Hintergrundelement
Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv

Ausgabe 2/2017

Der Stationsleiter

Paul Sömmer (60)

ist der Leiter der Naturschutzstation Woblitz, die der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg zugeordnet ist. Sein beruflicher Werdegang als Quereinsteiger und sein spezielles Arbeitsgebiet an der Nahtstelle von Naturschutzpraxis und wissenschaftlicher Auswertung haben Seltenheitswert nicht nur in Brandenburg. Paul Sömmer ist gelernter Betonfacharbeiter. Danach absolvierte er eine zweite Facharbeiterausbildung zum Tierpfleger an der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften Rohrbeck und war als Tierpfleger an der Tierklinik der Humboldt-Universität Berlin beschäftigt.

Im Mai 1990 begann seine Tätigkeit in Woblitz. Seine Hauptaufgabe: die Wiederansiedlung einer Wanderfalkenpopulation, die auf Bäumen brütet. Infolge langjähriger DDT-Ausbringung in der Landwirtschaft waren damals Wanderfalken überregional vom Aussterben bedroht. Erhalten hatten sich nur wenige Paare, die sämtlich in Felswänden brüteten. Von der Baumbrüter-Population Norddeutschlands war nichts geblieben. Diese Tradition der Nistplatzwahl war erloschen, ohne Hoffnung, dass derart geprägte Falken wieder in die norddeutschen und osteuropäischen Wälder einziehen könnten. Falkenexperten starteten Züchtungsprojekte. An der Naturschutzstation Woblitz wurden Jungfalken in künstlichen Baumhorsten bis zur Selbständigkeit gepäppelt. 1996 konnte Paul Sömmer die erste erfolgreiche Brut eines Wanderfalkenpaares auf einem Baumhorst in Deutschland melden.
„Heute ist der Hostschutz, vor allem in der Ansiedlungsphase der störungsempfindlichen Falken- und Schreiadlerpaare, aber auch bei schon bestehenden und bewohnten Horsten, um vieles schwieriger geworden. In den vergangenen Jahrzehnten ist so etwas wie die Industrialisierung der Forstwirtschaft erfolgt, verglichen mit der Situation um 1990. Der Neubau von Wirtschaftswegen wurde gefördert, in großem Stil wurden in den Wäldern Zäune errichtet, Holzlager werden angelegt und die Aufkäufer lassen ihre Stämme abfahren, ganz nach eigenem Bedarf, ohne sich um Horstschutzzonen zu kümmern“, sagt Sömmer.
Woblitz ist auch Pflegestation, hierher kommen hilflos aufgefundene und verletzte Greifvögel und Eulen wie beispielsweise Windanlagenopfer, sowie beschlagnahmte Vögel aus ungenehmigter Haltung. Das Gros der Daten über Windanlagenopfer stammt aus Brandenburg und wird von der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg erfasst. „Es scheint Versuche zu geben, die realen Zahlen der Windanlagenopfer zu verschleiern. Sie werden heute ganz überwiegend an wenigen, abgelegenen und schwer erreichbaren Orten aufgefunden; sind sie an den leicht zugänglichen Orten schon vorher beseitigt worden?“, fragt sich Sömmer.
Seine Tätigkeit verbindet praktischen Naturschutz mit wissenschaftlicher Datenerfassung und Auswertung der Entwicklungstrends der Greifvogelpopulationen in Brandenburg und Berlin. „Der Baumfalken-Brutbestand in der Region scheint desolat mit geringer Siedlungsdichte und geringen Reproduktionserfolgen 2016. Und bei den innerstädtischen Brutrevieren der Habichte in Berlin bleibt immer öfter der Nachwuchs aus“, fasst Sömmer die neuesten Datenreihen zusammen. „Aber in zwei bis drei Jahren kann man nicht wirklich viel über Populationsentwicklungen und Trends der Brutpopulation lernen.“ Er sieht es deshalb kritisch, dass für derartige Untersuchungsprojekte Förderrmittel überwiegend nur noch für maximal zwei Jahre bewilligt werden: „Für langlebige Arten wie den Schreiadler sind dadurch die Chancen und Erfolgsaussichten der Projekte langfristig gering.“
Seine Erfolgserlebnisse? „Zum Beispiel, wenn sich ein Wanderfalkenpaar in einer Baumgruppe neu angesiedelt hat, die ich schon bei meinen Beobachtungsgängen als dafür gut geeignet eingeschätzt habe.“

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

AKTUELLE

Ausgabe 3/2017

Pfeil blue

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe des Naturmagazins
mehr...