Hintergrundelement
Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv

Ausgabe 4/2016

Lebenswert durch Vielfalt

Kommunen für biologische Vielfalt – ein Bündnis für mehr Natur in Städten und Gemeinden

Biodiversität macht Städte und Gemeinden lebenswert und attraktiv. Denn Natur im Siedlungsbereich verbessert die Qualität der Luft, beeinflusst das Stadtklima und belebt das unmittelbare Wohn- und Arbeitsumfeld der Menschen. Öffentliche Grünflächen und Naherholungsräume sind daher bedeutende Standortfaktoren für die Attraktivität einer Kommune. Immer mehr Städte und Gemeinden stellen sich daher der Aufgabe, die biologische Vielfalt zu schützen. Das Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ vernetzt sie miteinander, stellt deren Engagement bundesweit hervor und initiiert konkrete Naturschutzprojekte auf lokaler Ebene.

Städte grüner machen und naturnahe Flächen in Kommunen schaffen. Darum geht es in dem vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) geförderten Kooperationsprojekt „Stadtgrün – Artenreich und Vielfältig“. Durchgeführt wird es gemeinsam von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und den fünf Mitglieder-Kommunen Neu-Anspach, Kirchhain, Wernigerode, Hannover und Frankfurt am Main. Im Rahmen des Projekts soll ein Label entwickelt werden, das besonders grüne Kommunen für ihre nachhaltigen Wirtschaftsweisen auf öffentlichen Grünflächen auszeichnet. Ziel ist es, ökologische Standards für die Bewirtschaftung öffentlicher Grünflächen zu etablieren und somit die biologische Vielfalt in Städten zu erhöhen.
Wie eine solche ökologische Grünflächengestaltung gelingen kann, zeigen Bündnis-Mitglieder bereits heute mit zahlreichen Praxisbeispielen (www.kommbio.de). Ende 2009 begann beispielsweise die Stadt Riedstadt mit der Umgestaltung ihrer innerstädtischen Grünflächen im Straßenbereich. Mittlerweile wurden rund 300 Einzelflächen mit mehr als 10.000 Quadratmetern in naturnahe Blühwiesen umgestaltet. Die einst artenarmen Flächen bieten heute Lebensraum für über 125 Pflanzenarten, darunter auch gefährdete Arten wie Kuh- und Pracht-Nelke. Und das alles auch noch bei gleichzeitiger Reduzierung der Pflegekosten! Denn während vor Beginn der Maßnahme für den Unterhalt der Flächen jährlich noch zwischen 5,52 und 8,93 Euro pro Quadratmeter verwendet werden mussten, sind es heute nur noch 0,39 bis 2,17 Euro.

Nachhaltige Landnutzung

Aber nicht nur innerhalb des Siedlungsbereichs, auch im Außenbereich tragen Kommunen eine hohe Verantwortung für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Das Bündnis möchte auch dort Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, wie Kommunen bspw. auf eigenen landwirtschaftlichen Flächen und in Kooperation mit den lokalen Landwirten zu nachhaltigeren Wirtschaftsweisen im unmittelbaren Stadtumland beitragen können. Ein Arbeitskreis zum Thema „Biologische Vielfalt und Landwirtschaft“ beschäftigt sich aktuell intensiv mit den genannten Fragestellungen und will aufzeigen, wie Kommunen vom Engagement für eine nachhaltige Landwirtschaft profitieren: im Sinne der Naherholung, des Grundwasserschutzes oder der Versorgung mit regionalen Lebensmitteln.
Einen diesbezüglich vorbildlichen Ansatz stellt beispielweise die Biodiversitätsklausel der Stadt Frankfurt am Main dar: Sie verpflichtet alle Pächter kommunaler, landwirtschaftlicher Flächen auf mindestens einem Prozent der Fläche der für Acker- und Erwerbsgartenbau verpachteten Grundstücke eine Maßnahme zur Förderung des Artenschutzes im Sinne der Biodiversität, des allgemeinen Naturschutzes und/oder des Gewässer- und Bodenschutzes durchzuführen. Seit Einführung der Klausel im Jahr 2012 tragen unter anderem Blühstreifen am Ackerrand, Feldlerchenfenster oder Nacherntestreifen für Feldhamster sowie zahlreiche neu gepflanzte Bäume zu mehr Struktur- und somit auch Artenvielfalt auf den landwirtschaftlichen Flächen im Frankfurter Umland bei.

 

Der Verein

Die Praxisbeispiele aus Frankfurt am Main und Riedstadt verdeutlichen das große Engagement und die Ideenvielfalt, mit der sich Kommunen dem Erhalt der biologischen Vielfalt widmen. Die wichtigste Aufgabe des Bündnisses besteht dementsprechend auch darin, den Austausch zwischen den Mitgliedern zu organisieren, die Akteure und Experten zu vernetzen und ihre Ideen bekannt zu machen. Auch Fortbildungsangebote für Verwaltungsangestellte sowie gemeinsame Aktionen und Projekte stehen auf der Agenda. Und über die Homepage sowie den Newsletter informiert das Bündnis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen im Bereich des kommunalen Naturschutzes. Mittlerweile zählen 113 im Naturschutz engagierte Kommunen zu den Mitgliedern des erst im Jahr 2012 gegründeten Vereins. Ein starkes Zeichen, das verdeutlicht, wie ernst die Kommunen den zunehmenden Verlust an biologischer Vielfalt nehmen und dass sie sich der damit verbundenen Verantwortung stellen.


Tobias Herbst
Kommunen für biologische Vielfalt e.V.



Kommunen für biologische Vielfalt

2007 hat die Bundesregierung eine Strategie zur biologischen Vielfalt als nationale Handlungsanweisung für den Schutz und Erhalt der Biodiversität beschlossen. In der Folge wurde 2010 die Deklaration „Biologische Vielfalt in Kommunen“ vorgelegt – als erster Schritt einer gemeinsamen Initiative zu Erhalt und Förderung der biologischen Vielfalt auf kommunaler Ebene. Bisher haben mehr als 250 Kommunen die Deklaration unterzeichnet. Im Februar 2012 haben sich 60 Gemeinden, Städte und Landkreise aus ganz Deutschland zum Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ zusammengeschlossen. Heute gehören 113 im Naturschutz engagierte Kommunen dem Bündnis an. Vorstandsvorsitzender ist Peter Gaffert, Oberbürgermeister der Stadt Wernigerode.
Im Internet stellen die Mitgliedskommunen ihre Projekte zur Förderung und den Erhalt der biologischen Vielfalt vor. Dabei handelt es sich vielfach um Projekte zur Renaturierung von Flüssen und Bächen (z. B. in Bad Wildungen, Düsseldorf, Ravensburg, Wernigerode sowie im Landkreis Lüneburg) oder eines Steinbruchs (in Mainz). In Städten wie Bamberg, Bremerhaven und Riedstadt hat eine veränderte Grünflächenpflege (Extensivierung) artenreiche Blumenwiesen entstehen lassen und das Vorkommen von Wildbienen und Schmetterlingen begünstigt. In Augsburg und Nürnberg werden Wanderschäfer für die Biotoppflege eingesetzt. Die Städte Göppingen und Kassel unterhalten Projekte für den Erhalt von Streuobstwiesen. In vielen Kommunen sind Naturerlebnispfade und Umweltbildungszentren neu entstanden, sie sollen weitere Initiativen für den Erhalt der biologischen Vielfalt anregen.
2016 wird das Bündnis erstmals zwei vorbildliche Projekte aus den Mitgliedskommunen mit dem Titel „Naturschutzprojekt des Jahres“ auszeichnen.
Kommunen für biologische Vielfalt
Geschäftsstelle Radolfzell
Fritz-Reichle-Ring 2
78315 Radolfzell
E-Mail: info@kommbio.de

 

Interview


„Der Beitrittsbeschluss gibt uns die Möglichkeit, in größerem Umfang Artenschutzmaßnahmen umzusetzen“


2015 ist die Stadt Schwedt als erste Kommune Brandenburgs dem Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ beigetreten. Der NABU-Regionalverband hatte schon 2014 für den Beitritt geworben. Mit der Vorsitzenden des NABU-Regionalverbandes Schwedt/Oder, Frau Dr. Rotraut Gille, sprach Jürgen Herrmann.

Wie war die erste Reaktion des Bürgermeisters und was hat die Stadtverordnetenversammlung schließlich überzeugt?

Im Frühjahr 2014 trafen sich Vorstandsmitglieder des NABU-Regionalverbandes Schwedt mit dem Bürgermeister der Stadt, um für den Beitritt zum Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ zu werben. Auch Mitarbeiter aus dem Grünflächenamt nahmen teil.
Wir hatten bereits klare Vorstellungen, welche weiteren Maßnahmen zum Erhalt und Schutz der biologischen Vielfalt in der Stadt umsetzbar sind.
Der NABU Schwedt hatte bereits seit Mitte der 1990er Jahre in Zusammenarbeit mit den Wohnungsunternehmen sowie den Stadtwerken erfolgreich Schutzmaßnahmen für Fledermäuse und Mauersegler umgesetzt. Weiterhin wurde die Ansiedlung von Dohlen und Turmfalken mit Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde erreicht. Wir konnten den Bürgermeister überzeugen, dass bereits eine gute Grundlage für den Artenschutz in der Stadt besteht. Danach war er bereit, die notwendige Unterschrift unter die Deklaration „Biologische Vielfalt in Kommunen“ zu leisten.
Für den Beitritt musste nun die Stadtverordneten-Versammlung (SVV) einen Beschluss fassen. Wir nahmen Kontakt zur mitgliederstärksten Fraktion (SPD) auf mit der Bitte, den notwendigen Antrag in die SVV einzubringen. Der Fraktionsvorsitzende erhielt eine entsprechende Dokumentation. Mitte November 2014 erhielten wir eine Absage. Das wollten wir nicht hinnehmen und sprachen einzelne Fraktionsmitglieder an, die allerdings zum ersten Mal von diesem Projekt erfuhren. Das löste dann eine entsprechende Reaktion aus und führte dazu, dass im März 2015 unter Einbeziehung aller Fraktionen dem Beitrittsantrag zugestimmt wurde.

Wie könnte sich die Bündnis-Mitgliedschaft für den Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt im Stadtgebiet von Schwedt auswirken?

Der Beitrittsbeschluss gibt uns die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Grünflächen- und Bauamtes im gesamten Stadtgebiet und den dazu gehörenden Gemeinden in größerem Umfang Artenschutzmaßnahmen umzusetzen. Dabei spielt die finanzielle und technische Unterstützung durch die Stadt eine sehr große Rolle. Die Publikation unserer gemeinsamen Projekte im monatlich erscheinenden Stadtjournal ist wichtig für die Information der Bürgerinnen und Bürger.

Welche neuen Tätigkeitsfelder und Projekte möchte der NABU Schwedt im Stadtgebiet anregen, unterstützen und zusammen mit der Stadtverwaltung verwirklichen helfen?

Unser erstes Projekt zum Schutz von Wildbienen auf einer 8.000 Quadratmeter großen Fläche läuft erfolgreich. Zurzeit bereiten wir die Sanierung von zwei bedeutenden Laichgewässern in einem historischen Park vor. Außerdem soll in einem Stadtteil mit einer Restpopulation von Mehlschwalben ein Schwalbenturm errichtet werden.

Erwarten Sie jetzt erweiterte Möglichkeiten für die Beteiligung der Bürger und der Naturschutzverbände beim Schutz und Erhalt der Biodiversität in der Stadt?

Im September 2016 wurde ein Bürgerhaushalt beschlossen. Bürgerinnen, Bürger und Vereine können sich um die Finanzierung von Projekten bewerben, das werden wir für Naturschutzprojekte nutzen.

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

AKTUELLE

Ausgabe 4/2019

Pfeil blue

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe des Naturmagazins
mehr...