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Ausgabe 4/2016

Natur verstehen

Der Anfang von Allem

Die Natur zu verstehen ist der Anfang von Allem – diese Behauptung zieht Fragen nach sich. Denn wenn unter „Allem“ nicht nur die Natur da draußen gemeint ist, sondern auch das menschliche Handeln in und mit der Natur, dann sind die Fragen „Welches Verständnis von Natur haben wir bzw. hat wer?“ und „Was alles hängt dann konkret davon ab?“ unausweichlich.

"Wald" kann für uns entweder Holzlieferant und Untersuchungsgegenstand sein – oder ein Ort der Schönheit und mythischen Faszination. Je nach Betrachtungsweise hat dies unterschiedliches Handeln und gegensätzliche Werteprioritäten zur Folge. Für Naturschützer, die sich in der Ökologie der Natur auskennen, gilt dabei sicherlich Ähnliches, wie es der Komponist Hanns Eisler über die Musikliebhaber gesagt hat: „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.“ Wir tun daher gut daran, uns selbst – und nicht nur die Anderen – als Lernende und Suchende zu verstehen. Albert Einstein hat das Problem eines Umdenkens, das im Hinblick auf die Zukunft und das Erstreben einer nachhaltigen Entwicklung dringend nötig wäre, auf einen prägnanten Nenner gebracht: „Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Entscheidend ist daher, wie wir über etwas reden und welche Assoziationen, Gedanken oder Gefühle wir dadurch bei unseren Gesprächspartnern erzeugen: Beispielsweise, wenn wir über „Schutzgebiets-" und „Artenschutzmanagement" reden und damit einen Begriff jener Wirtschaft verwenden, die maßgeblich für die unverminderte Ressourcenübernutzung und den Verlust von Artenvielfalt verantwortlich ist.

Naturschutz und Umweltbildung

Naturschutz und Umweltbildung ziehen in der allgemeinen Wahrnehmung an einem Strang. In der Praxis zeigen sich jedoch starke Unterschiede, bis hin zur gegenseitigen Ablehnung. Vor allem liegt dies an zwei großen Konfliktfeldern, die nur selten eine Lösung finden:
1. Das Verständnis, was eine wirklich einprägsame und verändernde (ganzheitliche) Bildung sei. Einem weitgehend instrumentalisierenden wissensorientiertem Verständnis in weiten Naturschutzkreisen steht ein auf Erfahrung, Erleben und emotionale Beeindruckung zielendes Verständnis ganzheitlicher Umweltbildung gegenüber.
2. Daraus folgend: Während der Naturschutz oftmals verlangt, die Natur vor den Menschen zu schützen, fordert die ganzheitliche Umweltbildung den fühlbaren Kontakt zur Natur.
Amtlicher Naturschutz versteht Umweltbildung überwiegend als rationale, naturwissenschaftliche Bildung. Natur wird mit Biologie gleichgesetzt, Umweltbildung ist eine Art Biologieunterricht im Grünen. Es geht um Artenkenntnisse, Standorte, Trophiegrade, Biozönosen und wissenschaftliche Artnamen, aber nicht darum, die Natur zu lieben und zu schätzen, nur weil sie schön ist, uns körperlich und seelisch ernährt. Stefan Bosch beklagte vor Jahren in „Naturschutz heute“ nach einer in Baden-Würtemberg durchgeführten Schüler-Befragung erhebliche Defizite in Vogelkunde. Von 25 Vogelarten erkannten sie lediglich 44 Prozent richtig. Besonders haperte es bei den Singvögeln, selbst bei häufigen: Die markante und bekannte Goldammer kannten nur 2,2 Prozent und 70 Prozent hielten den Wiesenpieper für einen Spatz. Doch ist die Kenntnis des Wiesenpiepers nicht doch eher etwas für Ornithologen und Naturfreunde? Was sollen solche Klagen und was nützt den Schülern diese Artenkenntnis im Alltag? Dient sie ihrer Persönlichkeitsentwicklung – oder sollen aus ihnen lauter kleine Biologen und Naturschützer werden? An sich wäre auch das nicht schlecht, aber es hat weder etwas mit Allgemein- noch mit Persönlichkeitsbildung und schon gar nicht mit Herzensbildung zu tun, sondern ausschließlich mit Spezialbildung.

Gestern und heute

Ursprünglich agierte und agitierte der Naturschutz aus ganz emotionalen und heimatverbundenen Beweggründen. Doch in den 1960er und 1970er Jahren geriet er immer stärker unter den Druck, alles naturwissenschaftlich beweisen zu müssen. So wurde aus ihm ein kalter, distanzierter Naturschutz, der durch sachliche Beweisargumente kaum noch Liebe und werthaltige emotionale Beziehungen zur Natur aufbauen kann – und daher auch nicht selten auf wenig Gegenliebe stößt.
Für eine als „Umweltbildung“ deklarierte naturwissenschaftliche Bildung hat das Folgen. Führungen werden als wissenschaftlicher Biologieunterricht im Freien verstanden und sind eine Art Weiterbildung für Interessierte und Naturverbundene. Sie sind aber keine Bildung, die emotionale Spuren, Veränderungen von Werthaltungen, tiefe Erkenntnisse oder gar eine noch nicht entwickelte Naturschutzmotivation hervorrufen kann. Für gering oder gar nicht naturverbundene Menschen, die "mal 'was Interessantes erleben wollen", mag es ein abwechslungsreiches Erlebnis sein. Sie nehmen den beruhigenden Eindruck mit nach Hause, dass es dort einen klugen Menschen gibt, der alles über die Natur weiß – in ihrem alltäglichen Denken hat das Erlebnis jedoch keine Spuren hinterlassen. Denn um dies zu erreichen, sind auf Erfahrungen basierende emotionale Beziehungen erforderlich, erlangt beim Suchen, Sicheinlassen und Aufgehobenfühlens, beim Erkunden, Entdecken, Erleben und Erfahren. Diese Erfahrungen hinterlassen eine tiefe, dauerhafte Spur in unserer Psyche: nämlich Liebe, Mitgefühl, Identifikation, Faszination, emotionale Beziehung, Respekt, vielleicht auch Ehrfurcht und eben jene Wertschätzung von Tieren, Pflanzen und Landschaft, die Naturschutzmotivation schafft. Rationale Erklärungen können das nicht, sie sprechen lediglich Intellekt und Wissen an.
Auf der anderen Seite wird heute immer häufiger versucht, auch Naturschutzthemen mit Spaß zu verbinden. Infozentren bieten ihren Besuchern beispielsweise vielfältige unterhaltsamen Aktionen an, natürlich auch in Verbindung mit Verkaufsbuden. Doch ist damit wirklich mehr zu erreichen als die Erkenntnis: "Ach, Spaß können die Naturschützer auch!"? Im Infozentrum eines im Bayrischen Wald gelegenen Baumkronenpfades fragte ich pädagogische Mitarbeiter, was sie glaubten, wie sich die Haltung der zahlreichen Besucher zur Natur durch ihren Besuch der Anlage geändert habe. Der Kern der umständliche Antworten war: eigentlich gar nicht, aber sie haben es wenigstens mal gesehen. Hilflose Versuche in einer Spaßgesellschaft. Weitere eindrucksvolle Beispiele publizierte jüngst der Pädagoge Henning Schüler.

Drei Arten der Umweltbildung

Um in diesem Irrgarten von Umweltbildungsverständnis – das dann wohl auch Naturverständnis ist – eine Orientierung zu geben, habe ich, auch aufgrund der aktuellen allgemeinen Bildungsdiskussion und -kritik, drei Arten von Bildung unterschieden, die nach den emotional-motivationalen Voraussetzungen fragt, welche die Bildungsteilnehmer mitbringen.

1. Naturerfahrung, als Umweltbildung im engeren Sinne, „starke Umweltbildung“, für naturferne Menschen sowie Kinder und Jugendliche, zur Entwicklung von emotionaler Naturbeziehung, -werten und -motivation.
2. Naturinformation, Umweltbildung im weiteren Sinne, „schwache Umweltbildung“, für jedermann, schafft Aufmerksamkeit und höchstens normative Unterstützungen.
3. Aus- und Weiterbildung für Natur und Umwelt: für bereits motivierte, naturverbundene Menschen: schafft Fähigkeiten für ihr Engagement.

Das weit verbreitete Bildungsverständnis im Naturschutz tendiert leider allzu oft zur dritten Kategorie.

 

Beziehung als Kern der Naturbegegnung

Was berechtigt uns aber zu dem Verständnis, emotionale Beziehung und Beeindruckung in den Mittelpunkt zu stellen?

1. Erkenntnisse der Evolutionsbiologie, Neurobiologie und Philosophie.
Der Mensch ist Natur, er ging aus ihr hervor und wurde von ihr geformt. Seine leibseelische Existenz folgt ihren Gesetzen. Naturschutz muss den Menschen wieder als selbstverständlichen Teil der Natur einbeziehen, um wieder erfahren und eine Beziehung aufbauen zu können – anstatt Verbotsnaturschutz zu propagieren. Denn Natur ist wie ich: Ich bin gewachsen wie ein Baum, ziehe mich bei Gefahr zurück wie eine Schnecke oder eine Maus, spiele auch mal wie Fuchswelpen, bin gerne gesellig wie Wölfe, Schwalben oder Stare, bin neugierig wie eine Kohlmeise, kommuniziere wie alle Lebewesen, Tiere und Pflanzen – der Leser kann das gerne fortsetzen. Miteinander kommunizieren kann nur etwas, das Informationelles, Geistiges an bzw. in sich hat oder ist. Das Geistige, also das Informationelle, ist in der Natur, so wie wir Menschen es auch haben, für jede Spezies auf seine Weise und für uns eben auf menschliche und bewusste Weise. Die Natur wird nicht von uns beseelt – sie ist beseelt. Daher wirkt die Natur auf uns, auch ohne dass wir es wollen, und zwar, wie der Kieler Philosoph Werner Theobald schreibt, auf eine numinose oder mythische Weise, wie es auch andere Autoren der Geistesgeschichte formulieren. Das heißt: in Zeichen, Bildern und Gestalten. Sonst würde sie unsere Gefühle nicht ansprechen, wir würden keine Beziehung, keinen Dialog zu ihr aufbauen können.
Der große Maler des 20.Jahrhunderts, Paul Klee, schrieb 1956: „Die Zwiesprache mit der Natur“ sei für den Künstler eine „Conditio sine qua non“, also eine notwendige Bedingung. Die Natur ist nicht nur Objekt, sondern ihre Wesen sind Subjekte, die mit uns und wir mit ihnen in Beziehung treten und Spuren hinterlassen. Das ist der größte und radikalste Gegenentwurf zum naturwissenschaftlich-mechanistischen Alleinvertretungsanspruch. Insofern sollten wir mit der Warnung vor „Vermenschlichung“ von Tieren vorsichtig sein, sie liegt oft nicht vor. Die Naturwissenschaft hat erst begonnen, mit solchen Erkenntnissen klarzukommen.

2. Lebenserfahrungen von naturverbundenen Menschen.
Lässt sich in Befragungen ein Zusammenhang finden zwischen Naturverbundenheit und -vertrautheit und Einstellung bzw. Motivation zu natur- und umweltfreundlichem Verhalten? Die dominanzfordernde, "top-down" durchgesetzte „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ hat einen solchen Zusammenhang lange Zeit bestritten, einige tun es noch heute und setzen auf rationale Erklärungen und die Einsicht von Menschen. Ein schwacher Entwurf mit geringen Aussichten, wie wir von der Psychologie wissen.
Die Studienbewerber an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) sind in der Regel überdurchschnittlich naturverbunden und engagiert. Also lag es für mich nahe, sie nach ihrem Lebensweg zu befragen, der sie zu diesen emotionalen Haltungen und Wertvorstellungen geführt hat. Die Frage lautete: „Was hatte in meinem Leben den größten Einfluss auf meine Beziehung zur Natur?“. Die Auswertung der Spontanantworten ergab, übereinstimmend mit einer Reihe anderer Untersuchungen, dass Naturverbundenheit und -vertrautheit die sicherste Basis für das Entstehen nachhaltigkeitsorientierter Einstellungen und entsprechendem Handeln sind, auch wenn es dabei keine Zwangsläufigkeit gibt. Für eine ganzheitliche Umweltbildung ergibt sich daraus eine Hierarchie der didaktischen Ziele (Abb.5).
Der große Naturwissenschaftler  und -entdecker Alexander von Humboldt warnte seine Leser in seinem großartigen Werk „Kosmos“: „Um die Natur in ihrer ganzen erhabenen Größe zu schildern, darf man nicht bei den äußeren Erscheinungen allein verweilen; die Natur muß auch dargestellt werden, wie sie sich im Innern der Menschen abspiegelt, wie sie durch diesen Reflex bald das Nebelland physischer Mythen mit anmutigen Gestalten füllt, bald den edlen Keim darstellender Kunstthätigkeit entfaltet“. Es ist das, was Paul Klee meinte: „Man müßte Kolleg halten […] außerhalb des Schulkomplexes. Draußen unter Bäumen, Tieren, an Strömen. Oder auf Bergen im Meer." Diese Erkenntnisse sind nicht neu und auch nicht auf Naturinteressierte beschränkt. Die beiden dazu gut passenden folgenden Zitate stammen aus einem Abstand von tausend Jahren. Der Abt, Scholastiker und Kreuzfahrtprediger Bernhard von Clairvaux (1090–1153) schrieb: „Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern, die Bäume und  Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein Mensch sagen wird.“ Und der Naturwissenschaftler Albert Einstein formulierte Mitte des vorigen Jahrhunderts: „Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist bereits seelisch tot.“ Versuchen wir doch, für einen lebendigen Naturschutz einzutreten.

 

Prof. Dr. Norbert Jung

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