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Ökowerk Berlin e.V. - Raubwild im Grunewald

Führungen mit dem "Ökowerk-Waldläufer"

Vor der fast schon traditionell letzten Führung des Ökowerks vor der Winterpause „Mit den Augen des Habichts“ hatte Bettina Funke die Gelegenheit mit Antonius Gockel-Böhner, dem „Ökowerk-Waldläufer“ und Dozenten der Führungen, über Raubwild im Grunewald allgemein und den Wolf im Speziellen zu sprechen.

Bettina Funke: Am 16. Dezember findet die Führung „Mit den Augen des Habichts“ statt. Was passiert da genau?
Antonius Gockel-Böhner: Wir, das sind neben mir Falkner, Greifvögel, Hunde und Frettchen, treffen uns um 11 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin. Zunächst stellen wir die Greifvögel vor, die im Grunewald heimisch sind, wie etwa Bussard, Sperber, Rohrweihe oder auch Habichte und Turmfalken. Wir haben Habichte dabei, die auf der Faust stehen und „abgetragen“ sind – sie sind geschult, im Zusammenwirken mit Mensch und Hund Beute zu machen. Dabei folgen sie dem natürlichen Jagdtrieb. Sie lernen aber, dass ihre Chance, an Beute zu gelangen mit Mensch und Hund größer ist. Und dennoch schlagen sie die Beute zunächst ausschließlich für sich selbst. Bei den letzten Wanderungen gab es übrigens regelmäßig Beute.

Was bedeutet Beizjagd?
Das kommt von „beißen lassen“ und leitet sich von den Falken ab, die ihre Beute in der Regel mit einem Genickbiss töten. Und aus dieser Verhaltensweise, dem „Beißen lassen“ oder althochdeutsch eben „beizen“, hat sich dieser Begriff im universalen Sprachgebrauch etabliert. Es beschreibt nun mehr allerdings die Jagd mit Greifvögeln insgesamt. Der Falke hat tatsächlich einen richtigen Falkenzahn am Schnabel für diese Handlung. Und das unterscheidet ihn auch vom Habicht oder Bussard, die das nicht haben.

Im Ökowerk sind dieses Jahr Turmfalken großgeworden. Was gibt es da zu beobachten?
Da kann man viel berichten. Kürzlich habe ich gesehen, dass der wilde Habicht den Turmfalken angejagt hat. Das geschah, nachdem der Turmfalke auf ihn gehasst hatte, sich also von oben auf ihn gestürzt hatte, um ihn aus seinem Revier zu vertreiben oder ihm zumindest den Aufenthalt unangenehm zu machen. Ich wunderte mich allerdings, dass der Turmfalke unter den Habicht geriet, was für ihn sehr gefährlich ist, weil der Habicht dann versucht, ihn zu greifen. Auch das müssen Turmfalken womöglich erst erlernen – deswegen denke ich, dass es einer „unserer“ drei Jungvögel war.

Habicht oder Falke, wer ist stärker?
Der Habicht nimmt den Turmfalken gern als Beute, wenn er ihn kriegen kann. Doch das ist schwierig für ihn, denn der Turmfalke ist als Falke ein sehr guter Luftraumflieger, wie etwa auch Schwalben und Mauersegler. Während der Habicht als „Shortwing“ mit kürzeren, aber breiteren Flügeln nur auf kurzer Distanz im Anzug sehr schnell ist – der Habicht ist von „0 auf 100“ der schnellste – kann er den Turmfalken bei einer langen Verfolgung aber nicht einholen.

Und was gibt es zu der Führung „Raubwild im Grunewald“ zu sagen? Welches Raubwild kommt denn im Grunewald vor?
Das ist hochinteressant, weil es ein dynamischer Prozess ist. Hatten wir in den 1960er und 1970er Jahren noch Fuchs, Iltis, Steinmarder und Baummarder als Hauptprädatoren im Grunewald, so kamen spätestens seit 2000 auch Waschbär, Marderhund – ein kleiner Wildhund, auch Enok genannt – und Mink hinzu. Also gleich drei weitere Beutegreifer, die hier leben und sich ernähren. Dabei gibt es Verdrängungseffekte, die noch genauer erforscht werden sollten. Beispielsweise, dass der Iltis dort zurückgeht, wo der Mink zunimmt. Der Mink ist ein Iltisverwandter aus Nordamerika, der hier eigentlich erst vorkommt, seit er aus Pelztierfarmen befreit wurde. Obwohl die meisten Tiere verendeten, konnte sich dennoch ein Bestand etablieren, der sich gut hält und eher zunimmt. Wo allerdings der Fischotter vorkommt, dessen Bestand zumindest stabil erscheint, geht es dem Mink an den Kragen. Die Otter halten sich nicht an der Havel auf, sondern ziehen dort nur ab und an vorbei. Bestätigt wurde das dadurch, dass vor Jahren meines Wissens nach ein Otter in eine Schiffsschraube geraten ist.
Bei Fuchs und kleinem Wildhund ist noch gar nicht so viel bekannt. Doch beide ziehen ihre Jungen im Bau groß und sind schon an dieser Stelle Konkurrenten. Noch dazu gekommen ist der Architekt dieser Baue, der Dachs. Der war in den 1960er und 1970er Jahren so gut wie nicht vertreten, weil die Baue begast wurden. Eigentlich galt das Begasen dem Fuchs. Dieser war jedoch tagsüber, als die Begasung erfolgte, selten im Bau, der Dachs jedoch immer. Hintergrund war die sporadisch enorme Durchseuchung der Füchse mit der auch für Menschen gefährlichen Tollwut, die zu dem Zeitpunkt noch nicht behandelbar war. Inzwischen ist es gelungen, die Füchse durch das Auslegen von Impfködern zu immunisieren, sodass wir in diesem Jahrtausend noch keinen Tollwutfall in Berlin verzeichnen mussten.
Interessant ist noch, dass zumindest der Waschbär, eventuell aber auch der Mink, als Amphibienliebhaber in Erscheinung tritt, was sich besonders bei der Amphibienwanderung bemerkbar macht.

Kommen wir noch einmal kurz zu den Mardern zurück. Welcher knabbert denn jetzt eigentlich so gerne bei den Autos die Schläuche und Leitungen an?
Die Familie der Marder reicht von dem hier auch vorkommenden Mauswiesel bis hin zum hier nicht vorkommenden Vielfraß. Die meisten sind im Grunewald heimisch, auch der Baummarder, der europäische Zobel sozusagen. Er ist für uns kaum von dem Haus- bzw. Steinmarder zu unterscheiden, außer an der Farbe und Form seines Kehlflecks. Dafür zeichnen sie sich aber durch recht unterschiedliche Lebensweisen aus. So wird der Baummarder kaum ein Auto aufsuchen, während der Steinmarder der Täter ist. Er hält sich gerne in den oft noch warmen Motorräumen auf. Mit dem Anknabbern und Markieren will er seine Anwesenheit vor allem auch gegenüber anderen Mardern aufzeigen.

Und was ist mit dem Wolf? Kann schon von einer Rückkehr des Wolfs nach Berlin gesprochen werden?
Einer der wunderbarsten Rückkehrer ist der Wolf. Wer einmal sehen durfte, mit was für einer Geschmeidigkeit, Grazie und Leichtfüßigkeit er der Fährte folgt, wird begeistert sein. Ich konnte das bisher nur über eine Wildtierkamera im südlichen Brandenburg im Schnee verfolgen, doch ich war tatsächlich schwer beeindruckt. Eins ist klar, er wird die Stadtgrenzen als Verwaltungsgrenze nicht respektieren können.

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