Hintergrundelement

Kann der „Mensch des Waldes“ überleben?

Klimawandel und Landwirtschaft setzen den Orang-Utans zu

Orang-Utans gehören zu den Ikonen des Moorschutzes auf den Inseln Borneo und Sumatra. Zwar kamen sie einst auch in Tieflandwäldern mit Mineralboden bis 500 Höhenmetern vor, aber diese sind durch beispiellose Ausbeutung weitgehend verschwunden. Inzwischen kommen Orang-Utans fast ausschließlich in den Mooren vor.

Die Moore Südostasiens unterscheiden sich ganz erheblich von unseren europäischen Mooren. Die torfbildende Vegetation besteht in Südostasien fast ausschließlich aus bis zu 50 Meter hohen Baumarten. Diese Moorwälder sind extrem artenreich und können bis zu 200 verschiedene Gehölzarten beherbergen, die am Torfentstehungsprozess beteiligt sind. Es ist somit faktisch Regenwald, über den wir bei Mooren Südostasiens sprechen. Der so vor allem aus Holz entstehende Torf ist besitzt eine viel höhere Dichte und bindet mehr Kohlenstoff. Ein Moor gleicher Torfmächtigkeit kann daher bis zu dreimal mehr Kohlenstoff enthalten, als ein aus Torfmoosen gebildetes Moor.
Innerhalb Südostasiens ist der größte Teil der Moore der Malayischen Halbinsel bereits vor Jahrzehnten trocken gelegt, abgeholzt und in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt worden. Neben der Schaffung von Reisfeldern diente dies insbesondere dem Anbau von Ölpalmen. Dies machte Malaysia seit den 1980er Jahren zum weltweiten Top-Produzenten von Palmöl. Wenn noch heute von den günstigen Gestehungskosten von Palmöl im Vergleich mit anderen Pflanzenölen gesprochen wird, sollte nicht vergessen werden dass der Preis des billigen Palmöls teuer erkauft ist von künftigen Generationen und eine Moorzerstörung bis dahin ungekannten Ausmaßes auslöste. Die verbliebenen Moore konzentrieren sich auf das Inselreich jenseits des Festlandes. Indonesien ist heute mit circa 14,9 Millionen Hektar Torfbodenfläche das moorreichste Land der Region. Das entspricht 60 Prozent der Moore Südostasiens und einem Drittel der tropischen Moore insgesamt, allerdings weniger als 4 Prozent der globalen Moorfläche. Allein 6,4 Millionen Hektar davon liegen auf Sumatra und 4,8 Millionen Hektar im indonesischen Teil der Insel Borneo (Kalimantan). Von einem kleinen Teil von nur 10 Prozent dieser Moore ist die Rede, wenn es um die letzten Refugien der Orang-Utans geht.
Früher als Unterarten aufgefasst unterscheidet man heute den Borneo-Orang-Utan (Pongo pygmaeus) und den Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii) als eigene Arten. Der Name bedeutet im malayischen/indonesischen „Wald-Mensch“ (Orang=Mensch, Hutan=Wald). Der Weltbestand des Sumatra-Orang-Utans ist auf 14.600 geschrumpft. Beim Borneo-Orang-Utan gehen Schätzungen von weniger als 20.000 aus. Beide Arten werden auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN inzwischen als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Zwischen 1950 und 2010 betrug der Populationsrückgang bei beiden Arten 60 % in erster Linie durch Habitatverlust und Wilderei. Seit Beginn des Jahrzehnts hat sich insbesondere die Rate der Habitatzerstörung verringert, allerdings gehen die Bestände beider Orang-Utan-Arten noch immer um etwa zwei Prozent jährlich zurück, auch weil die verbliebenen Teilpopulationen meist verinselt sind. Dabei haben Orang-Utans unter allen Primaten die geringste natürliche Geburtenrate, nur alle sechs bis acht Jahre werden Jungtiere geboren. Obwohl eine Ikone des Artenschutzes sind die Orang-Utan-Arten daher akut vom Aussterben bedroht. Im Jahr 2015 machte zusätzlich der durch den Klimawandel ausgelöste El Niño den Orang-Utans Sumatras und Borneos zu schaffen. Niederschläge fielen faktisch ab Juni 2015 für fast fünf Monate aus. Die Folge waren massive Wald- und Torfbrände insbesondere in den Monaten August bis November. Über Monate war die ganze Region einschließlich der Malayischen Halbinsel mit ihren Millionenstädten Kuala Lumpur und Singapur in giftigen Rauch aus den brennenden Mooren gehüllt. Nach offiziellen Angaben kamen durch Rauchvergiftung in diesem Zeitraum 100.000 Menschen ums Leben. Seit Jahren gibt es zu diplomatischen Spannungen zwischen dem Stadtstaat Singapur und Indonesien aufgrund der Rauchbelastung. Und dennoch wäre es falsch, allein den Klimawandel dafür verantwortlich zu machen. Denn es ist ja die Landnutzung, die den Impuls zur Trockenlegung der Moore gab und damit erst ein Feuerrisiko schuf. Indonesiens Präsident Jokowi hat die Tragödie um die 2015er Brände bewogen, eine Kehrtwende im Umgang mit den indonesischen Mooren zu schaffen. Am 4. Januar 2016 schuf er per Dekret die Nationale Moorrestaurations-Agentur, die dem Staatsoberhaupt direkt unterstellt ist und das Ziel hat, in den kommenden Jahren über 2 Millionen Hektar Moore wieder zu restaurieren. Welche Ökosystemfunktionen dabei im Fokus der Restauration stehen, darüber wird seit dem heftig gerungen. Es bleibt zu hoffen, dass damit auch eine Perspektive für das Überleben der Orang-Utans geschaffen wird!


Tom Kirschey
Teamleiter Internationaler Moorschutz und Südostasien der NABU-Bundesgeschäftsstelle

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

Immer informiert

Das naturmagazin einzeln oder als Abo

Pfeil blue

Ihnen gefällt das neue naturmagazin und Sie möchten es regelmäßg lesen?

Im online-Buchladen von Natur+Text können sie es bestellen

Vorschau

Ausgabe 3/2017

Pfeil olive

Fledermäuse sind Schwerpunkt der nächsten Ausgabe! Ab 1. August 2017 in Ihrem naturmagazin.

Kalender

Aktuelle Veranstaltungen

Pfeil orange

Herausgeber

NABU Brandenburg, Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V., Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, Natur+Text GmbH

Pfeil olive

mehr lesen?

Pfeil blue

Sie interessieren sich für weitere Publikationen aus unserem Verlag?

Dann stöbern sie doch in unserem Online-Buchladen