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Suche nach Vergangenem

Das Mammut im Blick der Tiermaler

Das illustrierende Tierbild prägte fast hundert Jahre die zoologische Literatur und erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit. Vor allem neue Druck- und Reproduktionstechniken sowie die Gründung zoologischer Gärten beeinflussten die Arbeit der Künstler. Ihnen gelang es, die Tierillustration vom starren Habitusbild zum biologischen Tierbild zu überführen. Die Rekonstruktion fossiler Tiere, insbesondere die des Mammuts, ist Teil dieser Entwicklung und eine spannende Geschichte um die Suche nach der Wahrheit.

Die Rekonstruktion ausgestorbener Tiere faszinierte im Verlaufe des 19. Jahrhunderts nicht nur Paläontologen sondern auch Illustratoren. Im Falle des Mammuts (Mammuthus primigenius) dauerte der Weg bis zu einer annähernd wirklichkeitsnahen und lebensechten Darstellung mehr als hundert Jahre.
Den Anfang des Weges markiert der Kadaver eines im Dauerfrostboden Sibiriens konservierten Mammuts im Jahr 1799. Vom Fund fertigte Roman Boltunow ein Aquarell. Seine Darstellung erinnert aus heutiger Sicht, trotz der günstigen Fundumstände, nur entfernt an ein Mammut. Erkennbar sind jedoch später bestätigte Details, wie die kleinen Ohren, der kurze Schwanz und die elefantenartigen Beine. Da das tiefgefrorene Tier über mehrere Jahre im Freien lag, wurden Teile – beispielsweise der Rüssel – von Raubtieren gefressen.
Eine frühe, auch Laien zugängliche Abbildung wurde 1837 im „Pfennig-Magazin“ abgedruckt. Der Holzschnitt trägt die Signatur „Susemihl“, wobei nicht klar ist, ob Johann Conrad Susemihl (1767–1847) oder dessen Bruder Johann Theodor (1772–1848) der Urheber war, da beide gleichermaßen als Illustratoren tätig waren. Die Abbildung des Mammuts ist gegenüber derjenigen von Boltunow ein großer Fortschritt. Trotzdem enthält sie unübersehbare Fehler, die über viele Jahre immer weiter übernommen wurden: hochgebogene Stoßzähne, riesige Ohren, ein langer Schwanz und eine starke Behaarung entlang der Rückenlinie und der Ohren sowie der elefantenartige Habitus.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl Mammutbilder deutlich an. Eine Reihe von Holzstichen taucht in den populären Werken zur Erdgeschichte u. a. in dem weitverbreiteten Werk „Die Wunder der Urwelt“ von W. F. A. Zimmermann (Pseudonym f. Carl Gottfried Wilhelm Vollmer 1797–1864) auf und wurde bis zur Jahrhundertwende immer wieder genutzt. Im November 1866 erschien in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“ ein Holzstich nach einer Zeichnung des Stuttgarter Illustrators Friedrich Specht (1839–1909). Die Behaarung, der dicke kurze Rüssel und die Parallelstellung der Stoßzähne zählen zu den gelungenen Elementen in Spechts Zeichnung.
Zwanzig Jahre später enthielt die 7. Auflage des „Lehrbuches der Zoologie“ von Carl Baenitz (1837–1913) ein überraschend lebendiges Bild, das eine vollkommen neue Perspektive vermittelte: In voller Bewegung scheint das Mammut auf den Betrachter zu blicken. Die optische Veränderung der Behaarung, der Halsmähne, des größeren Kopfes, kleinerer Ohren und des kurzen, an der Wurzel verdickten Schwanzes beruhten auf neuen Forschungsergebnissen. Die Illustration ist zwar nicht signiert, stammt aber sicherlich von dem Berliner Tiermaler Richard Friese (1854–1918), wie ein Vergleich mit seiner unübertroffenen Illustration des Afrikanischen Elefanten in der vierbändigen „Naturgeschichte“ von Philipp Leopold Martin (1815–1885) zeigt.
Als 1896 der zweite Band der „Entwicklungsgeschichte der Natur“ von Wilhelm Bölsche (1861–1939) erschien, bekamen die Leser Gelegenheit, ein weiteres „Mammut in seiner mutmaßlichen Gestalt“ zu sehen. Die Originalzeichnung lieferte Anna Matschie-Held (1859–1898). Die lange Behaarung und die Erhöhung auf dem Kopf waren realistischer, doch die Länge von Schwanz und Rüssel sowie die verunglückten Extremitäten schmälerten den Wert des Bildes. In „Weltall und Menschheit“ von Hans Kraemer (1870–1940) wurde 1902 auf einer Doppelseite ein farbiges Gemälde von Wilhelm Kuhnert (1865–1926) reproduziert Die Vereinigung mehrerer Tiere bei Wind und Schnee verstärkt den realistischen Charakter der Szene, wobei vor allem die Haltung der Stoßzähne noch immer fehlerhalft war. Während sich das lange Haarkleid und die kleinen Ohren endgültig durchgesetzt zu haben scheinen, waren fast alle Illustratoren nach wie vor bemüht, „ihrem“ Mammut durch gewaltige, aufwärtsgebogene Stoßzähne ein imposantes Aussehen zu verleihen.
Hundert Jahre nach dem Erstfund gab der Permafrostboden Sibiriens wieder ein fast vollständiges Mammut frei. An der Expedition zu dessen Bergung nahmen auch der deutsche Entomologe Otto Herz (1856–1905) und Eugen Pfizenmayer (1869–1941) teil. Pfizenmayer überraschte die Wissenschaft 1905 mit einem ganz neuen Mammutbild, das eine Kontroverse auslöste, in der es vor allem um die Halsmähne und die Stellung der Stoßzähne ging.
Ein erneuter Fund eines Mammuts im Dauerfrostboden Sibiriens im Jahre 1908 half, das Rätsel um das Aussehen des Mammuts endgültig zu lösen, denn diesmal war auch der Rüssel weitgehend erhalten geblieben. In der Folge tauchten mehrere neue Rekonstruktionsversuche auf. Der Berliner Tiermaler Paul Neumann (1868–1961) zeichnete 1912 ein Mammut für die Zeitschrift „Natur“. Kennzeichnende Merkmale: Ein kurzer dicker Rüssel, der von zwei parallel stehenden Stoßzähnen flankiert wird, ein Fetthöcker thront als sogenannter Kardinaldom auf dem Kopf und die fallende Rückenlinie endet in einem kurzen dicken Schwanz mit Quaste. Auch die Proportion zwischen Kopf und Körper sowie die Höhe der Extremitäten sind verändert. Das enge Zusammenwirken von Wissenschaftler, in diesem Fall Max Hilzheimer (1877–1946) und Künstler führte zu einem Resultat, das alle bisherigen Bemühungen übertraf. Im gleichen Jahr entwarf der Paläontologe Othenio Abel (1875–1946) unter Zuhilfenahme prähistorischer Wandzeichnungen ein Mammutbild, das dem von Neumann in Vielem gleicht. Damit waren 1912 alle wesentlichen Fragen bezüglich der äußeren Erscheinung des Mammuts geklärt.

Hans-Jörg Wilke

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