Hintergrundelement

Naturschutz in neuen Dimenssionen

Erweitertes Weltnaturerbe

Mehr als 900.000 Quadratkilometer Europas wären unter natürlichen Umständen eigentlich von Wäldern bedeckt, in denen die Rotbuche (Fagus sylvatica) dominiert. Wäre da nicht der Mensch… Fachleute bezeichnen die sich auf vollkommen unbeeinflussten Fläche einstellende Pflanzengemeinschaft als „potentielle Vegetation“. Die europäischen Rotbuchenwälder würden ihr zufolge große Teile zwischen Südschweden und Dänemark im Norden und Sizilien im Süden einnehmen.

Von den einstigen (vermuteten) Rotbuchenwäldern Europas sind heute nur noch weniger als ein Viertel vorhanden. Bedeutende Flächen, auf denen die Art vorherrscht, sind heute noch in Deutschland, Frankreich, Slowenien und Rumänien zu finden, großflächige Primärwälder vor allem in Rumänien. Der größte zusammenhängende Buchen-Urwaldrest befindet sich allerdings nicht dort, sondern in den ukrainischen Karpaten. Er umfasst etwa 90 Quadratkilometer. In vielen Teilen Europas wurden die Buchenwälder allerdings unwiederbringlich zerstört und ihre durch Waldweide und Holznutzung degradierten Restbestände machen oft nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Areals aus.

Der Beginn des Buchenwald-Weltnaturerbes

2007 wurden in der Ukraine und Slowakei einige ausgewählte Buchenwaldgebiete in einer „seriellen“ Nominierung als UNESCO-Weltnaturerbestätten unter dem offiziellen Titel „Buchen-Urwälder der Karpaten“ anerkannt. Dieses Welterbe-Cluster umfasst insgesamt zehn Teilgebiete mit einer Gesamtfläche von 292,78 Quadratkilometern, in denen bedeutende, größtenteils fast völlig unversehrte Buchenwälder vorkommen. Allerdings liegen diese Gebiete ausnahmslos in der östlichen Peripherie des europäischen Buchenwald-Verbreitungsareals und repräsentieren damit die europäischen Buchenwälder nur unvollständig. (Foto: X_Ku_Uholka_2012-08_Ku89_L1040365) Schon frühzeitig gab es daher Überlegungen hinsichtlich einer „mitteleuropäischen“ Welterbe-Initiative, die verschiedene Buchenwälder im Zentrum ihres Verbreitungsareals – vornehmlich in Deutschland – berücksichtigen sollte. Als 2007 die zehn Buchenwald-Reservate in den westlichen Karpaten als UNESCO-Welterbestätten anerkannt wurden, stiegen die Chancen für eine mögliche „ergänzende“ Nominierung deutscher Buchenwaldgebiete schlagartig. Im Jahr zuvor waren die dafür geeigneten Gebiete in einer Studie bereits näher untersucht worden. In deren Ergebnis und nach weiteren intensiven Vorarbeiten reichte Deutschland im Jahr 2010 schließlich bei der UNESCO einen Nominierungsantrag für fünf weitere Welterbeflächen ein: für vier Kernzonen in den Nationalparken Jasmund, Müritz, Hainich und Kellerwald-Edersee sowie für den Grumsin – eine Kernzone im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.
Der Antrag musste vor allem deutlich machen, warum eine Erweiterung des bestehenden UNESCO-Clusters notwendig sei. Als Begründung wurde aufgeführt, dass die Teilgebiete das Weltnaturerbe der karpatischen Buchen-Urwälder substanziell in mehreren Aspekten ergänzen. Sie
- ergänzen die postglaziale Ausbreitungsgeschichte der Rotbuche
- vervollständigen die Höhengradienten (von der Meeresküste bis zum unteren Bergland) im geographischen Kernland der Buchenausbreitung.
- erweitern das ökologische Spektrum durch die in den Teilgebieten sehr unterschiedlich ausgeprägten Buchenwaldtypen, die den Großteil der einheimischen biologischen Vielfalt in Mitteleuropa abdecken.
Am 25. Juni 2011 wurde der deutsche Antrag schließlich in Paris angenommen. Seither beinhaltete das europäischen Welterbe-Cluster 15 Buchenwaldgebiete.


Auf dem Weg zum gesamteuropäischen Welterbe


Die UNESCO hatte die Aufnahme der deutschen Buchenwälder in die Welterbeliste mit der Forderung verknüpft, den Erhalt der wertvollsten Buchenwälder auf gesamteuropäischer Ebene weiterzuführen und das bestehende Cluster um weitere Gebiete zu ergänzen. Drei Regierungstreffen und sechs Experten-Workshops haben hierzu seitdem stattgefunden. Als Ergebnis der Abstimmungen wurden schließlich 63 Gebiete mit einer Gesamtfläche von ca. 58.000 Hektar in zehn Ländern identifiziert, für die ebenfalls ein Erweiterungsantrag gestellt werden sollte. Ende Januar 2016 unterzeichneten die Botschafter der beteiligten Staaten den Antrag in Paris, so dass dieser fristgerecht zum 1. Februar 2016 bei der UNESCO eingereicht werden konnte. Im Juli 2017 wurden die 63 Erweiterungsgebiete als Bestandteil der seriellen Weltnaturerbestätte „Buchen-Urwälder der Karpaten und Anderer Regionen Europas“ vom UNESCO-Welterbekomitee in Krakau (Polen) anerkannt. Das komplette Netzwerk umfasst nun insgesamt 78 Buchenwald-Schutzgebiete in zwölf europäischen Ländern.    
Aus fachlicher Sicht sind vor allem drei biogeographische Buchenwald-Regionen in ihrer Bedeutung als Cluster-Bausteine hervorzuheben (diese Regionen beherbergen mehr als 85 Prozent der Buchenbestände Europas!):
• Die karpatische Region mit den größten rezenten Anteilen von Buchen-Primärwäldern in Europa (hauptsächlich in den Ländern Slowakei, Ukraine, Rumänien).
• Die mitteleuropäische Region (subatlantisch-herzynische und baltische Region) mit ihrer großen standörtlichen Breite von Buchenwäldern und ihren Schwerpunkt-Vorkommen von „bodensauren“, submontanen Buchenwäldern sowie den einzigen noch vorhandenen Tiefland-Buchenwäldern innerhalb des europäischen Gesamtareals.
• Die illyrisch-mösisch-balkanische Region als ehemals bedeutender, glazialer Refugialraum sowie als Diversitätszentrum der europäischen Buchenwaldflora im Übergang zu den vorderasiatischen Buchen-Vorkommen („mösisches Element“). Illyrische und balkanische Buchenwälder weisen im Vergleich mit den phylogenetisch „jungen“ Buchenwäldern Mitteleuropas eine längere Habitat-Tradition auf. Im südöstlichen Balkan stellen die „Westeuxinischen Orientbuchenwälder“ eine für die Entwicklungsgeschichte der Buchenwälder bedeutende Reliktgesellschaft dar.

Ergänzend zu den drei großen biogeographischen Buchenwaldregionen wurden auch die atlantisch-westeuropäische sowie die südeuropäische (zentral-mediterrane und pyrenäisch-iberische) Buchenwaldregion mit ihren ehemals glazialen Refugialgebieten in den Pyrenäen und in Süd-Italien in das Cluster einbezogen. 

Bei der Bewertung der Einzelgebiete spielten Merkmale wie der Naturnähegrad („Unversehrtheit“) und der Schutzstatus als Auswahlkriterien gewichtige Rollen. Der spezifische „Mehrwert“ für die Eintragung der Ergänzungsgebiete im Rahmen eines gesamteuropäischen Weltnaturerbe-Clusters sollte sich aus deren Bedeutung für den noch im Gang befindlichen Ausbreitungsprozess der europäischen Buchenwälder ableiten.

Verpflichtung, Chance und Herausforderung

Das Einbeziehen des kompletten Spektrums der europäischen Buchenwaldgebiete (unter dem neuen Titel „Buchen-Urwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“) in die UNESCO-Welterbeliste eröffnet innovative und zukunftsweisende Möglichkeiten der multilateralen Zusammenarbeit. Erstmalig besteht die Chance, den herausragenden Naturwert eines Ökosystems, dessen Entwicklungsgeschichte fast einen ganzen Kontinent geprägt hat, als umfassendes paneuropäisches „Welterbe“ zu etablieren und dessen Schutz somit in den Verantwortungsbereich der gesamten Menschheit zu übertragen. Eine solche „kontinentale“ serielle Nominierung wäre zudem ein beispielgebendes Modell für die Praxis zukünftiger Welterbe-Anerkennungen vor dem Hintergrund der aktuellen globalen Entwicklung, die eine intensivere Zusammenarbeit auf internationaler Ebene geradezu herausfordert.  
Ein Welterbe-Projekt, das beinahe den gesamten Kontinent erfasst, bietet außergewöhnliche Chancen auf multinationaler Ebene. Zu erwarten sind vielfältige Synergie-Effekte beim Aufbau schlagkräftiger Schutzgebietsverwaltungen (vor allem in Osteuropa) und beim Gebietsmanagement. Über das Netzwerk der Schutzgebiete, die dem Welterbe-Cluster angehören, werden in der Forschung und Umweltbildung durch den angestrebten Wissensaustausch nationale Grenzen überwunden und vor allem in der Wald-Ökosystemforschung neue Akzente gesetzt. Bereits im Vorfeld der Vorbereitungen zum Nominierungsverfahren hat sich ein Netzwerk von Wissenschaftlern und Naturschutz-Fachleuten gebildet („Beech Forest Network of Europe“). In einer „Vilmer Resolution“ prangerten die Wissenschaftler im November 2015 den ungehemmt fortschreitenden Holz-Raubbau vor allem in Südosteuropa an, verbunden mit der Forderung nach einem „Abholzungsmoratorium in europäischen, alten reifen Rotbuchenwäldern, insbesondere in geschützten Gebieten und im Staatseigentum.“
Eine intensive Zusammenarbeit der Akteure auf europäischer Ebene ist gerade jetzt dringend notwendig, denn der wirtschaftliche Druck auf die europäischen Wälder nimmt dramatisch zu. Die ungezügelte Nachfrage nach Holz als Biomasse bringt auch die nicht geschützten Buchenwälder immer stärker in Bedrängnis.
In West- und Mitteleuropa sind Schutzgebiete mit natürlichen Laub- und insbesondere mit Buchenwäldern noch immer dramatisch unterrepräsentiert. In Deutschland umfasst der Anteil streng geschützter Buchenwälder nur bescheidene 0,5 Prozent (!) der Gesamtwaldfläche. Bisherige Anstrengungen, die Wälder im Rahmen des europäischen Netzwerks Natura 2000 stärker zu schützen, sind kläglich gescheitert. Staaten wie die Bundesrepublik Deutschland nehmen ihre Verantwortung für den Schutz der Buchenwald-Ökosysteme nicht wahr! Mit dem Weltnaturerbe-Cluster der UNESCO wird lediglich eine sehr begrenzte repräsentative Auswahl von ökologisch noch intakten Buchenwäldern geschützt. Um das Weltnaturerbe auf Dauer substanziell zu erhalten, ist eine Strategie aller Länder notwendig, die ein möglichst dichtes Verbundsystem von geschützten und wirtschaftlich genutzten Buchen- und Laubwäldern umfasst. Dieses Verbundsystem würde weit über den strengen Schutz einiger ausgewählter Einzelgebiete hinausgehen und auch Waldgebiete einbeziehen, die zwar wirtschaftlich genutzt werden, aber noch über ein entsprechendes natürliches Entwicklungspotenzial verfügen.
Noch ist die Einrichtung eines staatenübergreifenden Verbundsystems mit unterschiedlich großen Kern- und Entwicklungsflächen und verbindlich festgelegten Handlungsschwerpunkten nur eine Vision. Sie Realität werden zu lassen, würde einen kompletten Wandel der Forst- und Waldpolitik erfordern – auf nationaler Ebene genauso wie auf europäischer. Ein erster Schritt wäre die grundlegende europaweite Reformierung der Handlungsrichtlinien für Wald-Lebensraumtypen (Stichwort: Natura 2000), die bislang durch Einflussnahmen der Forstlobby massiv unterwandert werden. In Naturschutzkreisen wird die Erweiterungsnominierung europäischer Buchenwälder mit der Hoffnung verknüpft, dass mit ihr auch das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung unserer Wälder zunimmt und dies ein Umdenken auf politischer Ebene beschleunigen könnte. Vor übersteigerten Erwartungen sollte man sich allerdings hüten. Wald-Naturschutz ist hierzulande noch immer mit dem geduldigen „Bohren dicker Bretter“ verbunden!     


Norbert Panek
Agenda zum Schutz deutscher Buchenwälder
Autor des Text-Bildband „Nationalpark Kellerwald-Edersee – Welterbe in Hessen“

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