurwälder beheimatet. Selbst in Nationalparken sind Kahlschläge Alltag. Der Biologe Gabriel Paun kämpft gemeinsam mit Aktivisten für die Zukunft der Urwälder. 2009 gründete er die NGO Agent Green, die illegale Abholzungen publik macht. 2016 wurde er mit dem EuroNatur-Preis ausgezeichnet. Das Ringen mit der staatlichen Forstverwaltung, der Regierung und großen Holzeinschlagsunternehmen ist zäh. Wie Gabriel Paun.

Roland Schulz: Hat sich die Lage in den von Abholzung bedrohten Buchenurwäldern Rumäniens verbessert, seitdem diese 2017 in Teilen zum UNESCO Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“ kamen?

Gabriel Paun: Das UNESCO Weltnaturerbe erhielt 2017 durch die rumänischen Buchenurwälder mit 24.679 Hektar den größten Flächenzuwachs. 24.341 Hektar davon sind im Staatsbesitz und unterstehen Romsilva (Staatliche Forstverwaltung Rumäniens). Die ursprüngliche Auswahlliste enthält 31.511 Hektar an Buchenurwäldern, die auf 25 Flächen verteilt sind, doch Romsilva hat die Ausweisung vieler dieser Flächen zum Weltnaturerbe verhindert. So Valea Higeg in den Tarcu-Bergen, Cernisoara im Domoglod Nationalpark oder Cosava Mica in den Semenic-Bergen.
Laut der PIN MATRA Inventur aus dem Jahr 2004 besitzt Rumänien mindestens 218.000 Hektar Buchenurwälder. Doch bis heute sind nur rund zehn Prozent dieser Urwälder Bestandteil des Weltnaturerbes. Um die weiteren 90 Prozent kämpfen NGOs und Wissenschaftler. Der Prozess ist äußerst mühselig. Bislang gelang er nur für etwa 20.000 Hektar.
Die meisten der UNESCO-Flächen liegen in Nationalparken. Deren Pufferzonen sind ebenfalls Buchenurwälder oder besitzen urwaldähnliche Strukturen. Trotzdem gestattet Romsilva dort kommerziellen Holzeinschlag. Als ich die Forstministerin darauf ansprach, antwortete sie, die UNESCO-Kriterien für die Pufferzonen seien nicht eindeutig. Ich fragte die für Schutzgebiete verantwortliche Umweltministerin, warum Holzeinschlag in innerhalb von Nationalparken gelegenen Urwäldern erlaubt sei. Seit diesem Gespräch am 12. März dieses Jahres warten wir auf die Antwort der Ministerin. Mit seinem Vorgehen riskiert Rumänien einen diplomatischen Skandal. Die Aufnahme der Buchenurwälder aus zwölf Ländern in das Weltnaturerbe im Jahr 2017 geschah als Paket und ist an die Bedingung geknüpft, dass keines dieser Länder seine Urwälder schädigt. Sollte dies in einem Land geschehen, werden die Flächen dieser zwölf Länder aus dem Weltnaturerbe gestrichen.

Hat die rumänische Regierung in jüngerer Zeit Gesetze zum Schutz der Buchenurwälder erlassen?

Rumäniens Regierung stellte Anfang 2017 etwa 600.000 Euro für eine Studie in den Haushalt, die sämtliche Urwälder des Landes katalogisieren sollte. Allerdings wurde das Geld nie freigegeben. Auf die Anfrage von Senator Mihai Gotiu an das Ministerium nach den Ursachen hieß es, diese Studie sei noch nicht in Auftrag gegeben. Dies könnte 2020 geschehen.

Respektieren große Holzeinschlagsunternehmen den absoluten Schutzstatus der Weltnaturerbeflächen?

Sie behaupten: „ja“. Aber sie haben gar nicht die Möglichkeiten dazu. Das Hauptproblem ist, das viel von dem Holz, das sie vermarkten, von Holzlagerplätzen kommt, die als „Holzwäschemaschinen“ für Holz aus illegalen Quellen, Urwäldern oder Nationalparken, dienen.

Wie ist die Lage in anderen alten Buchenwäldern Rumäniens, die nicht zum Weltnaturerbe gehören?

Das Abholzen der Buchenurwälder wird beschleunigt. In Natura 2000-Gebieten ebenso wie in Nationalparken. Die rumänische Regierung toleriert unrechte Machenschaften von Romsilva, die für zwölf der dreizehn rumänischen Nationalparke zuständig ist. Keiner von ihnen hält sich an die Regeln der IUCN (International Union for Conservation of Nature). In einigen Nationalparken, etwa Semenic und Nera, wurden die Holzernteflächen sogar direkt in die Urwälder ausgeweitet. Damit wurden die Totalreservate von 47 auf 32 Prozent verringert, obwohl die IUCN mindestens 75 Prozent Totalreservate verlangt. Die Situation ist so bitter, dass das Umweltministerium neulich empfahl, die Zahl der Braunbären zu reduzieren, da ihre Lebensräume verringert und zerstört würden.

Gibt es eine Möglichkeit, die rumänischen Buchenurwälder zu erhalten?

Die andauernde Zerstörung bislang unberührter Buchenurwälder in Rumänien ist die größte Tragödie für Europas Natur. Sie findet ohne das Wissen der meisten Europäer statt. Es gibt eine Möglichkeit, diese Tragödie zu beenden, wenn jeder Einzelne beginnt, mit dem Finger auf die Verantwortlichen zu weisen: die Forst- und Umweltminister Rumäniens, die EU-Kommission und das EU-Parlament. Minister, die sich für unsere Buchenurwälder eingesetzt haben, sind an der aktuellen Regierung und am Parlament gescheitert. Forstverbrechen zu veröffentlichen und die dafür Verantwortlichen zu beschämen ist leider die einzige Möglichkeit, Fortschritte zu erzwingen. Als Beispiel sei eine Gruppe von Parlamentariern angeführt, die Anfang des Jahres einen Gesetzesentwurf für den Ausbau der Infrastruktur formulierte, gleich, ob dabei Urwälder oder andere strikt geschützte Gebiete betroffen würden. Durch eine Online- und Medienkampagne konnte diese Initiative gestoppt werden, obwohl sie von der Mehrheit der Parlamentsmitglieder unterstützt wurde.

Können deutsche Naturschützer Ihre Organisation Green Agent zu unterstützen?

Wir verfolgen jede Holzauktion in staatlichen Forsten, um zu erkennen, wenn Buchenurwälder für Holzeinschläge feilgeboten werden. Dann starten wir eine Kampagne, um jeden einzelnen von ihnen zu retten. Bislang haben wir tausende Hektar unberührter Urwälder wie Cosava Mica, Olteana, Higeg, Cernisoara oder Prisacina vor den Kettensägen bewahren können. Doch das erfordert Zeit und legale Wege. Mit mindestens 3.000 Euro pro Monat könnten wir einen Anwalt gewinnen, der für uns formelle Klagen erstellen könnte, um weitere Urwälder zu retten.

Unter diesem Link finden Sie Möglichkeiten, am Schutz der Buchenurwälder Rumäniens mitzuwirken: https://en.agentgreen.ro/agent-green-nu-tace-dar-face/

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