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Schattenspringer

Die Dürre belegt: Fünf vor zwölf war gestern

Es ist ein Trockenjahr ohne Beispiel. Alte Landwirte schütteln den Kopf auf die Frage, ob sie sich an eine ähnliche Dürre erinnern können.

Kiefernwälder brennen in Brandenburg. Feuerwehrleute stemmen sich dagegen. Dort, wo sie nicht brennen, sind Bäume geschwächt. Einzelne bereits vertrocknet. Bäume ohne ausreichende Abwehrkräfte sind Bodenpilzen wie den Hallimascharten oder Insekten wie Borkenkäfern, Nonne oder Eichenprozessionsspinner ausgeliefert. Mais verdorrt flächendeckend. Den Flüssen geht das Wasser aus. Bei Eisenhüttenstadt ist die Fahrrinne der Oder gerade noch 50 Zentimeter „tief“. Blaualgen vergiften Gewässer. Teichwirten drohen in aufgeheizten sauerstoffarmen Gewässern Verluste durch Fischsterben. Kraftwerke müssen ihre Leistung mangels Kühlwasser reduzieren.
Selbst Klimaforscher, die in der Mehrzahl seit Jahren vor diesem Wandel mahnen, sind von Rasanz und Ausmaß des schmelzenden Grönlandeises überrumpelt. Das schwächt die Strahlströme (Jetstreams). Diese sind für den Wandel der Wetterlagen in Europa mit verantwortlich. Wo kein ausreichender Jetstream, da kann sich ein Hoch an das nächste reihen. Wie 2018. Die Politik hat reagiert. Bund und Länder haben den Landwirten 340 Millionen Euro Ausgleich zugesagt. Und sonst?
Mich hat das Trockenjahr getroffen. Am liebsten würde ich mich wie eine Amöbe einkapseln und erst mit dem nächsten ausgiebigen Regen erwachen. Seit elf Jahren bin ich Imker. Bienen beobachten hilft, Natur zu verstehen. Nie zuvor habe ich erlebt, wie hartnäckig Hornissen Honigbienen angreifen und sogar versuchen, in ihr Allerheiligstes, den Bienenstock einzudringen. Bienen erwarten die mächtigen Panzertiere als geschlossener Teppich vor dem Flugloch und wehe, sie bekommen eine Hornisse in ihre Fänge. Wenn doch, überwältigen sie das wehrhafte Insekt, ersticken und überhitzen es in etwa 45 Minuten. Natürlich mit vielen toten Bienen. Notwehr, die keinem dient. Das sagt mir, die Hornissen finden keine anderen Eiweißlieferanten für ihren Nachwuchs. Keine Schwebfliegen, keine Hummeln, keine Schmetterlinge. Das Gros der Blühpflanzen ist vertrocknet, sogar tiefwurzelnde Luzerne.

Jetzt, Ende August, müsste der Garten von Admiralen, Tagpfauenaugen und Kleinen Füchsen nur so gaukeln. Doch nichts. Die Populationen der Tagfalter gehen seit Jahren in Brandenburg zurück. Das ist eine direkte Folge der Blütenarmut auf vielen Nutzwiesen und Äckern sowie vieler untergepflügter Weg- und Grabenraine. In diesem Jahr erledigt die Dürre den Rest. Nichts, nicht eine einzige Raupe an den Brennesseln.
In der Uckermark haben Ehrenamtliche, wie in weiten Teilen Brandenburgs, das nächste schlechte Storchenjahr registriert. Mit etwa 1,5 Jungtieren pro Paar kann der Bestand nicht gehalten werden. Dafür wären zwei Jungtiere nötig. Dieser Rückgang hat viele Gründe. Die Dürre hat Regenwürmer, die Hauptmahlzeit frisch geschlüpfter Küken, in die Tiefe getrieben. Frösche und Kröten, weit oben auf dem Speisezettel von Adebar, sind rar. Sie benötigen Tümpel und feuchte Wiesen für ihr Leben.
Ende August wandere ich auf braunem Laubteppich durch Wald. Es knistert und bricht unter meinen Füßen. Rilkes Zeilen begleiten mich. „Herr es ist Zeit, der Sommer war sehr groß, leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass den Regen los ...“, verändere ich unwillkürlich zwei Worte.
Als Mensch, der den Wald liebt, könnte ich heulen. Das wird nicht reichen. Wer das Trockenjahr 2003 nicht verstanden hat, mag 2018 verstehen. Landwirte können reagieren. Ihre Kollegen in südlichen Ländern wissen vielfältig erprobten Rat. Die ersten stellen die Feldfrüchte um, setzen Betriebsmittel wie Dünger nur ein, wenn es die Wetterlage sinnvoll erscheinen lässt. Viele wirtschaften längst pfluglos. Ein schwerer, ein gangbarer Weg. Vielleicht überlegt der eine oder andere, ob jede Drainage sinnvoll ist.
Oder es werden gar Stausysteme aktiviert, wie in der Zülowniederung bei Groß Machnow. Gewinn für Landwirtschaft, Natur, Gesellschaft.
Schwerer haben es Waldbauern und Förster. Allein mit den bisherigen Baumarten und Bewirtschaftungsmethoden wird das sich ändernde Klima große Lücken in das hohe Grün reißen.
Und Naturfreunde? Es sind die bekannten Forderungen. Das Wasser in der Landschaft halten. Zum Wohle der Gewässer, Moore, des Grundwassers. Biotopverbundsysteme in Agrarlandschaften etablieren, die Insekten, Amphibien, Vögel und vielen Arten mehr ein Auskommen ermöglichen. Blüten in die Landschaft tragen. An Wegrainen etwa blüht selbst im vertrockneten September Oregano, Schmetterlingsoase in der Wüste. Und so weiter. Es sind die längst bekannten Forderungen.
Behördlicher und ehrenamtlicher Naturschutz? Nun, wenn ein hoher ministerieller Naturschützer beim Besuch eines Naturschutzgebietes jüngst kommentiert, der Druck auf die wildlebenden Tier- und Pflanzenarten durch die Landwirtschaft werde in Zukunft noch stärker, und da könne er nichts machen, ist dies ein Zeugnis.
Gut, dass da noch viele andere sind. Wenn diese Akteure zusammenrücken, gemeinsame Ziele festlegen, Gräben zuschütten, über Schatten springen, können sie Karren ziehen. Wenn sie Verbündete bei anderen Landnutzern, in der Gesellschaft suchen, mag es gelingen, Politiker auf allen Ebenen in ihre Pflicht zu nehmen, die Daseinsvorsorge heißt. 
Natürlich dürfen und sollen Naturschützer auch weiterhin Schmetterlinge oder Vögel zählen und die Verlustlisten dokumentieren. Das wird aber nicht reichen.

Roland Schulz

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