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Gemähtes Paradies

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist.“ Mit diesen Worten beschreibt die Bibel den Rauswurf der Menschen aus dem Paradies.

An diese noch zu Ende bringende Vertreibung aus dem Paradies werde ich jedes Wochenende erinnert, wenn Rasentraktoren, Mäher und Motorsensen dröhnend Auslauf erhalten. Irgendein Ordnungsprinzip wird dabei sicherlich umgesetzt. Ich weiß aber nicht, welches. Vielleicht einfach: Kurzer Rasen ist ordentlich und ordentlich ist schön. Oder sind es unsere Bauernwurzeln, die uns treiben, der Natur ihren Willen aufzuzwängen?
Nun, meine Bauernwurzeln sind kräftig. Auch ich arbeite im Schweiße meines Angesichtes. Mähe um unsere blühenden Stauden, verspreche der Brennessel, ihr lebenslang Raum zu lassen. Halte eine Sandfläche für Kinderstuben der Wildbienen pflanzenfrei. Helfe meinem Waldbeet mit Leberblümchen, Bärlauch, Seidelbast oder Gelbem Eisenhut über Dürrezeiten und freue mich, wenn sich auf Steinwärme Zauneidechsen sonnen. Das ganze Pflanzenjahr werde ich reich bedankt. Mit den Blüten von Küchenschellen, Königs- und Nachtkerzen, Mohn, Malven, Disteln, Herzgespann, …
Ihre Farben erhellen meine Augen, ihre Düfte betören meine Nase, ihre Vielfalt lässt mein Herz höher schlagen. Und erst die farbensprühenden Feste in den Schenken. Honigbienen sammeln ihr flüssiges Gold. Admiral, Distelfalter, Pfauenaugen und wie sie alle heißen taumeln von Blüte zu Blüte. Selten prüft ein Schwalbenschwanz Dill, Möhre oder Weinraute, ob er sie zur Puppenstube adeln kann. Den ganzen Sommer ist Betrieb am Insektenhotel. Wenn sich die himmelblauen Blüten der Wegwarte öffnen, sammeln Hosenbienen weißen Pollen. Ameisenlöwen werfen ihre Fangtrichter in die Sandflächen. Seltene Arten wie die Borstige Dolchwespe oder der Trauerrosenkäfer erquicken sich am Baldrian. In der Abenddämmerung finden Fledermäuse um Obstbaumkronen ihr Menü.
Ich stelle die Sense zur Seite. Schwitze gerne für mein Paradies. Zögere den Auszug hinaus. Lausche der Stille. Lasse meine Blicke schweifen.
Stutze. Denke an die vergangenen Bauerngärten. Mit ihren klar gegliederten und eng verwobenen Beeten, Kulturpflanzen und Blumen dicht an dicht. Ein Blütenmeer, eine ehrfürchtige Verneigung vor der Schöpfung.
An unseren Bauernwurzeln kann der verbissene Kampf gegen die Schöpfung in allzu vielen Vorgärten demnach nicht liegen. Woran aber dann? Vielleicht daran, dass wir sie und damit den Kontakt zum Leben verloren haben?

Roland Schulz

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