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Ausgabe 2/2017

Die Rangerin

Bei der Naturwacht hat Ricarda Rath ihren Traumberuf gefunden

„Ist das ein Teichmolch-Männchen oder ein Weibchen? Wer weiß das?“ Flink nimmt Amelie das kleine Tier aus der Schale und dreht es auf den Bauch. Sie und die beiden gleichaltrigen Jungen stecken die Köpfe darüber zusammen, Ricarda Rath steht dahinter und lächelt in die Sonne. Es sind die schönsten Momente in ihrem Beruf, wenn sie mit neugierigen Kindern die Natur erkundet. Diese hier sind die AG-Kinder der Grundschule Lenzen, die sich jeden Dienstag mit ihr im Biotop „Baggerkuhle“, einem „wässrigen“ ErlebnisOrt, treffen.

Ricarda Rath ist Rangerin bei der Naturwacht Lenzen. Gemeinsam mit der Naturwacht Rühstädt sind sie und sechs Kollegen im Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe-Brandenburg“ im Einsatz. Die 49-Jährige ist eine „Aktivistin der ersten Stunde“ auf ihrem Gebiet, von Anfang der 1990er Jahre an im Außendienst für die Natur unterwegs. Bei ihr in Lenzen ist die Elbelandschaft etwas ganz Besonderes: „Früher war hier innerdeutsches Sperrgebiet, der Fluss stellte die Grenze dar“, erklärt Ricarda Rath. Der Bezirk Schwerin berührte Niedersachsen und von Lenzen nach Gorleben ist es nur einen Steinwurf über die Elbe. Ohne den Menschen, der per Dekret und Stacheldraht ausgesperrt war, ist die Flusslandschaft unberührt geblieben, die Natur unverfälscht, verschont von Begradigungen oder Vertiefungen. Diese einmalige Landschaft, heute eines von drei Brandenburger Biosphärenreservaten, zu beobachten und zu schützen und gleichzeitig Mittler zwischen ihr und den Bewohnern und Touristen zu sein, haben sich die Mitarbeiter der Naturwacht auf die Fahne geschrieben.
Die Liebe zu Pflanzen und Tieren, das Interesse für ihre Umwelt wurde schon in Ricarda Raths Kindheit geweckt. Auf langen Spaziergängen mit Vater und Bruder stromerte sie durchs Unterholz, baute Buden in Kopfweiden. „Unterbewusst war die Naturverbundenheit immer da, spielte aber bei der Berufswahl keine Rolle“, erinnert sie sich. Sie wurde Agrotechnikerin, spezialisiert auf Saatzucht, und sattelte ein Agraringenieurstudium auf. 1989 wurde sie fertig, Einsatzort LPG Pflanzenproduktion Karstädt. Doch die LPG waren die ersten, die den frischen Wind der Wende spürten: Die Pflanzenproduktion in Karstädt wurde abgewickelt, Ricarda Rath hatte noch kurz Arbeit bei den Tieren. Und Zeit, sich darüber klar zu werden, dass dieser Job nicht ihr Ding war. Irgendwie konnte sie über die Auflösung der industriellen Landwirtschaft nicht unglücklich sein. „Schon als beim Studium die Melioration hoch gelobt wurde, kamen mir Zweifel“, sagt sie. Und: „Jetzt trat das Unterschwellige in mir auf den Plan“. Sie ließ sich 1991 zur Umweltberaterin im Handwerk umschulen. Doch was mit diesem Abschluss anfangen? Im ORB sah sie einen Bericht über die ersten Ranger in der Schorfheide. „Eine Frau berichtete so enthusiastisch über ihre Arbeit, da wusste ich: Das wäre meins!“, sagt Ricarda Rath. Doch es dauerte noch eine Weile, bis sie in der Zeitung über das Inserat „Naturpark Brandenburgische Elbtalaue sucht Ranger“, stolperte. Sie klopfte beharrlich auf den Tisch der Arbeitsvermittlerin und war am 1.11.1993 eine von über 20 Frauen und Männern, die nach einer zusätzlichen Ausbildung dienstlich durch das ehemalige Sperrgebiet an der Elbe zogen. Erste Mission: Gebiet kennenlernen, Ansprechpartner für Bewohner und Besucher sein. Von nun an sollten die Menschen behutsam durch die Landschaft „gelenkt“ werden, sie bewusst erleben.
Es waren die „Stille Sucher“, die anfangs kamen. 1997 übernahm die Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg die Naturwacht und die Ranger. Im Laufe der Jahre hat Ricarda Rath berufsbegleitend Schulungen im Umweltbildungsbereich und den Fortbildungsberuf „Natur- und Landschaftspflege“ absolviert. Sie ist Gebietsleiterin und deshalb auf mehreren Schienen unterwegs. Die Umweltbildung ist Schwerpunkt ihrer Arbeit. Führungen und Exkursionen liegen ihr, ob kurze Stippvisiten in ein Biotop, die Beobachtung einer bestimmten Tierart oder die ganztägige Tour, die mit aktivem Erleben der Teilnehmer verbunden ist. Dazu geht es oft am Wochenende raus, denn Touristen kommen in der Woche seltener. Manchmal hat die Rangerin ihre Tochter an der Seite, die mit drei Jahren das erste Mal im Junior-Rangercamp dabei war. Über die Natur-AG der Grundschule und auch, weil das Wohnhaus der Familie an das Rambower Moor grenzt, einem Refugium im Biosphärenreservat, kam sie zur Natur und ist heute ebenso gern draußen wie ihre Mutter. Sie fotografiert, hilft beim „Tagfaltermonitoring“ und kann Besuchern auf Führungen manchmal schon eigene Geschichten erzählen.
Ricarda Rath und ihre Kolleginnen gehen zu Projekten und Aktionstagen in Kitas und Schulen in der Prignitz, halten Vorträge und führen Camps durch. Als Gruppenleiterin muss sie die Naturwacht auch repräsentieren, sei es bei Tourismustagen oder Messen. Sie hält Verbindung zu Ämtern und Institutionen wie dem Wasser- und Bodenverband. Die Beschilderung in den Gebieten und die Kontrolle und Meldung von Ordnungswidrigkeiten obliegt auch der Naturwacht. Fast die Hälfte ihrer Zeit ist die Rangerin mit administrativen Arbeiten befasst. Dienstplanungen, Beratungen und Berichte fallen an, „nicht meine Leidenschaft, aber nötig“, sagt sie, die so sehr aus ihren Touren schöpft: „Nur was ich selbst erlebt habe, kann ich weitergeben. Die Besucher, vor allem die Kinder, sollen selbst entdecken, ich kann ihnen die Augen öffnen, bin aber nur ihr Begleiter“. Sie erzählt von Tümpeltouren, Keschern, Tierbestimmung mit Becher und Lupe, was bei den Jüngsten hoch im Kurs steht. Aber auch vom winterlichen Monitoring, weil die Elbe wichtiges Rastgebiet und Überwinterungsplatz für Kraniche, Gänse und Schwäne ist. Alle 14 Tage erfolgen Rastvogelzählungen, ebenso die Schlafplatzzählung im Rambower Moor. In ihrer Freizeit ist sie „… immer wenn es geht draußen“. Weltenbummler? Nein – in anderen Landschaften staunen, wie in den Weltnaturerbe Buchenwäldern Grumsin, Serrahn und Hainich, das gefällt ihr. Im Sommer steht Schwimmen auf dem Plan, im Winter Schlittschuhlaufen. Und noch ein „Erbe“ aus der Jugend gibt es: das Saxofon. In einer Bigband erlebt sie einen guten Ausgleich für ihren Alltag.Andrea von Fournier

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