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Ausgabe 2/2017

Naturschutz als Beruf

Tipps für Einsteiger

Wie wird man eigentlich Naturschützer? Am Anfang steht vielleicht eine platte Kröte: Die traurige Nebenerscheinung der Amphibienwanderungen an hiesigen Landstraßen ist schwer zu übersehen. Bei vielen Naturfreunden bleiben solche Beobachtungen nicht ohne Folgen: Es kommt zu einem ersten Kontakt mit einer NABU-Ortsgruppe. Diese sind oft eine erste Anlaufstelle für neugierige, betroffene Kinder und Erwachsene, die fortan am Krötenzaun mit anpacken und sich nach einiger Zeit vielleicht auch mit weiteren Aufgaben ehrenamtlich engagieren möchten.

Wer Naturschutz nicht nur im Ehrenamt betreiben möchte, fragt sich oft irgendwann, wie sich das Thema in das eigene Berufsleben integrieren ließe. Doch was macht „ein Naturschützer“ eigentlich konkret und welche Wege können dorthin führen?
Einfach ist die Beantwortung dieser Fragen nicht. Denn „Naturschützer“ entspricht keinem geschlossenen, herkömmlich bekannten Berufsbild. Unter diesem Label sammelt sich eine Vielzahl an Tätigkeiten und Vorstellungen  – was die Auswahl eines passenden Studien- oder Ausbildungsweges nicht einfacher macht.
Eins allerdings vorweg: Längst nicht alle Berufstätige, deren Arbeit zum Schutz der Natur beiträgt, stehen bei Wind und Wetter in Outdoor-Kleidung inmitten schöner Landschaften und retten dort seltene Vogelarten. Berufliche Einsatzfelder existieren sowohl auf Facharbeiter-Level als auch für Hochschulabsolventen. Als Facharbeiter sind im Naturschutz Menschen mit Ausbildungsberufen aus den Landnutzungsbranchen tätig, etwa Waldarbeiter. Oftmals haben diese Naturschützer zusätzliche Kompetenzen autodidaktisch über den ehrenamtlichen Naturschutz erworben oder gar eine Aufstiegsfortbildung zum Geprüften Natur- und Landschaftspfleger absolviert.
Im Folgenden sollen vor allem die Kompetenzen dargestellt werden, auf die es bei einer Ausbildung im Naturschutz ankommt. Außerdem werden ein naturschutzspezifischer Bachelorstudiengang vorgestellt und Trends im Berufsfeld nachgezeichnet. Klassische Aufgabenfelder im praktischen Naturschutz stehen dabei im Fokus der Betrachtungen – abseits von Landschaftsplanung oder administrativem Naturschutz.

Naturschutzpraxis an der Fachhochschule

Es gibt in Deutschland eine Vielzahl renommierter Universitäten, die Studiengänge mit ökologischem Bezug und wissenschaftlichem Profil anbieten. Studierende, die dem Naturschutz später durch Forschung dienen möchten, können dort geeignete Qualifikationen erwerben.
Angewandtes Wissen in Kombination mit praktischen Erfahrungen bieten hingegen eher die (Fach-) Hochschulen. Denn für Praktiker im Naturschutz ist es oft wichtiger, verschiedene Arten korrekt bezeichnen zu können, als eine methodisch versierte statistische Auswertung vorzunehmen. Entsprechende Studiengänge, die gezielt für angehende Naturschützer konzipiert wurden, haben sich bevorzugt an kleinen Hochschulen etabliert. Sie vermitteln angewandte Kenntnisse und studentische Projekte oder Abschlussarbeiten werden häufig in Kooperation mit Partnern aus der Naturschutzpraxis durchgeführt. Die von den Studierenden erarbeiten Ergebnisse landen somit überwiegend nicht "in der Schublade" sondern sind von konkretem Nutzen. Ein Großteil der Ausbildung findet daher nicht im Vorlesungssaal statt, sondern am Untersuchungsobjekt im Freien.
In Nordostdeutschland bieten mehrere Hochschulen Bachelorstudiengänge an, die den Naturschutz bereits im Namen tragen: Die Hochschule Anhalt mit dem Bachelor „Naturschutz und Landschaftsplanung“, die Hochschule Neubrandenburg mit „Naturschutz und Landnutzungsplanung“ und die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE) mit „Landschaftsnutzung und Naturschutz“. Für Naturschutzinteressierte aus Brandenburg liegt der Eberswalder Standort besonders nah, weshalb die HNEE hier stellvertretend vorgestellt werden soll.

Naturschutz studieren in Eberswalde

Die HNEE blickt auf eine lange Geschichte zurück: Bereits 1830 als Höhere Forstlehranstalt gegründet, wurden dort Studierende für eine Tätigkeit in „grünen“ Branchen qualifiziert. Neben Forstwirtschaft, nachhaltiger Wirtschaft oder Ökolandbau erfreut sich der Bachelor „Landschaftsnutzung und Naturschutz“ unter Naturbegeisterten heute großer Beliebtheit. Das Studium vermittelt ökologisches Wissen und Artenkenntnisse sowie die Grundlagen der Landschaftsplanung, des Umweltrechts und der Umweltbildung.
Studierende mit Interesse an der praktischen Arbeit in Schutzgebieten, etwa als Ranger, können innerhalb des Bachelors die Vertiefung „Schutzgebietsbetreuung“ wählen. In verschiedenen Modulen lernen sie das Berufsbild näher kennen und erwerben Kompetenzen, die im Berufsalltag als Ranger gefragt sind. Im Pflichtpraktikum, das bei einer Gebietsbetreuungsinstitution zu absolvieren ist, sammeln sie wertvolle Erfahrungen
Auch wenn nicht alle Absolventen später als Ranger arbeiten werden, sind sie durch die vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten gut gewappnet und aufgestellt für die aktuellen Anforderungen im breiten Feld des praktischen Naturschutzes. Seit vielen Jahren finden die Absolventen des Bachelorstudiengangs aufgrund ihrer Kompetenzen Anstellungen in Naturschutzinstitutionen des In- und Auslands.

Trends im Berufsfeld Praktischer Naturschutz

Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre haben zu einem breiteren Aufgabenspektrum für Berufsnaturschützer geführt. So hat die Ausweisung der europaweiten Schutzgebietskulisse Natura 2000 für viele Veränderungen gesorgt. Damit ergab sich einerseits die Chance, neue Gebiete mit Blick auf deren Ausstattung mit bedrohten Lebensräume und Arten unter Schutz zu stellen. Zudem ist damit der Blick für eine gemeinschaftliche, grenzübergreifende Verantwortung für die Natur abseits von Inselbiotopschutz stärker in das Bewusstsein aller Akteure gedrungen. Andererseits ist der administrative Aufwand gestiegen, da das umfangreiche gesetzliche Regelwerk von Natura 2000 zu weiteren Aufgaben verpflichtet. Zum Beispiel müssen Veränderungen in Natura 2000-Gebieten dokumentiert und Verschlechterungen des Zustands von Gebieten und Arten auch bei Zielkonflikten unter allen Umständen verhindert werden.
Großschutzgebiete wie Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturparke sind mittlerweile in allen Bundesländern ausgewiesen und sollen großflächig Natur- und Kulturlandschaften bewahren. Der Naturschutz in diesen prominenten Gebieten hat sich professionalisiert und umfasst auch Aufgaben des Marketings, der Öffentlichkeitsarbeit und insbesondere der Umweltbildung.
Ein umfangreiches Wissen zu aktuellen Themen wie Klimawandel, Neobiota und dem Erhalt der biologischen Vielfalt ist für die Kommunikation mit Besuchern und für den Austausch mit der Wissenschaft unerlässlich. Naturschützer dienen als Botschafter dieser Themen und müssen komplexe, globale Zusammenhänge zielgruppengerecht kommunizieren können.
Weiterhin gewinnen Abstimmungsprozesse, auch außerhalb von Schutzgebieten, an Bedeutung für die tägliche Arbeit. Ein einsam für sich agierender Naturschutz ohne den Austausch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen ist zum Scheitern verurteilt. Kontinuierliche Gespräche und steter Informationsaustausch mit Landnutzern, Anwohnern und Touristen erfordern ausgeprägte Fähigkeiten in Kommunikation, Mediation und Moderation.
Die Umweltbildung ist zu einem ganz eigenen Berufsfeld herangereift. Insbesondere das komplexe Konzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) hat neue Aspekte in die Bildungsarbeit für den Naturschutz gebracht. Befeuert durch die BNE-Projektförderung innerhalb der von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Weltdekade BNE“ in den Jahren 2005 bis 2014, ist die Berücksichtigung von BNE-Aspekten fester Teil des Arbeitsalltags vieler Naturschutzinstitutionen geworden.
Nicht zuletzt sei darauf verwiesen, dass für den Schutz der Natur Artenkenntnisse essentiell sind. Nach wie vor beklagen Wissenschaft und Praxis einen Mangel an Expertennachwuchs und suchen händeringend nach jungen Menschen, an die das umfangreiche Wissen und der Erfahrungsschatz einer stark gereiften Generation von Fachleuten weitergegeben werden können.

Interessen kennenlernen und ausbauen

Für Einsteiger in den Naturschutz ergibt sich ein gewisses Dilemma. Bei den umfassenden Themen, die derzeit aktuell sind, wird die berühmte Subspecies der „eierlegenden Wollmilchsau“ gesucht: Jemand, der die Naturschutzgesetzgebung kennt, umfassende Artenkenntnisse verschiedener Taxa und zusätzlich Spezialwissen in einem Bereich vorweist, die aktuelle Naturschutz-, Agrar- und Forstpolitik verfolgt, Landschaftspflege betreibt, Umweltbildungsmethoden beherrscht, Öffentlichkeitsarbeit professionell durchführt und besonderes Einfühlungsvermögen gegenüber Landnutzern und der Öffentlichkeit zeigt – die Liste ließe sich weiter fortsetzen.
Die im nebenstehenden Kasten dargestellte, aus vielen analysierten Annoncen abgeleitete „typische“ Stellenanzeige für Schutzgebietsbetreuer zeigt diesen Anforderungskatalog auf.
Klar ist, dass vielen dieser Ansprüche nur nach Jahren im Beruf oder Ehrenamt und mit viel Übung entsprochen werden kann. Doch im differenzierten Aufgabenprofil liegen auch Chancen für Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Interessen, ihren Platz im Naturschutz zu finden.
Wichtig ist, sich bereits während des Studiums umfassend über mögliche Berufsfelder zu informieren. Die Hochschulen vermitteln nicht nur einen Wissensschatz zu Landschaftsprozessen und Artenschutz. Sie bieten in ihren Kursen neben Methodenkenntnissen auch Schulungen in zwischenmenschlichen Kompetenzen an, etwa Moderation oder Rhetorik. Kooperationen mit Praxispartnern in der Lehre, während Exkursionen und in Projekt- und Abschlussarbeiten sollten gezielt genutzt werden, um frühzeitig Kontakte und Einblicke in die Arbeitswelt zu erhalten.
Jedoch werden die Themen nur angestoßen – sie erfordern zusätzliche Eigeninitiative, um sich über den Studienalltag hinaus darin einzuarbeiten.
Wer sich für eine Zukunft im Naturschutz entscheidet, kann mittlerweile aus einem passenden Studienangebot wählen. Für einen erfolgreichen Berufseinstieg zählen praktische Kenntnisse im Gelände und ausgereifte Kommunikationsfähigkeiten. Daher ist letztlich der Studienort nicht unbedingt entscheidend: Nur wer seine Interessen verfolgt und gezielt ausbaut, etwa im Ehrenamt, wird seinen Platz im Naturschutz finden – ob das nun draußen in der Vogelwarte oder mit einer Schulklasse im Naturschutzzentrum ist, entscheidet sich durch die persönliche Neigung, der bereits während des Studiums nachgefühlt werden sollte.

Laura Danzeisen
Die Autorin erhielt im Februar 2017 eine Auszeichnung für ihre Abschlussarbeit am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz der HNEE. Die Arbeit beschäftigte sich mit dem Wandel des Berufsbildes von Schutzgebietsbetreuern.

Vera Luthardt
Professorin am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz der HNEE.

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