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Prignitzer Landschweine tragen Ringelschwänze

Grenzen und Möglichkeiten der Tierhaltung in der konventionellen Land-wirtschaft

Konventionelle Tierhaltung weckt bei vielen Tierschützern zumindest Argwohn. Doch Tierwohl und konventionelles Wirtschaften müssen sich nicht ausschließen, wird grundle-genden Bedürfnissen der Tiere in Bezug auf Haltung und Behandlung Rechnung getragen. Ein Prignitzer Landwirtschaftsbetrieb demonstriert, was im Rahmen geltender Bestim-mungen möglich ist.

Wer sich mit Ralf Remmert über Schweine unterhält, merkt sofort: Der Mann hat eine besondere Empathie für diese Tiere. Vor elf Jahren übernahm der gelernte Elektroin-genieur als Quereinsteiger die Prignitzer Landschwein GmbH &Co.KG in Neudorf. Es ist ein mittelgroßer Betrieb mit heute 1.400 Sauen, 6.000 Ferkeln und 6.000 Mastplätzen. Remmerts Anspruch: Hochwertiges Qualitätsfleisch zu einem attraktiven Preis produ-zieren und dabei auch das Wohl der Tiere stets im Auge behalten. Denn, so seine Über-zeugung, die Haltungsbedingungen und die Art des Umgangs mit den Tieren sind das A und O, soll das Endprodukt rundherum zufrieden stellen. Das Ergebnis dieser Überle-gungen ist ein neuartiges, ganzheitliches Konzept der Schweinehaltung – quasi ein drit-ter Weg, angesiedelt zwischen rein konventioneller Tierhaltung und Bio. Nicht einhun-dert Prozent artgerecht, aber tiergerecht.
Ralf Remmert hat an dem Ende vergangenen Jahres beschlossenen Tierschutzplan Brandenburgs selber mitgewirkt. Mit seinem Betrieb ist er dem verabschiedeten Plan allerdings meilenweit voraus. Bereits seit acht Jahren werden in dem Neudorfer Be-trieb männliche Ferkel nicht mehr kastriert. „Mit der Umstellung auf Ebermast fing alles an“, so Remmert. Es folgte der Verzicht auf das Zähneschleifen, Antibiotika werden nur einzelnen Tieren im Krankheitsfall verabreicht. Wer sich Remmerts Schweine ansieht, wird feststellen, dass die Tiere noch etwas haben, was vielen ihrer Artgenossen in kon-ventionellen Mastanlagen fehlt – ihre Schwänze. Seit zwei Jahren wird in Remmerts Be-trieb nicht mehr kupiert. „Man muss die Bedürfnisse der Schweine im Blick behalten, dann funktioniert das.“ Doch ganz so einfach wie das klingt, war es wohl doch nicht. Schließlich galt es, sich mit den möglichen Ursachen für das Schwanzbeißen auseinan-derzusetzen. Schweine sind sensible Tiere. Schweine vertragen keinen Stress, dafür brauchen sie ausreichend Platz, Beschäftigung und Möglichkeiten, ihrem Wühl- und Suchtrieb nachgeben zu können. Das Ergebnis aller Überlegungen mündete im Stall-umbau. „Wichtigster Faktor ist eine gut strukturierte Umgebung“, sagt Remmert. Er meint damit getrennte Bereiche für Ruhe, Fressen und zum Koten. Für Abwechslung im täglichen Schweineeinerlei sorgen täglich mehrmalige zusätzliche Strukturfütterungen. Sie dienen der Beschäftigung. Silage auf den Boden veranlasst die Schweine, ihre Rüs-selscheibe zum Suchen und Wühlen zu nutzen. Mitunter gibt es Futterrüben. „Das ist für Schweine wie Schokolade fürs kleine Kind“, lächelt der Schweinezüchter. Bodenfüt-terung mit organischem Material als Beschäftigung funktioniert allerdings nur auf Fest-flächen. Statt auf Spaltböden tummeln sich die Neudorfer Schweine daher auf Gummi-matten mit etwas Einstreu. Schweine mögen keinen Beton. Das ist nicht nur besser für die Gelenke, die Tiere machen einen entspannten Eindruck. Der Clou in diesen Buchten ist aber ohne Zweifel die von Remmert entwickelte und patentierte Schweinetoilette im Kotbereich. Ein aus vielen Gliedern bestehendes stabiles Transportband aus Kunststoff transportiert den Kot nach außen, während der Urin das Band durchsickert und sich unter diesem sammelt. Der enorme Vorteil dieser sofortigen Trennung fester und flüs-siger Ausscheidungen besteht darin, dass dadurch die Bildung von Ammoniak von vornherein vermieden wird. Und tatsächlich, im Stall von Landwirt Remmert stinkt es nicht.
Die Hinterlassenschaften der Schweine werden als Dünger auf den Feldern des Unter-nehmens ausgebracht. Der Betrieb produziert sein Futtergetreide weitgehend selbst, ihm stehen dafür etwa 350 Hektar eigene Flächen zur Verfügung. Ergänzt durch Zu-käufe von anderen Prignitzer Landwirten werden die Futtermischungen im Betrieb individuell aufbereitet. Auf den Einsatz von Soja oder auf gentechnisch verändertes Saatgut wird vollständig verzichtet.
Zum Tierwohl gehören aber auch möglichst kurze Wege zum Schlachthof dazu. Für die Neudorfer Schweine sind es maximal 60 Kilometer bis nach Neuruppin oder 20 nach Perleberg. Auch die Vermarktung findet im Wesentlichen regional statt. Unter dem Na-men „Die Neudorfer“ werden in 15 eigenen Läden zwischen Parchim und Wittenberge die Fleischerzeugnisse angeboten.
Abgesehen von Ferkelverkäufen verlassen die Tiere den Neudorfer Standort nur auf dem Weg zur Schlachtung. Gerne würde Remmert ihnen auch diesen Weg ersparen. „Die Schlachthofstruktur in Deutschland ist krank“, sagt er. Um dies zu ändern, arbeitet er seit drei Jahren mit russischen Partnern aus der Moskauer Region an dem Prototyp eines mobilen Schlacht“hofs“: Ein LKW, der mit allem ausgestattet ist, was es für eine moderne Schlachtung und Verarbeitung braucht. Derzeit befindet sich die Anlage im Zulassungsverfahren.
Überhaupt scheint dem Ingenieur keine Aufgabe zu schwer zu sein. Nachdem im Sep-tember vergangenen Jahres der neue, viel Licht und Bewegungsfreiheit bietende Ab-ferkelungsstall mit großem Medienecho in Betrieb ging, ist das nächste Projekt bereits in Umsetzung. Es soll ermöglichen, dass die Tiere von der Geburt bis zur Mast im Fami-lienverbund zusammenbleiben. Eine Trennung in Abferkelungs-, Aufzucht- und Mast-stall soll es dann nicht mehr geben. Das würde weiteren Haltungsstress vermeiden hel-fen. Bei der Ferkelaufzucht und den Sauen hat Remmert die erforderlichen Plätze be-reits für rund die Hälfte der Tiere umbauen lassen, bis zum Sommer sollen dann auch die Mastschweine an die Reihe kommen.
Jetzt würde nur noch so etwas wie Freigang fehlen, zum Beispiel ein Außenklimastall. „Dafür gibt es für einen mittleren Betrieb unserer Größenordnung in Brandenburg keine Genehmigung, den Antrag braucht man gar nicht erst zu stellen“, sagt Ralf Rem-mert. Tierwohl versus Umweltschutz? Ein Zielkonflikt, der im Tierschutzplan unter der Empfehlung 104 thematisiert worden ist. Möglicherweise hätte die Einbeziehung von Fachleuten des Immissionsschutzes Lösungsansätze aufgezeigt. Doch die, deren immis-sionsschutzrechtliche Genehmigung die Voraussetzung für den Betrieb dieser Tierhal-tungsanlagen ist, waren bei der Erarbeitung des Tierschutzplanes außen vor.

 

Info

Tierwohl versus Umweltschutz


Empfehlung 104:
Die Arbeitsgruppe empfiehlt, auf Behördenebene eine Klärung von Zielkonflikten zwischen Umwelt- und Tierschutz herbeizuführen, insbesondere bei Änderungen in nach BImSchV/UVP genehmigten Anlagen. Die Arbeitsgruppe regt Untersuchungen zu Emissionen von neuartigen tiergerechten Haltungsformen an. Die Tierhalter sollten nach Möglichkeit Maßnahmen ergreifen, um die Emissionsentstehung im Stall weiter zu reduzieren.
Quelle: Tierschutzplan Brandenburg, 2017
Freilandhaltung und zusätzliche Ausläufe an bestehenden Ställen können sich positiv auf das Wohl von Schweinen auswirken. Außenklimareize und die Möglichkeit zur art-eigenen Beschäftigung, etwa durch Wühlen, Suhlen oder Erkunden, wären zudem gut für Tiergesundheit. Außenklimaställe könnten beides bieten, sind derzeit jedoch nicht zulassungsfähig. Der Grund: Die von den Anlagen ausgehenden Emissionen ließen sich nicht erfassen. Die Problematik zeigt: ein deutlicher Zielkonflikt zwischen Umwelt- und Tierschutz.
Die Arbeitsgruppe Schwein fordert von Brandenburgs Landesregierung daher, die bau- und immissionsschutzrechtlichen Anforderungen für tiergerechte Haltungsver-fahren neu zu überprüfen, zu bewerten und Lösungsoptionen für die bestehende Prob-lematik zwischen Tier- und Umweltschutz aufzuzeigen. Die Genehmigungsfähigkeit von Anlagen mit hohem Tierschutzwert müsse Tierhaltern erleichtert werden.
Für Axel Steffen, den Leiter der Abteilung „Umwelt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ im Brandenburger Umweltministerium ist das ein sehr sensibles Problem. Ein Dilemma, das im Augenblick nicht lösbar scheint: „Niemand hat auch nur im Ansatz eine Idee, wie der Konflikt aufgelöst werden kann“, erklärt er. Denn schließlich sei es ein Problem der Bundesgesetzgebung. Für den Abteilungsleiter ist es in erster Linie eine Standortfrage. Nur dort, wo keine Beeinträchtigungen der Schutzgüter Mensch und Umwelt zu erwar-ten seien, könne er sich nach derzeitiger Gesetzeslage eine Anlage wie einen Außenkli-mastall vorstellen.

 


Wolfgang Ewert
Mehr Infos im Internet: www.markstueck.de und www.die-neudorfer.de

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