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Ausgabe 4/2016

Was denkt wer über Natur?

Die Naturbewusstseinsstudie 2015

Im Mai und Juni 2015 wurden 2.054 Personen im Alter ab 18 Jahren zu ihrer Einstellung zu Natur, Naturschutz und biologische Vielfalt befragt. Die Auswahl und Antworten der Befragten gelten als repräsentativ für ganz Deutschland. Seit 2009 werden diese Umfragen im Auftrag des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) im zweijährigen Turnus durchgeführt. Zusätzlich zu den wiederkehrenden Fragen wurden 2015 erstmals Fragen zu „Naturschutz und Agrarlandschaften“ sowie „Naturschutz und Stadtnatur“ gestellt. „Die Studienergebnisse geben vielfältige Impulse für die Gestaltung von Naturschutzkommunikation und -politik“, erklärte das BfN zur Vorstellung der Studie, die unter dem Link www.bfn.de/25161.html zum Download zur Verfügung steht. Über die Ergebnisse der Umfrage sprachen wir mit dem Soziologen Dr. Fritz Reusswig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), der an der Studie mitgewirkt hat.

Herr Dr. Reusswig, was sind für Sie die Kernaussagen der Naturbewusstseinsstudie 2015?

Zunächst einmal finde ich die überwiegend kritische Haltung der Bevölkerung zum Zustand unserer Agrarlandschaften und zur herkömmlichen Agrarwirtschaft bemerkenswert. Studien im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums kamen in der Vergangenheit ja eher zu dem Schluss, dass die Deutschen mit unserer Landwirtschaft im Großen und Ganzen zufrieden sind – auch mit dem Stand des Schutzes von Natur und Umwelt durch die Landwirtschaft. Unsere Ergebnisse zeigen dagegen, dass die deutsche Agrarlandschaft auch kritisch gesehen wird, und dass vor allem deutlich mehr getan werden müsste, um das Wohl der Tiere bei der Nutztierhalten (65 Prozent finden diesen Punkt „sehr wichtig“) sicherzustellen und die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Natur besser zu berücksichtigen (64 Prozent „sehr wichtig“, 92 Prozent „wichtig“). Dabei werden sowohl mehr Marktanreize (74 Prozent Zustimmung) als auch strengere Regeln und Gesetze (83 Prozent Zustimmung) zum Schutz der Natur gefordert.
Einen zweiten wichtigen Komplex sehe ich bei der Stadtnatur, die wir 2015 erstmals in den Fokus gerückt haben. Unsere Ergebnisse unterstreichen hier die Befunde vieler anderer Studien, die die Wichtigkeit städtischer Grün- und Freiflächen für Gesundheit, Wohlbefinden, Image, sozialen Zusammenhalt und – last but not least – die Naturerfahrung hervorheben. Das finde ich wichtig in einer Zeit, in der viele Städte Bevölkerungszuwächse verzeichnen und diese Flächen unter Druck geraten – bei weiter schrumpfenden kommunalen Mitteln für deren Pflege und Erhalt.


Was hat Sie bei der Auswertung am meisten überrascht?

Überraschend fand ich zum einen, dass die Zustimmung zur Energiewende – auch danach fragt die Naturbewusstseinsstudie regelmäßig – nach einem leichten Einbruch 2013 im vergangenen Jahr wieder angestiegen ist. Allerdings hat die Kostendebatte anlässlich der EEG-Reform dazu geführt, dass Zustimmung und Ablehnung heute stärker als früher entlang des sozialen Status der Befragten erfolgen: Die sozial höherstehenden Milieus finden die Energiewende eher gut, die Ablehnung wächst, je weiter „nach unten“ in der Gesellschaft man wandert. Das ist ein Signal an die Energie- und Klimapolitik.
Überraschend fand ich zum anderen, dass trotz der Zustimmung zu einer naturverträglicheren Agrarpolitik viele Befragte (65 Prozent, darunter 21 „voll und ganz“) der Aussage zustimmen, dass mehr Naturschutz in der Landwirtschaft unsere Nahrungsmittel teurer machen würde. Das könnte die politische Mobilisierbarkeit der oben erwähnten grundsätzlichen Unterstützung einer naturverträglicheren Agrarpolitik ausbremsen. Zudem würde es erklären, warum die Kaufentscheidungen im Supermarkt mehrheitlich immer noch in eine andere Richtung gehen – trotz des unbestrittenen Marktwachstums der Bioprodukte. Auch die höher gestellten sozialen Milieus halten Bioprodukte übrigens oft für „überteuert“ – das wissen wir aus der Naturbewusstseinsstudie 2013. Hier müssen wir die Debatte über Kostenwahrheit und auch über Ökosystemdienstleistungen stärker in die Öffentlichkeit tragen. Außerdem müssen wir die Synergien von Naturschutz, Landwirtschaft und gesunder Ernährung stärker hervorheben.


Die Ergebnisse der Naturbewusstseinsstudie 2015 zeigen, dass Natur sehr unterschiedlich wahrgenommen, erlebt und verstanden werden kann. Jüngere Befragte (18- bis 29-jährige) als auch Großstadtbewohner scheinen distanzierter der Natur gegenüber zu stehen als der Durchschnitt aller Befragten. Ist dieser Eindruck richtig?

Das ist leider richtig. 15 Prozent der Bevölkerung können als an Natur desinteressiert klassifiziert werden, 14 Prozent können wir sogar als „Naturferne“ bezeichnen – sie fühlen sich in der Natur häufig überhaupt nicht wohl. Bei diesen Gruppen sind Jüngere und Bewohnerinnen und Bewohner von Großstädten überrepräsentiert. Wir finden die Desinteressierten und Naturfernen zudem stärker in den statusniedrigeren Schichten der Gesellschaft.
Das ist ein besorgniserregender Zustand, gegen den wir etwas tun müssen. Zum einen sollten wir meines Erachtens die Arbeit und die Angebote des Naturschutzes für diese Zielgruppen nachvollziehbarer und verständlicher machen. Es gibt hierfür ermutigende Beispiele aus der Natur- und Waldpädagogik mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Zum anderen müssen wir deutlicher machen, wie und wo Natur als öffentliches Gut und der Naturschutz als Dienstleister dafür die Lebensqualität gerade der Nicht-Privilegierten in unserer Gesellschaft steigert und zu mehr sozial-ökologischer Gerechtigkeit beiträgt. Auch dafür gibt es Beispiele, etwa in Berlin oder Leipzig. Und, last but not least, wir müssen uns fragen, ob wir stärker in die Lebenswelten – übrigens auch die Mediennutzung – dieser häufig urbanen Gruppen eintauchen und diese im Sinne des Naturschutzes „umfunktionieren“ können.


Demgegenüber sind ältere Befragte aus eher ländlich geprägten Regionen über manche Entwicklungen (wie Intensivlandwirtschaft, Rückgang der Artenvielfalt, Verlust an Naturerlebnismöglichkeiten) deutlich besorgter. Ermöglichen unmittelbare Erfahrung und ein länger gelebtes Leben bessere Vergleichsmöglichkeiten oder spielen andere Ursachen hier eine Rolle?

Das Phänomen haben Sie richtig beschrieben, die Ursachen müsste man besser erforschen. Meine Vermutung ist: Ja, eine direkte Erfahrung von und mit Natur, speziell in der eigenen Kindheit, liefert einen lebenslang wirksamen Grundstock und sensibilisiert die Menschen für die Schönheit und funktionale Bedeutung von intakter Natur. Der säkulare Anstieg der Nutzung von Computern, Internet und mobilen Endgeräten gerade im Kindesalter untergräbt das natürlich zunächst einmal. Wir müssen den Wert der direkten, nicht der virtuellen Erfahrung betonen – übrigens auch wegen der Sozialkompetenzen, die wir brauchen. Und parallel dazu müssen wir nach Wegen suchen, Naturerfahrung auch in das digitale Zeitalter einzubringen, es uns dafür zunutze machen.
Da wir einen hohen Anteil der naturferneren Gruppierungen insbesondere in den Großstädten erleben (über 500.000), sehe ich das klassische Dorf nur leicht „im Vorteil“. Naturschutzaffine Menschen finden wir also auch in Städten. Dort spielt dann vielleicht die Stadtnatur eine wichtigere Rolle.

Was sind wichtige Zukunftsfragen der Naturbewusstseinsstudie, worauf müssen wir verstärkt achten?

Die Naturbewusstseinsstudie bleibt weiter wichtig als Instrument der naturschutzbezogenen „Dauerbeobachtung“ der deutschen Gesellschaft. Gerade mit Blick auf die „Naturschutz-Offensive 2020“, aber auch für die oben angesprochenen Trends. Ich würde mir wünschen, dass wir uns in Zukunft stärker der jungen Generation zuwenden – bisher liegt die Altersuntergrenze ja bei 18 Jahren. Kinder und Jugendliche sollten gezielt untersucht werden. Angesichts der Zuwanderung nach Deutschland stellt sich mir außerdem die Frage, wie Migrantinnen und Migranten über Natur denken und was Integration in diesem Bereich bedeuten könnte.

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