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Ausgabe 4/2016

Akzeptanz für Natura 2000 steigern

Seit 2009 erstellt die Stiftung NaturSchutzFonds Managementpläne für Natura 2000-Gebiete im Land Brandenburg. Verschiedene Informationsangebote und Gesprächsformate begleiten den Planungsprozess, der zum wichtigen Meilenstein auf dem Weg zum Handeln wird – und ermöglicht, Natur und Naturschutz vor Ort erlebbar zu machen. Die Erfahrungen werden nachfolgend dargestellt.

Akzeptanz – was erwarten wir da eigentlich? Akzeptieren setzt ein aktives Annehmen oder Einwilligen voraus. Aber warum muss noch immer die Akzeptanz für EU-Richtlinien erhöht werden, die bereits seit 37 bzw. 24 Jahren existieren? Vielleicht hilft ein kurzer Blick zurück:
Die Vogelschutz- und die Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Richtlinie sollen als EU-Richtlinien die biologische Vielfalt auf dem Gebiet der Europäischen Union erhalten. Seit April 1998 sind sie in Deutschland rechtsverbindlich. Gebiete, die den fachlichen Kriterien dieser beiden Richtlinien entsprechen, hat das Land Brandenburg zwischen 1997 und 2004 an die EU gemeldet. Wie aber wurde zwischen Elbe und Oder über deren Ausweisung informiert? Eingeweiht in die Meldungskulisse waren fachlich – meistens auch amtlich – beteiligte Personen. Öffentlich bekannt wurden die ausgewählten Gebiete – insgesamt 620 FFH- und 27 Vogelschutzgebiete – über das Brandenburger Amtsblatt, diskutiert wurde in Regionalkonferenzen auf Landkreisebene. Bei der Gebietsmeldung fehlten jedoch geeignete Mittel und Wege für eine Bürgerbeteiligung und die Sensibilität für die Belange der Menschen vor Ort. Zudem sind die Natura-2000 Gebiete bis heute nicht in Topografischen Karten oder Wanderkarten dargestellt, eine Beschilderung fehlt.
Mit dem Plan, die Gebiete unter Naturschutz zu stellen und sie als Naturschutzgebiet (NSG) zu sichern, wäre anschließend auch eine umfassendere Beteiligung der Bevölkerung erfolgt. Es kam jedoch anders. Von den 620 FFH-Gebieten sind 360 als NSG gesichert oder zumindest wurde dort ein Ausweisungsverfahren begonnen. In den restlichen Gebieten erfahren viele Einheimische erst mit der Erstellung von Managementplänen, dass sich ein besonderer Flecken Erde direkt vor ihrer Haustür befindet – ja, sogar ein europäisches Schutzgebiet mit einer wichtigen Funktion im weltweit größten Schutzgebietsnetz Natura 2000.

:Wenn erst jetzt, mehr als zwölf Jahre nach der Gebietsmeldung, dieser Schatz vor Ort öffentlich wahrgenommen wird, erleben Planungsverantwortliche sehr unterschiedliche Reaktionen. Eine kleine Auswahl:

Skepsis und Verärgerung

Landnutzer sind skeptisch mit Blick auf die Maßnahmenplanungen, Anwohner sind ängstlich, wenn es um Fragen zum Wasserhaushalt geht – daraus wird schnell das Thema „nasser Keller“ oder „Enteignung“. Ein Beispiel dafür ist das FFH-Gebiet Salzstelle Nauen (ehem. Leitsakgraben Ergänzung). Dort wurde über die Managementplanung im Amtsblatt berichtet. Die Presse ignorierte die Mitteilung der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg jedoch. Zwar schien der Planungsprozess nach ersten regionalen Arbeitsgruppentreffen, Vor-Ort-Erfassungen und ersten Maßnahmenideen auf einem konstruktiven und konsensualen Weg zu sein, doch während der Diskussion über die Entwurfsfassung formierte sich in der Bevölkerung Protest. Trotz schnell koordinierter Treffen vor Ort waren die Anwohner nicht mehr davon zu überzeugen, dass der Managementplan zunächst ein Fachgutachten darstellt. Planern und Naturschützern wurde misstraut, jegliche noch so verständlich vorbereitete Fachinformation wurde in Frage gestellt. Schließlich gründete sich sogar eine Bürgerinitiative gegen die Grundwasseranhebung für das Planvorhaben FFH-Gebiet „Leitsakgraben“ und dem Ergänzungsgebiet „Salzwiesen“.
Was war passiert, wie konnte es zu solch einer Situation kommen? Ganz offensichtlich fühlten sich die Akteure vor Ort zu wenig beteiligt oder nicht informiert. Die Informationswege über das Amtsblatt und die Stadt Nauen hatten nicht ausreichend funktioniert. Dieser Rückstand war auch über anschließende vielfältige Informationsangebote (Exkursion, Diskussion über Entwurfsfassung) nicht mehr aufzuholen.
Mit Vorbehalten reagieren auch wohlwollende Gebietsbetreuer: Ehrenamtliche Naturschützer, Jäger oder Förster stellen mitunter den Wert von Planungen in Frage. Sie fragen, ob diese neuen Planungen mehr Effekt vor Ort zeigen als bisherige Überlegungen. Durchaus lassen sich manchmal in den Archiven umfangreiche Pflege- und Entwicklungskonzepte finden, die schon vor zwanzig Jahren darlegten, wie Heide und Trockenrasen zu erhalten sind. Mit den erneuten Kartierungen werden nicht selten die Prognosen der schon damals befürchteten Entwicklung bestätigt. Warum soll nun Geld für eine Planung ausgeben werden, wenn die notwendigen Aktionen zum Erhalt von Pflanzen und Tieren früher schon formuliert wurden? Weil es eben mehr als eine Planung ist. Weil die umfassenden Konsultationen und Diskussionen sowie akteursübergreifende Lösungen eine größere Akzeptanz herstellen können. Bei bisherigen Gutachten im stillen Kämmerlein gab es dafür häufig keinen Platz.

Ein Fazit

Für einen dauerhaften Schutz ist Akzeptanz vor Ort unverzichtbar. Durch Richtlinien, Verordnungen und Pläne lassen sich wichtige Rahmenbedingungen schaffen. Aber erst mit der regionalen Verknüpfung sind gebietsspezifische Aktivitäten möglich. Wenn auf Trockenrasenstandorten Bäume gefällt werden und Mahd und Beweidung nach jahrelanger Sukzession verlorene Pflanzen wieder wachsen lassen – dann wächst auch die Akzeptanz. Daher ist dem Kartieren, Planen und Diskutieren am meisten geholfen, wenn gleichzeitig „der Spaten“ in die Hand genommen wird. Ein besonders gutes Beispiel war die gemeinsame Planungs- und Umsetzungszeit für einige Trockenrasen im Nordosten Brandenburgs. Begleitend zur Managementplanung haben Projekte des Landschaftspflegeverbandes (LPV) Uckermark-Schorfheide und des LPV Mittlere Oder gezeigt, dass der Planungsprozess eine gute Grundlage für aktive Landschaftspflege ist.
Auch der Dialog vor Ort ist entscheidend. Der Planungsprozess sollte möglichst in ein dauerhaftes Gebietsmanagement münden. Dazu sind gruppenspezifisch Landnutzer, Anwohner, Kommunen, Volksvertreter, Vereine und weitere Akteure einzubeziehen. Nur zu meinen, dass die Akteure informiert sind, genügt nicht. Vielmehr muss sichergestellt sein, dass die Information auch wahrgenommen wurde. Benötigt werden vielfältige Wege, Informationen zu verbreiten. Ein Gespür dafür haben beispielsweise die Ortsvorsteher oder Bürgermeister vor Ort, die man frühzeitig für Natura 2000 und den Naturschutz vor Ort gewinnen sollte.
Bei all dem ist auch die richtige Sprache wichtig: Es fällt leichter, Natura 2000 zu akzeptieren, wenn man statt Anhang II-Arten und Lebensraumtypen Fischotter oder Buchenwald hört. Es ist wichtiger, die über Jahrzehnte gewachsene Wertschätzung von regionalen Naturschutzgebieten und deren Historie zu ergründen, als die Nomenklatur der FFH-Richtlinie. Vor Ort erleben die Menschen Natur und Landschaft, hören Kraniche und Rotbauchunken. Dort sind für alle Menschen Gemeinsamkeiten zu finden. Selbstverständlich sind Erläuterungen zu den Berichts- und Sicherungspflichten oder zur Planungssicherheit durch Natura 2000 Managementplanung auch von Belang, aber im Vordergrund sollte die erlebte und genutzte Landschaft stehen. Bei den kommenden Planungsprozessen muss es Ziel sein, die Menschen noch besser zu erreichen. Dabei kann es nicht um ein starres Schema gehen, sondern darum, gebietsbezogen die besten Wege und auch Kooperationen zu finden. Ein erster guter Schritt war zum Beispiel ein gemeinsamer Bürgerworkshop in Werneuchen. Mit der Leitfrage „In welcher Natur wollen wir leben?“ hat die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Auftrag des Landkreises Barnim einen Dialog eröffnet. Durch die zeitgleiche Aktualisierung des Landschaftsrahmenplans und der Erstellung des FFH-Managementplans ergeben sich gute Kooperationsmöglichkeiten. Die Teilnehmenden diskutierten in Gruppen über Mensch und Natur, wahrgenommene Gefährdungen und Veränderungen sowie konkrete Zukunftsideen. Das Naturschutz- und FFH-Gebiet Weesower Luch wurde dabei besonders unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse werden den Naturschutz bereichern.

 

Frank Berhorn
Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg


Natura 2000 Managementplanung der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg. In der ersten Etappe sind von 2009 bis 2015 für insgesamt 145 Gebiete außerhalb der Großschutzgebiete Managementpläne erstellt worden. Die Pläne beinhalten eine aktuelle Bestandsanalyse der in den Gebieten vorkommenden und durch die FFH-Richtlinie geschützten Lebensräume und Arten. Gleichzeitig werden die für den Erhalt und die Entwicklung der gebietsspezifischen Schutzziele notwendigen Ziele und Maßnahmen formuliert. Diese Vorbereitungen bereiteten für verschiedene Maßnahmen den Weg (Life-Projekte, Stiftungsprojekte, etc.). In einer zweiten Etappe wird nun für weitere 79 Gebiete die Managementplanung begonnen.

Dieses Projekt wird gefördert durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). Mehr Informationen finden Sie unter ELER.Brandenburg und auf der Website der Europäischen Kommission.

 

LINKS:

Natura 2000 in Brandenburg  www.lfu.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.319773.de
anpass.BAR – Landschaftsrahmenplan Barnim www.natuerlich-barnim.de
Natura 2000 Managementplanung Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg  www.natura2000-brandenburg.de
Über den Tellerrand geschaut: www.komm-natura.at

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