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Ausgabe 2/2017

Die glücksbringende Kreuzspinne

Im Rijksmuseum in Amsterdam werden acht Miniaturen mit Tierdarstellungen des flämischen Malers Jan Augustin van der Goes aufbewahrt. Darunter befindet sich auf grünem Grund die Darstellung einer Kreuzspinne (Araneus diadematus), die so realistisch gemalt ist, als ob sie jeden Moment aus dem Bild krabbeln könnte. Durch das helle, namengebende Kreuz auf dem bräunlichen Hinterleib ist die Kreuzspinne eindeutig identifizierbar. Die vier Beinpaare sind mit feinen Härchen überzogen, erkennbar sind auch die zwei Kiefernklauen auf dem Vorderkörper.

Van der Goes war von 1694–1697 in Antwerpen tätig und ist uns heute hauptsächlich als Zeichner und Aquarellmaler von Stillleben und Tieren bekannt. Für die winzige kolorierte Zeichnung der Kreuzspinne wählte er teures Pergament statt Papier. Sie war nicht als Vorlage für ein größeres Gemälde, sondern als eigenständiges Kunstwerk gedacht. Miniaturen dieser Art wurden in der Regel in Alben aufbewahrt und waren bei Sammlern ebenso begehrt wie aufgespießte Insekten in Schaukästen.

Das wissenschaftliche Interesse an Spinnen und Insekten und die Faszination für diese waren damals relativ neue Erscheinungen, einhergehend mit dem im 17. Jahrhundert stark zunehmenden Interesse an Naturgeschichte. Zuvor wurden Gliederfüßer als Einzelmotiv für Gemälde und Zeichnungen als nicht bildwürdig angesehen, von wenigen Ausnahmen wie etwa Albrecht Dürers Darstellung eines Hirschkäfers einmal abgesehen. Zwar finden sich Spinnen und Insekten oft auf Blumen- und Vanitas-Stillleben, dann aber meist, um maltechnische Meisterschaft zu demonstrieren und als Symbole des Bösen und des Todes (im Gegensatz zu Schmetterlingen, die für Verwandlung und Auferstehung standen).

Die Spinne war über Jahrhunderte hinweg überwiegend mit negativer Symbolik besetzt, und noch heute haben viele Menschen in unserem Kulturkreis eine Abscheu gegen die Achtbeiner, obgleich sie auch im Haus sehr nützlich sind, da sie sich hauptsächlich von Insekten ernähren – man denke nur an lästige Fliegen.
Schon in der Antike warnte der römische Naturforscher Plinius (23/24–79) in seiner Naturalis historia (XXIX, 27) vor dem giftigen Biss der Spinne. Tatsächlich gibt es in Europa nur eine einzige Spinnenart – die im Mittelmeerraum lebende Europäische Schwarze Witwe – deren Gift für den Menschen in sehr seltenen Fällen lebensgefährlich sein kann. Auf sie dürfte die in Europa weit verbreite Angst vor Spinnen zurückgehen. Die in ganz Mitteleuropa heimische Kreuzspinne, auch Gartenkreuzspinne genannt, ist für den Menschen hingegen harmlos. Sie baut ein etwa 30 Zentimeter messendes Radnetz. Wird dieses durch Berührung eines Beutetiers erschüttert, schnellt sie aus ihrem Versteck oder aus dem Zentrum des Netzes heraus, tötet ihre Beute mit einem Biss und saugt sie aus. Deshalb nähert sich das kleinere Männchen für die Paarung nur vorsichtig und flüchtet danach rasch, um dem Gefressenwerden zu entgehen. Das Weibchen legt im Herbst mehrere hundert Eier, die Jungen schlüpfen im April oder Mai.
Der wissenschaftliche Name für Spinnen, Arachne, leitet sich von der gleichnamigen Gestalt der griechisch-römischen Mythologie ab. Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.) erzählt in seinen Metamorphosen (VI, 1–145) wie Arachne, eine begabte junge Weberin, ihre eigene Webkunst über das Können der Göttin Minerva stellte. Von dieser zu einem Wettstreit herausgefordert, gewann sie diesen mit einer Teppichserie, die Liebesabenteuer der Götter zeigte. Minerva rächte sich daraufhin an Arachne für deren Hochmut und verwandelte sie in eine Webspinne.
In der christlichen Kultur versinnbildlicht die Spinne den Teufel, der sein Netz spinnt, um die menschliche Seele zu fangen. In dieser Symbolbedeutung erscheint die Spinne nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur. Die bekannteste deutschsprachige Erzählung in der eine Spinne den Teufel verkörpert, ist Die schwarze Spinne (1842) von Jeremias Gotthelf.
In Berlin war Hanns Heinz Ewers’ Horrorgeschichte Die Spinne (1908) sehr populär; sie wurde in gleich drei verschiedenen Tageszeitungen abgedruckt und erschien danach in einem Sammelband mit Kurzgeschichten. Im Mittelpunkt der Erzählung steht eine Frau als fatale Verführerin, die am Fenster sitzt und spinnt und Männer im gegenüberliegenden Hotel in den Selbstmord treibt. Auf zwei der Toten wird eine große schwarze Spinne gefunden, das letzte ihrer Opfer hingegen hat eine zerbissene Spinne im Mund.
Die negative Bedeutung der Spinne ist auch in unserem Sprachgebrauch ablesbar: man ist sich „spinnefeind“ oder „giftig wie eine Spinne“, „Spinner“ haben „Hirngespinste“, eine böse Frau ist eine „Kreuzspinne“.
Interessanterweise gilt die Spinne in Italien als gutes Omen, wie zahlreiche Sprichwörter belegen: „Il ragno porta fortuna“ („Die Spinne bringt Glück“) und „Ragno porta guadagno“ („Die Spinne bringt Gewinn“). Wer das Tier totschlägt, dem droht hingegen Unheil, so eine Redensart aus der Romagna: „E ragn s’t’amazaré poca fortuna t’avré“ („Wer eine Spinne umbringt, wird wenig Glück haben“).
Die in Mitteleuropa weit verbreitete Kreuzspinne gilt im Gegensatz zu sehr vielen anderen heimischen Spinnenarten als nicht gefährdet. Von der Arachnologischen Gesellschaft und dem NABU wurde sie zur Spinne des Jahres 2010 gewählt, um das Interesse an dem faszinierenden Tier zu wecken und Menschen ihr Unbehagen und ihre Angst vor Spinnen zu nehmen.

Iris Fleckenstein-Seifert

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