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Ausgabe 2/2017

Wildnis schützen, Vielfalt erhalten

Eindrücke und Überlegungen auf dem Welt Ranger Kongress in Colorado 2016

314 Ranger aus 62 Nationen trafen sich im Mai 2016 zum Erfahrungsaustausch beim Welt Ranger Kongress im Rocky Mountain Nationalpark in Colorado. Die Wahl des Austragungsortes würdigte zum einen das hundertjährige Jubiläum des National Park Service, der sämtliche Nationalparke der USA betreut. Zum anderen ermöglichte sie den Teilnehmern Einblicke in das Nationalparksystem der USA und in die Konzepte seiner Betreuungsorganisation.

Geht es in Deutschland um den Schutz von Wildnis, wird häufig auf die USA Bezug genommen. Schließlich wurden dort seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Nationalparke eingerichtet und vorbildliche Konzepte für deren Verwaltung und Betreuung entwickelt. Für uns war es deshalb besonders spannend zu erfahren, wie das Thema „Wildnis“ dort heute gesehen und wie mit den aktuellen Herausforderungen des globalen Wandels umgegangen wird.

Begriffswandel

In den USA werden Nationalparke heute nicht mehr als ursprüngliche Wildnis betrachtet. Vielmehr wird anerkannt, dass auch sie eine indianische Vorgeschichte haben und die Angehörigen der „First Nations“ Einfluss auf die Landschaft nahmen. Sie besaßen ihre eigenen Zivilisationen und waren keine „Wilden“ – was auch immer man mit diesem diskriminierenden Begriff verbinden mag. In den Prärien und im Gebirge lebten sie in Wildbeuterkulturen, die ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Jäger, Sammler und Fischer bestritten. In anderen Teilen der heutigen USA betrieben indianische Völker aber auch Ackerbau. Doch auch die Wildbeuterkulturen beeinflussten die von ihnen genutzte Landschaft, unter anderem durch Feuer, die sie legten, um die Nahrungsgrundlage für ihre Beutetiere zu verbessern. Die große Leistung der indianischen Zivilisationen lag aber darin, dass sie nachhaltig wirtschafteten und ihre natürliche Umwelt schonend behandelten. Das haben die europäischen Einwanderer jedoch nicht verstanden. Sie brachten die Bestände großer Säugetiere innerhalb kurzer Zeit an den Rand des Aussterbens und beraubten die indianischen Jägervölker damit ihrer Lebensgrundlage.

Heute und gestern

Die Nationalparke der USA sind heute zwar sehr naturnahe Gebiete, aber sie verfügen über eine lange Vorgeschichte menschlicher Nutzung. Beispielsweise waren in dem 1.078 Quadratkilometer großen Rocky Mountain National Park zum Zeitpunkt seiner Gründung im Jahr 1915, Elche, Bisons, Bären und Wölfe bereits ausgestorben oder sie starben kurz danach aus. Wapitis hatte man bereits 1913/14 mit Tieren aus dem Yellowstone Nationalpark wieder eingebürgert Sie vermehrten sich so stark, dass sie heute erheblich zur Verarmung der Vegetation beitragen. Schwarzbären und Elche sind auf natürlichen Wegen wieder eingewandert. Grizzlys und Wölfe, die natürlichen Feinde der Hirsche, fehlen dagegen bis heute. Bemühungen um deren Wiedereinbürgerung scheiterten bislang am Widerstand der regionalen Bevölkerung. Damit sich die Wälder trotz hoher Schalenwildbestände wieder verjüngen können, werden nun einige Flächen im Nationalpark eingezäunt. Doch das sind nicht die einzigen Managementmaßnahmen im Rocky Mountain National Park. Normalerweise würde dort auch die Schneeziege vorkommen, die in weiten Teilen der Rocky Mountains verbreitet ist. Ihre Einwanderung wird aber unterbunden, weil sie Krankheiten an die im Nationalpark lebenden Dickhornschafe übertragen könnte. Andere Maßnahmen richten sich gegen eingeschleppte Organismen, die bereits Probleme bereiten. So wird beispielsweise die Drehkiefer, die entlang der Baumgrenze vorkommt und unserer Zirbelkiefer ähnelt, zunehmend Opfer eines aus Europa stammenden Rostpilzes. Um die Art dennoch zu erhalten, werden nun resistente Bäume gezüchtet, die später im Park ausgepflanzt werden sollen.
Große Probleme bereiten dem National Park Service auch Borkenkäferkalamitäten und Wildfeuer, die infolge von Klimaerwärmung und andauernden Trockenperioden noch zugenommen haben. Einige von ihnen werden bekämpft, auch um ihre Einflüsse auf benachbarte Gebiete zu verhindern.
Nicht unerhebliche Spuren hinterlässt auch der Tourismus im Rocky Mountain Nationalpark – kein Wunder bei etwa vier Millionen Besuchern im Jahr. Zahlreiche Straßen, Parkplätze und Rundwanderwege machen den Park für jeden erlebbar. In der Umgebung der Besuchereinrichtungen konzentrieren sich wildlebende Tiere in der Erwartung von Futter – obwohl das Füttern offiziell verboten ist.

Gepflegte Wildnis

In US-Nationalparks hat man erkannt, dass Managementmaßnahmen auch in „Wildnisgebieten“ sinnvoll sein können, soll die biologische Vielfalt dort erhalten werden. In einer Schrift zum 100jährigen Jubiläum des National Park Service heißt es dazu: „Die traditionelle Annahme war, dass die Natur der Nationalparks so lange gesund und ursprünglich bliebe, wie die Menschen sie in Ruhe ließen. Natürliche Prozesse würden zu den besten Ergebnissen führen. Im 21. Jahrhundert erscheint diese Logik als zu einfach. Nationalparks und verwandte Bereiche sind keine sicheren Inseln, die von Parkmanagern vor schädlichen äußeren Einflüssen geschützt werden können […] Wir wissen heute, dass es keine vollständig sicheren Inseln in einer natürlichen Welt mehr gibt. Probleme wie der globale Klimawandel machen das sonnenklar. Was bedeutet das Paradigma, wonach Nationalparks unbeeinträchtigt für zukünftige Generationen erhalten werden sollen, in einer Welt, in der Menschen scheinbar alles beeinflussen und verändern? […] Wir benötigen heute eine Auseinandersetzung mit den neuen und mächtigen Formen des Wandels, die oft durch Menschen verursacht sind, und wir müssen hinterfragen und neu definieren, was die Nationalparkidee erlauben und akzeptieren kann […]“ (William Tweed 2016: Dynamic Nature, in: A thinking Person´s guide to Amerika´s National Parks).

Schlussfolgerungen

Was können wir aus diesen Erkenntnissen für den Schutz von Wildnis in Deutschland ableiten? Wir müssen Konkurrenzen zwischen dem Schutz von Wildnis und der Erhaltung der biologischen Vielfalt vermeiden, um beide Anliegen möglichst optimal zu verwirklichen. Das beginnt bereits bei der Auswahl geeigneter Flächen für Wildnisentwicklung. Naturnahe Lebensräume wie Moore oder Wälder aus Baumarten der potenziell natürlichen Vegetation eignen sich dafür gut. Artenreiche Kulturbiotope wie Calluna-Heiden oder Extensivgrünland bedürfen dagegen einer fortdauernden Pflege, um ihren Artenreichtum zu erhalten. Würde man zum Beispiel Calluna-Heiden der natürlichen Sukzession überlassen, verschwände ein großer Teil ihres bisherigen Arteninventars und es erschienen Vegetationsstadien, die zunächst hauptsächlich von wenig bedrohten Arten besiedelt würden. Bei einer über lange Zeiträume ungestört verlaufenden Entwicklung könnten zwar auch dort Waldstadien mit zunehmendem Wert für den Erhalt biologischer Vielfalt entstehen. Solche Zeiträume liegen jedoch außerhalb unseres menschlichen Maßes. Schließlich können wir künftige Generationen nicht darauf festlegen, dass sie Naturschutzkonzepte fortführen, die aus den Ideen unserer Zeit entstanden sind. Je überzeugender diese aber sind und je wertvoller die Lebensgemeinschaften, die sie hervorbringen oder schützen, umso größer dürften die Chancen auf ihre langfristige Umsetzung sein. In der Braunkohlefolgelandschaft, die in Teilen als Flächenreserve für Wildnisentwicklung gesehen wird, kann aber in bestimmten Fällen Management für eine längerfristige Erhaltung von Pionierbiotopen günstiger sein, als natürliche Sukzession.
Auch in etablierten Wildnisgebieten können Eingriffe zugunsten des Artenschutzes sinnvoll sein. Gute Konzepte müssen für den Umgang mit gebietsfremden Arten und Beutegreifern, die seltene Arten in Wildnisgebieten bedrohen, gefunden werden. Sollten sich zum Beispiel die Erkenntnisse über eine Bedrohung von Schwarzstorchbruten durch Waschbären weiter erhärten, wäre es naheliegend, auch die Hostbäume in Wildnisgebieten mit Schutzvorrichtungen zu versehen.
Wir benötigen auch in Deutschland pragmatische und integrative Konzepte, in denen unterschiedliche Naturschutzkonzeptionen nicht gegeneinander stehen, sondern die das Ergebnis einer Auseinandersetzung um optimale Lösungen im Sinne der Erhaltung der biologischen Vielfalt sind.

Manfred Lütkepohl

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