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Der Weinbergschnecke auf der Spur

NABU Brandenburg startet Melde-Aktion

Eigentlich ist die Weinbergschnecke in unseren Gärten ein altbekannter Gast. Doch seit einigen Jahren macht auch dieser Art die immer intensiver werdende Landwirtschaft stark zu schaffen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte unser altbekannter Gast schon bald zu einem seltenen Anblick werden.

Die Weinbergschnecke (Helix pomatia L.) zählt zu den bekanntesten Landschnecken Brandenburgs, unter deren 104 einheimischen Arten ist sie zugleich die größte. Mit ihrem bräunlich gefärbten Gehäuse ist sie vergleichsweise auffällig – ebenso wie ihr mitunter langanhaltende Liebesspiel, welches z.T. mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann. Während ihrer Paarungszeit kann man Weinbergschnecken daher gut bei der Fortpflanzung beobachten. Vor allem verregnete Sommertage bieten sich hierfür an, wenn die Tiere zur Partnersuche aus ihren Verstecken kommen.
Die Geschichte der Weinbergschnecke ist bereits seit langem mit dem Werdegang des Menschen verknüpft. Schon in der Antike waren die Weichtiere fester Bestandteil der Speisepläne und wurden in großflächigen Kulturen gezüchtet. Auch im Mittelalter und in den folgenden Jahrhunderten wurden Weinbergschnecken gerne verzehrt. Im religiös geprägten Europa geschah dies vor allem zur Fastenzeit, denn der Bibel nach waren Schnecken weder Fisch noch Fleisch.
Auch heute gelten Weinbergschnecken vielerorts als Delikatesse. Im Jahr 2003 wurde die erste Schneckenzuchtanlage in Deutschland eröffnet. Seitdem hat sich die Zahl solcher Betriebe aufgrund hoher Nachfrage auf rund 30 erhöht – Tendenz steigend (Quelle: Bundeszentrum für Ernährung).
Weinbergschnecken können aber nicht nur kulinarisch überzeugen. Auch bei biologischen Untersuchungen fanden und finden sie häufig Verwendung. Während mehrere Forschergenerationen – F. Leydig, R. Hesse oder C. Schwalbach seien für sie beispielhaft genannt – über Jahrhunderte der Beschaffenheit des Linsenauges von Weinbergschnecken nachgingen, interessiert sich die heutige Forschung vor allem für die komplexen Stoffwechselprozesse, die während der Kältestarre in den Tieren ablaufen sowie für die Zusammensetzung des von ihnen abgesonderten Mucus (lat. für Schleim).
Aufgrund ihres wirtschaftlichen Wertes breitete sich die Weinbergschnecke unter Mithilfe des Menschen über die Jahrhunderte weit über ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus aus. Weinbergschnecken sind daher heute in vielen Teilen Mitteleuropas anzutreffen. Die deutschen Verbreitungsschwerpunkte befinden sich vor allem in den Kalkgebieten in West-, Mittel- und Süddeutschland. Doch die scheinbar flächendeckende Verbreitung trügt. In weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes sind die lokalen Vorkommen zunehmend gefährdet. Vielerorts wird der Weinbergschnecke ihr markant „erdig-nussiger“ Geschmack zum Verhängnis, das gezielte Absammeln der wildlebenden Weinbergschnecken durch Schneckenliebhaber bedroht mehr und mehr deren Bestände.
Doch nicht nur die „Schneckenjäger“ bedrohen die Weinbergschnecke. Probleme bereitet ihr vor allem die immer intensiver werdende Landwirtschaft. Offene Gebiete, in denen Weinbergschnecken natürlicherweise anzutreffen wären, sind für die Tiere heute oft entweder kaum noch oder gar nicht mehr nutzbar. Verantwortlich dafür sind sowohl der hohe Einsatz mineralischer Düngung als auch die intensive Bodenbearbeitung und der vermehrte Gebrauch von Insektiziden.
Eine weitere Gefahr lauert mittlerweile deutschlandweit in vielen Gärten auf die Weinbergschnecke: Befürworter „schneckenfreier Gärten“ lassen kein Mittel unversucht, um unsere kriechenden Freunde von dort zu verbannen. Überwiegend wird dabei auf „Schneckenkorn“ zurückgegriffen, das inzwischen auch vom Onlinehandel massenhaft angeboten wird.
Aufgrund der zahlreichen Bedrohungen gestaltet sich das Überleben für die Weinbergschnecke in ihren einstigen Lebensräumen immer schwieriger. Infolgedessen ist die Art inzwischen nach Bundesartenschutzverordnung und FFH-Richtlinie (Anhang V) geschützt. Doch in vielen Bundesländern ist das Vorkommen der eigentlich so markanten Art mittlerweile ungewiss. Als Reaktion darauf ruft der NABU Landesverband Brandenburg dazu auf, die aktuellen Vorkommen der Weinbergschnecke im Rahmen einer Melde-Aktion zu erfassen. Methodische Erfahrungen konnte der Verband bereits bei der in Zusammenarbeit mit der Naturschutzstation Zippelsförde erfolgreich durchgeführten Aktion zur Erfassung der „Allerweltsarten“ Eichhörnchen, Igel und Maulwurf sammeln.
Im Ergebnis der Melde-Aktion erhofft sich der NABU Brandenburg, einen umfassenden Überblick über die derzeit ungeklärte momentane Verbreitung der Weinbergschnecke in Brandenburg zu erhalten. Er bittet daher alle Personen, die Weinbergschnecken in freier Natur beobachtet haben, Ort und Zeitpunkt mithilfe des auf der NABU-Webseite abrufbaren Kontaktformulars zu melden (Link s. Kasten). Die neugewonnenen Informationen werden dann die Grundlage sein, um eventuell notwendige Schutzmaßnahmen einzuleiten – damit uns der altbekannte Gast auch weiterhin erhalten bleibt. Wir hoffen auf Ihre Mitarbeit!

Johannes Teubner


Unter https://brandenburg.nabu.de/tiere-und-pflanzen/sonstige-arten/24240.html können Sie die von Ihnen beobachteten Weinbergschnecken ganz einfach an den NABU Brandenburg melden. Vielen Dank!

Gern können Sie aber auch folgende Wege nutzen:
NABU Brandenburg
Telefon: 0331 20 155 70
E-Mail: mitmachen@NABU-brandenburg.de

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