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Schlechte Verbindung

Biotopverbund in Brandenburg – Anspruch und Wirklichkeit

„Biotopverbund“ ist nicht erst seit kurzem ein oft verwendetes Schlagwort im Naturschutz – deutschlandweit ebenso wie in einzelnen Bundesländern. Auch die Europäische Staatengemeinschaft hat Anforderungen an ein „kohärentes Schutzgebietsystem“ NATURA 2000 formuliert, und mit dem Bundesnaturschutzgesetz gibt es in Deutschland eine hervorragende gesetzliche Grundlage für einen Lebensraumverbund.

Scharen von Landschaftsplanern haben in den vergangenen Jahren umfangreiche Konzepte und zahllose bunte Pläne erarbeitet. Ihnen allen ist zu entnehmen, wie sich die Lebensräume verschiedener Arten miteinander verbinden ließen. Erstellt wurden diese Planungen sowohl auf Bundesebene als auch auf Ebene der Länder. Und natürlich auch für Brandenburg. Doch wird der Biotopverbund auch „gelebt“?

Fachliche und rechtliche Grundlagen des Biotopverbundes

Ein wesentliches Merkmal einer intakten Natur- und Kulturlandschaft ist das Vorhandensein typischer Lebensräume. Welche dies im Einzelnen sind, hängt vom jeweiligen Naturraum und dessen abiotischen Bedingungen ab. Aber erst die charakteristische räumliche Verzahnung der einzelnen Lebensräume miteinander macht eine Landschaft „intakt“, ihre Biotope sind schließlich funktionell voneinander abhängig.
Der intakten Landschaft entgegen stehen jedoch ein wachsender, mit Flächenverbrauch verbundener Nutzungsdruck – vor allem durch Straßen- und Siedlungsbau – und eine fortschreitende Intensivierung der Flächennutzung – vor allem in der Land- und Forstwirtschaft. Beides führt sowohl zum direkten Verlust wertvoller Biotope als auch zur qualitativen und quantitativen Reduzierung von Lebensräumen wildlebender Tier- und Pflanzenarten. Mindestens ebenso gravierend ist jedoch die Zerstörung ökologischer Zusammenhänge in der Landschaft. Kleinerer Flächen, die aufgrund ihrer geringen Größe dadurch verstärkt Randeffekten ausgesetzt sind, geraten nun zunehmend in Isolation. Ihre Vernetzung ist jedoch die wesentliche Grundlage für einen kontinuierlichen genetischen Austausch zwischen den dort vorkommenden Teilpopulationen und somit die Voraussetzung für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Etliche von ihnen gingen auf diese Weise bereits teilweise oder vollständig verloren.
Für manche Arten sind die verbleibenden Biotopinseln für ein dauerhaftes Überleben der Populationen einfach zu klein. Besonders gravierend wirkt sich das auf Arten mit hohen Flächenansprüchen aus. Unter der eigentlichen Isolation leiden hingegen vor allem Tierarten mit vergleichsweise geringer Mobilität. Bei den Pflanzen sind in diesem Zusammenhang deren Verbreitungsmechanismen von großer Bedeutung.
Die Folge von Isolation ist häufig eine genetische Verarmung von Populationen, die sich letztlich in einer eingeschränkten „Fitness“ der Arten niederschlagen kann. Andere negative Einflüsse durch biotische (z.B. Beutegreifer, einwandernde Arten) oder abiotische Faktoren (z.B. extreme Witterungsereignisse, Klimawandel) können dann erhebliche Auswirkungen haben und im Extremfall das Auslöschen ganzer Populationen oder Teilpopulationen zur Folge haben.
Mit der Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes im Jahr 2010 wurde ein überarbeiteter, einheitlicher rechtlicher Rahmen für den Biotopverbund in Deutschland gegeben. Demnach soll der Biotopverbund Kernflächen, Verbindungsflächen und Verbindungselemente umfassen. Verschiedene Schutzgebiete wie Nationalparke, Naturschutzgebiete, Natura 2000-Gebiete und Biosphärenreservate oder Teile dieser Gebiete sowie gesetzlich geschützte Biotope im Sinne des § 30 BNatSchG sind per se Bestandteile des Biotopverbundes. Weitere Flächen und Elemente, einschließlich solcher des Nationalen Naturerbes, des Grünen Bandes sowie Teilen von Landschaftsschutzgebieten und Naturparken, sollen einbezogen werden, sofern sie zur Erreichung der Ziele geeignet sind.
Die erforderlichen Kernflächen, Verbindungsflächen und Verbindungselemente sind durch Erklärung zu geschützten Teilen von Natur und Landschaft, durch planungsrechtliche Festlegungen, durch langfristige vertragliche Vereinbarungen oder andere geeignete Maßnahmen rechtlich zu sichern. Gewässer, einschließlich ihrer Randstreifen, Uferzonen und Auen als Lebensstätten und Biotope für natürlich vorkommende Tier- und Pflanzenarten sind so weiterzuentwickeln, dass sie ihre großräumige Vernetzungsfunktion auf Dauer erfüllen können. Insbesondere in landwirtschaftlich geprägten Landschaften sollen zur Biotopvernetzung auch lineare und punktförmige Elemente wie Hecken, Feldraine oder Trittsteinbiotope erhalten werden. Wo sie nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind, sollen sie zum Zweck der aktiven Vernetzung neu geschaffen werden.

Von der Theorie zur Praxis – ein langer Weg

Das klingt gut und plausibel, was sich Wissenschaft und Gesetzgeber da ausgedacht haben. Doch wie steht es um die Umsetzung dieser großen Ziele in Brandenburg? Rechtlich und planerisch sieht das gar nicht schlecht aus. Wir haben ein großes, Flächen umfassendes Schutzgebietssystem unterschiedlichster Kategorien – allein das NATURA 2000-Schutzgebietsnetz umfasst in Brandenburg ca. 22 Prozent der Landesfläche, und weit über hunderttausend gesetzlich geschützte Biotope wurden erfasst und unterliegen einem strengen pauschalen Schutz.
Mit einer vom Autor verfassten fachlichen Konzeption für den Biotopverbund aus dem Jahr 2007 und einem 2013 als Materialien zum Landschaftsprogramm Brandenburg erarbeiteten Planungsband zum Biotopverbund liegen für verschiedene Artengruppen und Lebensraumkomplexe landesweit auch kartografisch dargestellte Biotopverbundplanungen vor. Einige Landkreise haben ihre Landschaftsrahmenpläne diesbezüglich aktualisiert oder separate Teilkonzepte zum Biotopverbund erstellt.
Doch wie sieht es in der praktischen Umsetzung aus? Haben wir in Brandenburg ein funktionierendes Netz miteinander verbundener Schutzgebiete und Biotope? Die Antwort ist ernüchternd: Trotz guter rechtlicher und planerischer Voraussetzungen und zahlreicher ergriffener Maßnahmen zur Vernetzung von Lebensräumen wurden bislang nur geringe Fortschritte erreicht. Man könnte es wie folgt zusammenfassen: Für die „Großen“ unter den diesbezüglich bedürftigen Tierarten wurde bereits viel getan. Doch für die „Kleinen“ – also für zahlreiche wirbellose Tiere und unsere krautigen Pflanzenarten – wurden landesweit bislang kaum wirksame Maßnahmen umgesetzt.

Positives und Negatives

Beginnen wir mit den positiven Entwicklungen – nicht nur, weil es sich schöner liest. Dank einer gemeinsam mit der Stiftung Brandenburger Naturlandschaften ergriffenen Initiative und umfangreicher Aktivitäten seitens der Brandenburger Verkehrsbehörden wurde mittlerweile eine ganze Reihe großzügiger und wirkungsvoller Grünbrücken über Verkehrswege mit extrem starker Zerschneidungswirkung (vor allem über Autobahnen und mehrspurige Bundesstraßen) errichtet, weitere sind in Planung. Die meisten dieser Bauwerke sind sehr gut an die beiderseits der zu überbrückenden Straßen gelegenen Lebensräume eingebunden. Mangelhaft ist der Biotopverbund allerdings noch an der A 2 zwischen Berlin und Hannover sowie an der A 24 zwischen Hamburg und Berlin. Die Aufnahmen diverser fest installierter Wildtierkameras belegen zudem, dass die vorhandenen Wildbrücken von den „Großen“ – von Rot- und Rehwild ebenso wie von diversen Beutegreifern – ausgiebig genutzt werden. Der Wolf kreuzt dort regelmäßig die gefährlichen Verkehrswege, und auch der Luchs hat mittlerweile (auch wenn es sich bislang nur um ein Tier handelt) den langen Weg aus dem Auswilderungsgebiet im Hochharz in die Niederlausitz gefunden.
Doch warum greifen all diese Bemühungen nicht auch für die „Kleinen“? Zum einen liegt es daran, dass sich die Ursachen für ihren Rückgang allein durch Planung und aktive Schaffung von Vernetzungsstrukturen nicht oder nur schwerlich beheben lassen. Denn trotz der ergriffenen Maßnahmen verschlechtert sich der Zustand vieler Lebensräume der Kulturlandschaft noch immer. Moore und Seen leiden unter permanentem Wassermangel und der meist irreversiblen Degeneration der Torfkörper. Artenreiche Wiesen und Trockenrasen können im Rahmen der bestehenden Agrar-Umweltprogramme und des Vertragsnaturschutzes nicht in der erforderlichen Art und Weise und auch nicht im erforderlichen Umfang angepasst genutzt oder gepflegt werden. Das Hauptproblem besteht daher vor allem darin, dass viele dieser durch historische Nutzungsformen entstandenen Lebensräume kaum noch in die moderne Landnutzung eingebunden sind. Sie verkommen dadurch immer mehr zu „musealen“ Pflegenotstandsgebieten, was besonders deutlich wird, wenn sich nicht einmal für deren Mahdgut sinnvolle Verwertungsmöglichkeiten finden lassen.
Gerade diese Lebensräume gehören aber bekanntermaßen zu den artenreichsten Biotopen Brandenburgs. Sie sind hierzulande sozusagen die Grundlage der biologischen Vielfalt und müssen als „Quellgebiete“ in einem guten Zustand erhalten oder dahin entwickelt werden. Nur so könnte ein Biotopverbund überhaupt funktionieren. Wo nichts ist, kann auch nichts woanders hinwandern – so einfach ist das. Nicht übersehen werden darf dabei, dass es beim Biotopverbund für viele Arten auch gar nicht darum geht, einzelne Lebensräume tatsächlich über „Korridore“ miteinander zu verbinden. Das A und O eines funktionierenden Biotopverbundes sind ausreichend große und viele, möglichst in geringen Abständen zueinander liegende Lebensräume gleicher Art bzw. vielfältige Biotopkomplexe. Sind diese zu weit voneinander entfernt oder in sich schon nicht mehr voll funktionsfähig, kann ein Biotopverbund nicht funktionieren. Und genau das ist in unserer von einer immer intensiver werdenden Landwirtschaft geprägten Landschaft häufig nicht mehr gegeben – sogar innerhalb von Schutzgebietsgrenzen unterschiedlicher Kategorien als auch außerhalb derer, wenn auch in verschiedenem Maß.

Was tun?

Vielen mittlerweile selten gewordenen Pflanzenarten fehlen heute nicht nur ausreichend große und regelmäßig verteilte (und entsprechend angepasst gepflegte) Lebensräume. Es fehlen ihnen auch die Vektoren, die für ihre Verbreitung in der Landschaft und zur Besiedlung potenziell nutzbarer Lebensräume unabdingbar sind. Es sind nämlich nur vergleichsweise wenige Pflanzenarten dank ihrer flugfähigen Samen in der Lage, alleine weit entfernte Flächen erreichen zu können. Die meisten Arten unserer Trockenrasen können dies jedoch nicht und wurden früher durch Hutehaltung und Wanderschäferei verbreitet. Im heutigen Brandenburg warten sie daher meist vergeblich auf Mitnahme.
Um dem entgegenzuwirken, bleibt nur, per Hand Saatgut auf geeigneten Flächen auszubringen. Recht leicht gelingt dies bei Mähwiesen mit der Übertragung von Mahdgut auf andere Flächen, deren Pflege jedoch gesichert sein muss. Gerade im Rahmen größere Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen lassen sich die verlorengegangenen Ausbreitungsmechanismen auf diese Weise wirksam ersetzen, wenn auch nur vereinzelt und relativ lokal, in jedem Falle aber ohne überregionale oder landesweite Wirkung.
Auch Brandenburgs Lebensräume, die von Natur aus „verbindend“ sind, wie die zahlreichen Fließgewässer, haben überwiegend noch nicht den Zustand erreicht, den sie nicht nur für einen funktionierenden Biotopverbund, sondern auch für die Umsetzung der Ziele der FFH- oder auch der Wasserrahmen-Richtlinie haben müssten. Zwar wurden bereits viele Fischtreppen und andere Aufstiegshilfen geschaffen, aber dennoch gibt es nach wie vor sehr viele Querbauwerke, die von Fischen und anderen Wasserorganismen nicht passierbar sind. Zudem funktionieren viele der teils mit großem Aufwand erbauten Aufstiegshilfen nicht oder nur in manchen Jahren, da etliche Fließgewässer zunehmend unter Wassermangel leiden oder sogar monatelang trockenfallen.
Auch die zahlreichen, zweifelsfrei sehr wichtigen Querungshilfen für Amphibien an Verkehrswegen können nur bedingt und nur sehr regional wirksam sein. An breiten Verkehrsadern wie Autobahnen oder Bundesstraßen stößt diese Strategie aufgrund der Passierlänge der Tunnel jedoch an Grenzen. Hervorragendes wurde übrigens in Zusammenarbeit mit den Verkehrsbehörden an Durchlässen für Gewässer geleistet, so dass vor allem der Fischotter heutzutage gefahrlos viele Bauwerke queren kann.

Anstelle einer Zusammenfassung

Knüpfen wir an das ganz am Anfang gesagte an: Ein funktionierender Biotopverbund ist wichtig und ein wesentlicher Bestandteil einer intakten Kulturlandschaft. Vor allem bedarf es dazu intakter und ausreichend großer Biotopflächen, die sich möglichst „naturnah“ und dicht in der Landschaft verteilen. Das alleine wäre für viele Arten – natürlich kombiniert mit einer entsprechend angepassten und in allen Bereichen weniger intensiven Landnutzung – der beste Biotopverbund.
Die Planung und Schaffung neuer – oder wiederhergestellter – Verbundstrukturen linearer Art ist hingegen in erster Linie eine schöne Theorie. Allerdings ist es in jedem Fall längst überfällig, die wunderschön bunten Planungen von der Bundesebene über die Länder bis hin zu den Landkreisen zumindest schrittweise umzusetzen. Aber eben vor allem in Kombination mit einer Verbesserung der Lebensraumqualitäten, damit die vielbeschworenen Wanderkorridore auch von den Arten genutzt werden können. Leere Investruinen gibt es in Brandenburg schon genug.

Frank Zimmermann

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