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Lebendiges Lernen

Ein Besuch in der Biosphäre Potsdam

Ein Blick durch die Glasfronten verheißt nichts Gutes. Schon auf der Hinfahrt hatte der Wind den Boden viel zu trockener Felder aufgewirbelt. Nun kam der Regen in kräftigen Schüben. Hier drinnen merken wir von all dem kaum etwas. Dafür ist es laut im Foyer der Biosphäre Potsdam. Mehrere Schulklassen haben ihren Rundgang gerade beendet und warten auf ihren Bus.

Verabredet sind wir mit Hubertus Rufledt, unserem Biosphären-Guide für die nächsten ein bis zwei Stunden. Entlang barrierefreier Pfade wird er uns von der Strauchschicht bis in die Kronenregionen des Riesengewächshauses führen. Gespannt sind wir auch auf die Bewohner des Schmetterlingshauses. Es erwartet uns auf etwa halber Strecke.
Rund zweihunderttausend Besucher kommen jährlich in die Biosphäre Potsdam. Zurecht ist man dort stolz auf diese Zahl. Die im Rahmen der Potsdamer BUGA (2003) im Jahr 2001 errichtete und ein Jahr später eröffnete „Biosphäre“ erfüllt heute eine Vielzahl von Funktionen. Man versteht sich als außerschulischer Lernort und bietet Schulen ein umfangreiches Angebot, bestehend aus Workshops und Arbeitsmaterialien. Für die Klassenstufen 1 bis 8 heißt es dann beispielsweise „Von der Kakaofrucht zur Leckerei – Mach deine eigene Schokolade“. Den 11. und 12. Klassen werden Themen wie „Tropen – Nutzung und Schutz eines Ökosystems“ eher gerecht. Die insgesamt sechs angebotenen Workshops werden durch Entdeckungstouren und Themenführungen ergänzt, die separat gebucht werden können. Die Vorbildung der Schülergruppen sei sehr unterschiedlich, erzählt uns Rufledt. Manche Gruppen kämen bestens vorbereitet und immer wieder sei er erstaunt, was gerade Schüler aus sogenannten „Problemkiezen“ in die Diskussionen mit einbrächten. Und dann gibt es natürlich auch die anderen, denen jegliche Naturerfahrung fehlt und die bei jedem sich nähernden Insekt zusammenzucken. So unterschiedlich wie die Schüler seien auch die Lehrer. So mancher genieße es, die Verantwortung für zwei Stunden abzugeben, die meisten seien aber mit Elan dabei.
Unser Rundgang beginnt mit den ersten Exponaten einer seit drei Jahren bestehenden Dauerausstellung mit dem Titel „Geniale Natur“. Was Forscher der Fachrichtung Bionik herausgefunden haben, wird dort anhand von Modellen und Schautafeln für Jedermann verständlich. Nicht fehlen dürfen natürlich Klettverschluss, Haifischhaut und Lotuseffekt. Auf unserem weiteren Weg werden wir immer wieder auf die in natürlichen Formen gestalteten (beispielsweise als Bienenwaben) Schautafeln stoßen und dabei auch weniger bekannte Dinge erfahren.
Nach diesem einführenden Technik-Exkurs betreten wir nun die eigentliche Pflanzenhalle. Temperaturen von 25 Grad Celsius und tropische Luftfeuchtigkeit lassen Urlaubs-Feeling aufkommen. Etwa 20.000 Pflanzen warten darauf, von den beiden hauptamtlichen Gärtnern der Biosphäre betreut und von den staunenden Besuchern betrachtet zu werden. Da wäre beispielsweise der „Baum der Reisenden“, das Wahrzeichen Madagaskas. Anhand seiner Ost/West ausgerichteten Blätter konnten sich Reisende einst orientieren und ihren Durst am Saft der Pflanze stillen. Hierzu musste diese allerdings angebohrt werden.
Schaurig wird es beim Bambus. Hubertus Rufledt erzählt uns von alten Foltermethoden, die Stangen wachsen bis zu einem Meter am Tag … Viel lieber betrachten wir die Kakao-Pflanzen, die wohl auch in der Biosphäre manchmal Ernte abwerfen sowie die riesige Bananen-Staude. Bewegungshungrigen Kindern mag entgegenkommen, dass es an verschiedenen Stellen die Möglichkeit gibt, zu kurbeln und zu pumpen. Natürlich nicht zum Selbstzweck, sondern um zu demonstrieren, wie mühsam es für eine Pflanze ist, Wasser zu fördern oder den Geysir in Gang zu setzen. Nicht nur bei Kindern beliebt sind die ca. 120 verschiedenen Tierarten, die in der Biosphäre leben. Einige von ihnen sind „Freigänger“, beispielsweise die Zebrafinken und Goldfasane. Andere Arten haben ihr Zuhause in Terrarien, etwa der in Mittel- und Südamerika vorkommende Grüne Leguan oder auch die Argentinische Regenbogenboa. Die von Schülern hin und wieder gestellte Frage, ob es in der Biosphäre auch Krokodile gäbe, muss Hubertus Rufledt jedoch verneinen. Es gibt zwar auch Wasserflächen, dort leben aber nur Schmuckschildkröten und Kois. Zumindest zeitweise ihr Gehege verlassen dürfen die Stabschrecken. Auf Besucherhänden hinterlässt ihr langsam schreitender Gang stets ein seltenes Erlebnis.
Wir verlassen die Krautschicht und folgen dem langsam ansteigenden Pfad. Vor uns befindet sich nun das Schmetterlingshaus. An dessen Eingang weist uns ein Schild darauf hin, stets eine der beiden hintereinander angeordneten Türen geschlossen zu halten. Die Schmetterlinge gehören offensichtlich nicht zu den „Freigängern“. Die Schleuse erfüllt aber noch einen weiteren Grund: Hinter ihr steigt die Temperatur merklich um mehrere Grad an und die Luftfeuchtigkeit trennt nur wenig von Regen. Doch der Gang hinein lohnt: An Futterschalen und Pflanzen sitzend erwarten uns Schmetterlinge in hierzulande unbekannter Größe und Farbenpracht. In einer Art Brutkasten hängen fein säuberlich aufgereiht ihre Puppen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Eingekauft werden die Falter nämlich noch in dieser frühen Entwicklungsform, ihre zauberhafte Verwandlung zum Schmetterling verläuft vor den staunenden Augen der Besucher. Hat ein Schmetterling sich seiner Hülle entledigt und die Flügel entfaltet, braucht der gläserne Kasten nur noch um einen Spalt geöffnet zu werden. Drei bis vier Wochen wird er nun zwischen Blüten, Obstschalen und Besucherköpfen hin und her taumeln – länger dauert ein Schmetterlingsleben nicht.
Auf unserem weiteren Weg passieren wir noch eine Ausstellung zur Tiefsee, verschiedene Aquarien sowie das Restaurant „Urwaldblick“ und ein Café im Tropenstil. Wir werfen auch einen kurzen Blick in einen Veranstaltungssaal, der bis zu 1.200 Personen fasst. Und wir hören davon, dass Senioren an bestimmten Tagen vergünstigt Kaffee und Kuchen bekommen und sich dabei an den Pflanzen und Tieren erfreuen können. Wir hören von Familien, die wiederholt von weit her zum Kindergeburtstag in die Biosphäre kommen und von tropischen Nächten mit Salsa-Kursen. Es gibt offensichtlich viele Gründe, die Biosphäre zu besuchen.

Christof Ehrentraut

 


Info

Biosphäre Potsdam

Die Biosphäre befindet sich Volkspark Potsdam (ehemaliger BUGA-Park), nur wenige Gehminuten von Schloss Sanssouci, Ruinen- und Pfingstberg sowie Cecilienhof entfernt.
Anschrift:
Georg-Hermann-Allee 99, 14469 Potsdam

Anfahrt:
Die Biosphäre Potsdam ist mit den Straßenbahnlinien 96 (Haltestelle Volkspark) und 92 (Haltestelle Campus Fachhochschule, 300 Meter entfernt) bequem erreichbar.

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 9 bis 18 Uhr
Samstag und Sonntag: 10 bis 19 Uhr

Preise:
Erwachsene: 11,50 Euro (ermäßigt: 9,80 Euro)
Kinder (5–13 Jahre): 7,80 Euro, (3–4 Jahre: 4,50 Euro, unter 3 Jahre: freier Eintritt)
Spezielle Angebote für Familien und Gruppen

Weitere Infos:
Tel.: 0331 550740, E-Mail: info@biosphaere-potsdam.de und www.biosphaere-potsdam.de

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