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Ausgabe 2/2017

Am Anfang waren es Schnepfen

Der Naturfilmpionier Heinz Sielmann

Naturfotograf oder Naturfilmer wird man nicht aus Karrierekalkül. Zu ungewiss wären die Aussichten auf finanziellen Erfolg. Eher finden die meisten, die es dennoch wurden ganz "nebenbei" zu ihrem Beruf – weil sie sich zuvor ohnehin schon für Natur interessierten und Tiere beobachteten. Der Wunsch, das Beobachtete fotografisch in Bildern und Geschichten festzuhalten, ist dann nicht mehr fern.

Einer der bekanntesten deutschen Tierfilmer wäre in diesem Jahre 100 Jahre alt geworden: Heinz Sielmann. Am 2. Juni 1917 im rheinländischen Rheydt geboren, waren seine Eltern mit ihm 1924 nach Ostpreußen gezogen. Dort gründete sein Vater eine Elektro- und Baustoffhandlung. Gemeinsam erkundeten Vater und Sohn die für sie neue Landschaft, wobei das Interesse Heinz Sielmanns besonderes den Wiesenvögeln galt. Sehr zur Sorge seines Vaters begannen seine schulischen Leistungen unter der intensiven Beschäftigung mit der Natur zu leiden. Unterstützung erfuhr Heinz Sielmann diesbezüglich aber stets von seiner Mutter, die ihm bald eine Mentor-Spiegelreflexkamera schenkte. Mit ihr gelangen ihm schon nach kurzer Zeit eindrucksvolle Fotos des bis dahin kaum bildhaft dokumentierten Verhaltens von Schnepfenvögeln.
Während der Herbstferien 1937 arbeitete Heinz Sielmann auf der Kurischen Nehrung in der berühmten Vogelwarte Rossitten mit und lernte dort Prof. Dr. Erwin Stresemann, den "Vater der modernen Ornithologie" vom Museum für Naturkunde Berlin und Dr. Horst Siewert, den Leiter der Forschungsstätte Deutsches Wild und Tierfilmpionier kennen. Beide sollten seinen beruflichen Werdegang entscheidend beeinflussen. Nach bestandenem Abitur bekam Heinz Sielmann 1938 von seinen Eltern eine erste Filmkamera geschenkt. Noch im gleichen Jahr produzierte er den Stummfilm "Vögel über Haff und Wiesen", dessen Aufführung bei der Jahrestagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft großen Beifall erzeugte.
Im Zweiten Weltkrieg war es Erwin Stresemann zu verdanken, dass Heinz Sielmann 1943 nicht wie ursprünglich geplant als Funker an die Ostfront rücken musste, sondern auf Kreta einen von Horst Siewert begonnen Naturfilm vollenden konnte. Siewert war dort während der Dreharbeiten den Folgen eines Herzinfarktes erlegen. Auf Kreta geriet Sielmann schließlich in britische Gefangenschaft und verbrachte den Rest des Krieges in England. Ab 1947 arbeitete er als Kameramann für das Hamburger "Institut für Film und Bild in der Wissenschaft und Unterricht" und drehte international anerkannte Naturfilme. Sein erster Kinofilm, das "Lied der Wildbahn", wurde 1949 uraufgeführt. Sielmanns Interesse, in seinen Filmen vor allem das Verhalten von Tieren darzustellen, wurde mit der Zeit immer stärker. 1952 lernte er am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Buldern/Westfalen Prof. Konrad Lorenz kennen, woraus sich eine enge Zusammenarbeit entwickelte. Es folgten die Filme "Quick das Eichhörnchen" (1952) und "Zimmerleute des Waldes" (1954) – beide mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Im Auftrag des belgischen Königshauses filmte Sielmann 1957 im damaligen Belgisch-Kongo Berggorillas, für einen Dokumentarfilm über die Galapagos-Inseln erhielt er 1962 einen Silbernen Bären auf der Berlinale. Weitere Filme folgten, etwa aus den Wildnisgebieten Nordamerikas, Australiens oder auch Papua-Neuguineas.
Einem Massenpublikum bekannt wurde Heinz Sielmann aber erst mit seinen "Expeditionen ins Tierreich", die er von 1965 bis 1991 im ersten Programm des westdeutschen Fernsehens moderierte – vor allem in den späten 1960er und 70er Jahren war die damals sonntags um 20.15 Uhr laufende Sendereihe bei allen Altersgruppen äußerst populär und weckte ihr Interesse an Umwelt und Natur. "Jugendliche fragten mich oft, wie man Tierfilmer wird", berichtete Heinz Sielmann später. Für zukünftige Kollegen hatte er folgenden Rat: "Das Ziel jedes Tierfilmers sollte es sein, Regisseur und Kameramann in einer Person zu werden. Auch vom Schnitt sollte er etwas verstehen. Entscheidend ist allein, ob ich das Geschehen von der Totale bis zur Großaufnahme dramaturgisch so erfassen kann, dass am Schneidetisch eine eindrucksvolle Story aus dem Material entsteht." Wichtig war ihm beim Filmen stets, bei der Arbeit rücksichtsvoll mit der Natur umzugehen und sich im Vorfeld mit Landnutzern abzustimmen. "Der Tierfilmer sollte es sich zur Pflicht machen, bei seinen Planungen Naturschutzwarte oder Revier- und Waldbesitzer aufzusuchen und eine Genehmigung einzuholen. Meist bekommt man auch die Erlaubnis, einen bereits bestehenden Hochsitz zu benutzen. Vögel, die bereits so selten geworden sind, dass sie auf der Roten Liste der in ihrer Existenz gefährdeten Arten stehen, werden aufgrund eines vorbildlichen Beschlusses der Gesellschaft Deutscher Tierfotografen nicht am Nistplatz fotografiert."
Heinz Sielmanns lebenslanges Engagement für den Schutz der Natur gipfelte schließlich in der von ihm und seiner Frau Inge gemeinsam 1994 gegründeten "Heinz Sielmann Stiftung"


Christof Ehrentraut

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