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Die Zahme Elster

Eines der bekanntesten Kinderporträts aller Zeiten ist das Gemälde „Manuel Osorio Manrique de Zúniga“ des berühmten spanischen Malers Francisco de Goya (1746-1828). Es ist zudem das beliebteste Bild des Metropolitan Museum of Art – gemessen an der Zahl verkaufter Postkarten.

Das Porträt, das auch als „Red Boy“ (roter Junge) bekannt ist, zeigt einen Knaben, der einen kostbaren roten Anzug mit weißem Spitzenkragen und weißer Schärpe mit Schleife und weiße Stoffschuhe trägt. In seinen Händen hält er an einer Schnur eine Elster, die am linken Bein festgebunden ist. Mit ihrem charakteristischen schwarz-weißen Gefieder und ihrem langen Schwanz ist die Elster naturgetreu wiedergegeben. Sie fasst mit ihrem Schnabel einen Zettel, auf dem die Signatur des Künstlers zu sehen ist. Zur Linken des Kindes steht ein Vogelkäfig mit Stieglitzen. Drei Katzen sitzen zu seiner Rechten und starren gebannt auf die Elster. Auf der Inschrift am unteren Bildrand ist sowohl der Name des Dargestellten als auch sein Geburtsdatum, 11. April 1784, zu lesen.
Francisco de Goya war ein begnadeter Porträtmaler und schuf viele Bildnisse der spanischen Aristokratie und von Mitgliedern der Königsfamilie. 1786 wurde er Hofmaler von König Karl III. und zwei Jahre darauf von Karl IV.
Der Graf von Altamira beauftragte Goya gleich mit mehreren Bildnissen von Familienangehörigen, darunter auch dem seines Sohnes Manuel, der bereits als Achtjähriger verstarb.
Die Darstellung von Tieren in Kinderporträts hat in der spanischen sowie in der englischen Malerei eine lange Tradition. Während manche Tierarten wie etwa Affen oder Falken (vgl. naturmagazin 3/2007) auf Porträts als kostbare Statussymbole verwendet wurden, sind Manuels Haustiere hier eher von symbolischer Bedeutung, denn sowohl Katzen als auch Elstern und Stieglitze waren zur Entstehungszeit des Bildes durchaus erschwinglich.
Durch ihre Gabe, ganze Worte und sogar Lieder wiederzugeben, war die Elster als Haustier und Käfigvogel sehr beliebt.
Schon seit dem ausgehenden Mittelalter vertrieb sich der Adel mit lernfähigen Vögeln gerne die Zeit, und domestizierte Vögel waren als „Spielzeug“ ein beliebtes Geschenk für Kinder. Der zahme und gelehrige Krähenvogel an der Leine wird in Goyas Gemälde als Sinnbild der Erziehung zur Tugend eingesetzt – im Spiel lernt das Kind seine guten Fähigkeiten herauszubilden, um zu gesellschaftlicher und häuslicher Tugend zu gelangen. Die Zahmheit der Elster ist eine Metapher für den Knaben, der sittsam und wohlerzogen wiedergegeben ist.
In diesem Zusammenhang sind auch die Stieglitze zu deuten: potentiell von der Anwesenheit der Katzen bedroht, sind die äußerst gelehrigen Vögel im geschlossenen Käfig ein Sinnbild für die bewahrte Tugend. Wegen seiner Farbenpracht – rote Gesichtsmaske und schwarzgelbe Flügel – und des fröhlich klingenden Rufs “stiggelittt” (daher der deutsche Name) ist der Stieglitz immer noch einer der beliebtesten Stubenvögel Südeuropas. Obwohl er sich gut züchten lässt, wird er etwa in Malta bis heute mit Netzen gefangen.
Mit der Anwesenheit der drei Katzen baut Goya eine unruhige Spannung im Bild auf, denn jeden Moment könnte Gewalt ausbrechen, indem sie die Elster oder Stieglitze angreifen.
Katzen werden häufig als Symbol mit dem Bösen und dem Teufel assoziiert.
Während auf Manuels Kinderporträt die Elster positiv belegt ist, kam ihr im Aberglauben ebenso wie der Katze oft eine negative Bedeutung zu, und man brachte sie mit Unheil, Leid und Not in Verbindung. Die Bedeutung aber konnte auch je nach Anzahl des Vogels schwanken, wie ein englischer Zählreim über Elstern zeigt, der noch heute in seiner modernen Version jedem Kind in Großbritannien beigebracht wird: “One for sorrow, Two for joy, Three for a girl, Four for a boy, Five for silver, Six for gold, Seven for a secret never to be told.” (Eine für Leid, zwei für Freude, drei für ein Mädchen, vier für einen Jungen, fünf für Silber, sechs für Gold, sieben für ein niemals preiszugebendes Geheimnis).
Heute wird die Elster bei uns oft negativ beurteilt, da zu ihrer Nahrung auch kleine Singvögel gehören (wenngleich diese bei Stadtelstern nur 5–8 Prozent der Ernährung bilden). Immer wieder gibt es Forderungen von Laien und Jägern, die Vögel zu dezimieren, obgleich sie nachweislich keine Auswirkungen auf den Bestand anderer Singvögel haben.
Die Elster ist durch das Bundesnaturschutzgesetz während der Brutzeit geschützt. Dennoch werden sie brütend immer wieder aus Nestern geschossen oder gar ihre Nester – meist in hohen Baumwipfeln angelegt – zerstört. Dabei allerdings vernichtet man zugleich potentielle Brutplätze von Waldohreulen, Baum- und Turmfalken, denn diese bauen keine eigenen, sondern nutzen von Krähenvögeln verlassene Nester.
Die Autorin erinnert sich aus ihrer Kindheit noch an eine andere Eigenschaft der Elster, derentwegen diese im Volk ebenfalls unbeliebt war. Eine halbzahme Elster, die oft durchs offene Dachfenster ins Wohnzimmer der Großmutter geflogen kam, sammelte dabei mitunter auch glitzernde Gegenstände und trug sie im Schnabel davon. Die italienische Oper La gazza ladra (Die diebische Elster) von Gioachino Rossini, die 1817 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, greift diese Besonderheit des Vogels auf. In ihr wird eine junge Frau zum Tode verurteilt, weil man sie des Diebstahls eines silbernen Teelöffels bezichtigt. Kurz vor ihrer angesetzten Hinrichtung findet sich schließlich der fehlende Löffel im Nest einer Elster.
In den vergangenen Jahren hat der Bestand der Elster als anpassungsfähiger Kulturfolger im Stadtbereich von Berlin kontinuierlich zugenommen. Gleichzeitig aber ging ihr Vorkommen durch die Intensivierung der Landwirtschaft in den Feldfluren im Umland deutlich zurück, weil viele Brutgehölze vernichtet wurden. Der NABU setzt sich seit langem landesweit mit Aufklärungsarbeit zum Abbau von Vorurteilen gegenüber der Elster und anderer Krähenvögel ein. Bleibt für die Elster zu hoffen, dass ihr Image in Zukunft wieder so positiv belegt sein werden wird wie auf Goyas Porträt.

Iris Fleckenstein-Seifert

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