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Ausgabe 4/2016

Wegrainmemoiren

Ich bin noch keine hundert. Gerade einmal die Hälfte, 50 Jahre und ein paar. Zeit für Wegrainmemoiren.

Meine erste Erinnerung an einen Wegrain, eine Böschung, ist mehr als 50 Jahre alt. Als Kind, ich mag so fünf gewesen sein, habe ich einen mausgrauen Wegrain erlebt. Einen Rain, auf dem unzählige huschende Mäuse ein unentwirrbares Verkehrschaos verursacht hätten, wären sie Menschen gewesen. Auf dem Rain hat es auch ohne ausgeklügeltes Verkehrsleitsystem wunderbar geklappt. Vergleichbares habe ich nie wieder erlebt.
Es mag nicht viel später gewesen sein, als mich mein Bruder in die Welt der Drachen einführte. In großen trüben Pfützen auf lehmig tonigen Erdwegen fischte er für mich ein paar Molche heraus. Mein ungläubiges Staunen, dass solche Tiere bei uns leben, begleitet mich bis heute.
Später mit Freunden, ich war vielleicht zehn, ging es auf den Rädern in den sechs Kilometer entfernten Wald. Wir hatten gelernt: Teichmolche, Erdkröten, Grasfrösche, gelegentlich ein blauer Molch mit strahlend orangefarbenem Bauch, also Bergmolch und selten, fast nie, aber ausnahmsweise eben doch ein echter Drachen. Mitsamt gezacktem Rückenpanzer, der männliche Kammmolch.
Mit zwölf habe ich auf einem breiten Ackerrain meine erste Schlange entdeckt. So dachte ich wenigstens. Alle meine Freunde nahmen sie in die Hand, gaben sie weiter und wollten sie mir reichen. Ich war der einzige, der sie nicht anfassen wollte. Ich traute mich einfach nicht: Was, wenn sie doch giftig wäre? Als sie längst wieder auf dem Boden war und sich in irgendein Versteck geschlängelt hatte, grinste ein älterer Freund und erläuterte, dass sei eine Blindschleiche gewesen und das wäre eindeutig eine Eidechse. Und die sind nicht giftig. 
Ich war sowieso schon beschämt, weil ich mich nicht getraut hatte und dann das noch, eine Eidechse. Ich glaubte ihm nicht und doch, er sollte Recht behalten.
Das nächste Mal beobachtete ich in einem Ackerrain eine Wespenkönigin, wie sie an einem jungen Beifuß ihr erstes filigranes Brutstockwerk anlegte. Geschützt von einem Regendach. Viele Jahre später hat ein Mann eines dieser Nester einfach mit Stängel ausgerissen und einem Kind geschenkt. Ich habe ihnen die Larven gezeigt und den Stängel wieder am Platz in die Erde gesteckt und gewünscht, dass der Feldwespenstaat trotzdem gedeihen möge.
Immer schon hat mich die Vielfalt an Formen und Farben an den Ackerkräutern fasziniert. Die kennt doch jedes Kind: weiße Kamille, blutroter Klatschmohn, sattblauer Ackerrittersporn, die dunkel himmelblaue Kornblume, die goldgelb leuchtende Sandstrohblume und mit Glück auch einmal die rotviolettstichige Kornrade. Von wegen, jedes Kind.
Als mich mein Lebensweg in den neunziger Jahren aufs Dorf führte, war die Feuerwehr nicht weit und ich wurde endlich Chef. Chef der Jugendfeuerwehr. Die Kinder überraschten mich mit ihren Kenntnissen. Sämtliche Trecker konnten sie nach Hersteller und Pferdestärken exakt einstufen. Und hatten zwei oder mehr Firmen grün als Treckerfarbe gewählt, nun, dann war eben die Form entscheidend. Erstaunlich.
Als wir einmal eine Exkursion in die Landschaft machten, kannte keins der Kinder Mohn oder Kornblumen. Da war ich fassungslos. Immerhin haben sie dann doch die schwarzen Mohnsamen genascht. Wie das Kinder eben seit ewigen Zeiten tun.
In Studienzeiten, ich hatte das Vierteljahrhundert vor Augen, ist mir fast das Herz stehen geblieben, als ich unvermittelt in einem Wegrain einem Sommeradonisröschen, auch Teufelsauge genannt, begegnete. Oder Sherardia arvensis, die Ackerröte, was für ein wohl klingender Name.
Später, es war wohl um die Jahrtausendwende, kam ich im Naturpark Uckermärkische Seen einer Biene mit knallgelben Höschen auf die Spur. Klar, an einem sandigen Wegrain. Dort ist sie gelandet, kurz die Lage sondiert und ab durch ein Loch in die Tiefen des Sandes. Erst sah ich eines dieser Sandhäufchen, dann mehrere und schließlich viele. Ein ganzes Dorf von Hosenbienen. Solitärbienen, die dort den Nachwuchs für das nächste Jahr mit Pollen versorgen.
Zwölf Jahre Später bin ich an einem Wegrain den ersten Kreiselwespen meines Lebens begegnet. Tief brummenden sehr großen Wespen mit neongrünen Augen.
Wenn ich an Wegraine denke, sehe ich meine erste Wespenspinne, wie sie ihr Netz samt eingewebtem Zickzackmuster ins Schwingen bringt, als ich mich ihr zu sehr nähere. Ich sehe Grashüpfer und höre Heupferde. Wildbienen laben sich an den bunten Nektarspendern und Hornissen patrouillieren mit unbeirrbarem Flug entlang der Raine. All dies unter einem himmelüberspannenden Lerchenkonzert.
Jetzt hätte ich es fast vergessen. Meine erste Schwalbenschwanzraupe entdeckte ich, klar, an einer wilden Möhre, am Ackerrain. Wie dick und fett und wunderbar schwarzgelb gezeichnet. Ich erinnere mich an mein Erstaunen, wie diese kräftigen Farben sanft mit dem Möhrengrün verschmolzen und die Raupe doch nicht für jeden offensichtlich war. Wo Raupen sind, fliegen Schmetterlinge. In allen Größen, Formen und noch bunter fast, als die Blüten der Rainpflanzen.
Heute lebe ich am Rand von ausgedehnten Maisfeldern. Mais wird Jahr um Jahr angebaut, um Biogasanlagen zu füttern. Ende April bringen Lohnunternehmen die gelben Körner in die Erde. Das Bodenleben erstickt unter der breiigen Schlempe, die als Abfallprodukt der Gasanlagen die Pflanzen düngt. Mitte September richten es Feldhäcksler, bei uns sind sie meist grün, Radlader und große Sattelschlepper, die das Futter für die Mikroben zur Gaserzeugung transportieren. Für Raine ist da kein Platz.
Das Bild bunter Weg- und Ackerraine hüte ich in meiner Erinnerung. Und wenn ich einem dieser rar gewordenen Lebensräume bei einer Wanderung begegne, begegne ich auch immer einem Stück meines Lebensweges.

Roland Schulz

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