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Heller Tod

Straßenbeleuchtung wird unzähligen Insekten zum Verhängnis

Sie können ihm nicht wiederstehen. Wie magisch von ihnen angezogen umkreisen nachtaktive Insekten Straßenlaternen und anderes künstliches Licht. Doch mit jeder Umrundung werden sie schwächer und schwächer. Schließlich findet ihre Odyssee am heißen Lampenkörper ein jähes Ende oder sie fallen erschöpft zu Boden, werden dort zur leichten Beute.

Eine Erklärung, warum die Tiere nicht aus ihrer selbstmörderischen Kreisbahn entkommen können, lautet, dass ihr Orientierungssinn auf das weit entfernte Mondlicht geeicht ist. Egal wohin sie auch fliegen, der Winkel zu dieser natürlichen Lichtquelle ändert sich nicht. Anders bei der Straßenlampe. Schnell haben sie diesen vermeintlichen und mit seiner Strahlkraft so anziehenden „Mond“ passiert. Sie korrigieren den Kurs, damit der Winkel wieder stimmt. Immer und immer wieder, Runde für Runde.
Die schädliche Wirkung künstlichen Lichts auf die Insektenfauna ist längst unbestritten. Nicht abschließend geklärt ist allerdings die Frage, welchen Anteil die dem Straßenlicht zuzuschreibenden Verluste am aktuellen Insektensterben haben. Der Tagesspiegel berichtete im Februar dieses Jahres von Untersuchungen, bei denen festgestellt wurde, dass an einer Quecksilberhochdruckdampflampe in einer Nacht etwa 450 Insekten gezählt wurden. Ein Drittel der Tiere sei während dieser Zeit zugrunde gegangen. Etwas günstiger habe es sich an einer Laterne mit Natriumdampflampe verhalten, dort umschwirrten nur 180 Tiere das Licht. Auch zweijährige Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Naturpark Westhavelland legen einen deutlichen Einfluss am Insektensterben nahe: Pro Sommernacht würden in Deutschland vermutlich ca. eine Milliarde Insekten durch Straßenbeleuchtung irritiert werden, für viele ende dies tödlich.
Um die negativen Auswirkungen der Straßenbeleuchtung in Zukunft so gering wie möglich zu halten, ist es notwendig, sich näher mit den beeinflussenden Faktoren zu beschäftigen.

Licht ist nicht gleich Licht

Insekten reagieren nicht auf jedes Licht in gleicher Weise, ihre Facettenaugen sind vor allem für violettes Licht empfänglich. Nachtfalter haben ihr Empfindlichkeitsmaximum beispielsweise bei einer Wellenlänge von rund 410 nm. Zum Vergleich: Menschen nehmen Licht mit 510 bis 550 nm Wellenlänge am stärksten wahr, also solches im „grünen Bereich“.
Welche Wellenlängen von einer Lichtquelle in welchen Anteilen emittiert werden, hängt von deren Bauweise ab. Früher wurden Straßen häufig mit Quecksilberhochdrufdampflampen (HQL) ausgeleuchtet. Diese erzeugen ein helles, weißes Licht mit hohem Ultraviolett- und Blauanteil. Für den Insektenschutz sind sie daher die schlechteste Wahl. HQL-Lampen dürfen seit 2015 wegen ihrer schlechten Energieeffizienz innerhalb der EU zwar nicht mehr gehandelt oder neu in Betrieb genommen werden, im Altbestand leuchten aber jede Nacht noch viele dieser Lampen.
Im Vergleich weniger insektenanziehend wirkt sich das gelblichere Licht der Natriumdampf-Hochdrucklampen (NAV) oder das noch gelbere Licht von Natriumdampf-Niederdrucklampen (NA) aus. Ihre UV- und Blauanteile sind deutlich geringer als die der HQL-Lampen. Allerdings erlauben NA-Lampen mit ihrem gelben Licht kaum noch ein Farbsehen, sie sind daher beispielsweis im Bereich von Ampelanlagen oder Verkehrsschildern ungeeignet.
Uneins in ihrer Beurteilung sind sich die Experten noch über die seit einigen Jahren vor allem aus Energiespargründen installierten LED-Lampen. „Kaltweiße“ LED-Leuchten scheinen Insekten aber auf jeden Fall stärker anzuziehen als „warmweiße“, denn die Blauanteile des LED-Lichts sind je nach Typ unterschiedlich
Eine andere Sorge treibt aber derzeit so manchen Entomologen um, wenn die Rede auf stromsparende LED-Technik kommt: Deren vergleichsweise geringen Betriebskosten könnten dazu führen, dass auch Bereiche, die bisher aus Kostengründen nicht beleuchtet wurden, nun eine Laterne erhalten. Besonders problematisch wäre dies beispielsweise an bislang kaum beleuchteten Ortsrändern, wo helle Lichtquellen dann als „Insektenstaubsauger“ fungieren könnten, wie es der NABU in einem Ratgeber zur naturverträglichen Straßenbeleuchtung beschreibt. Und damit sind nicht die umliegenden zehn bis zwanzig Meter gemeint – bis zu zehn Kilometer könne die anziehende Wirkung von Kunstlicht reichen, beispielsweise, wenn eine hell erleuchtete Tankstelle in sonst dunkler Landschaft errichtet werde.

Mögliche Maßnahmen

Um die negativen Einflüsse möglichst gering zu halten, sollte daher genau überlegt werden, an welcher Stelle wieviel Licht tatsächlich benötigt wird. Oft ist es auch nicht notwendig, die Beleuchtung während der ganzen Nacht aufrecht zu erhalten. Bewegungsmelder, Dämmerungsschalter und Zeitschaltuhren können die Beleuchtungszeiten deutlich reduzieren. Auch konstruktiv ließe sich an vielen Lampen einiges verbessern. Zum einen müssen die Lampengehäuse dicht schließen, damit keine Insekten hineingelangen können. Außerdem sollten die Lampen ihr Licht aus möglichst geringer Höhe und nur nach unten abgeben. Im Boden eingelassene Strahler, die vor allem den Himmel beleuchten, wären das genaue Gegenteil und sollten vermieden werden. Ebenso sollten Hausfassaden, wenn überhaupt, nur von oben nach unten angestrahlt werden.
Bei der Wahl des Leuchtmittels sind für besonders sensible Bereiche – etwa an Gewässerrändern, an Parkanlagen oder am Ortsrand – NA-Lampen eine gute Wahl. Wie bereits erwähnt ist ihr gelbes Licht jedoch nicht für jeden Standort geeignet. Bei der Verwendung von LED-Lampen sind warmweiße oder gelbliche Varianten den kaltweißen vorzuziehen. Und manchmal ist – zumindest bei der Beleuchtung von Straßen und Gebäuden – weniger tatsächlich mehr.

Christof Ehrentraut

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