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Ausgabe 2/2016

Unbemerkt artenarm

Reicht unser Wissen für wirksamen Naturschutz?

Seit der schwedische Naturforscher Carl von Linné 1758 in seinem „Systema Naturae“ erstmals alle damals bekannten Tier- und Pflanzenarten auflistete und ihre Artkennzeichen beschrieb, ist unsere Kenntnis über die natürliche Vielfalt enorm gewachsen. Linné („Gott schuf, Linné ordnete“, so ein zeitgenössisches Wissenschaftler-Bonmot) führte insgesamt 4.390 Tierarten auf.

Im „Artenschutz-Report 2015. Tiere und Pflanzen in Deutschland“, im Mai 2015 vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn herausgegeben, heißt es zur weltweiten Artenzahl: „Derzeit sind etwa 1,8 Millionen Arten beschrieben, davon sind in Deutschland etwa 71.500 nachgewiesen.“ Deutschland beherbergt demnach etwa 48.000 nachgewiesene Tierarten. Dazu kommen mehr als 9.500 hier wild lebende Pflanzenarten und geschätzte ca. 14.000 Pilzarten.
Diese aktuellen Inventurzahlen aus einem Teilgebiet der biologischen Vielfalt – die Biodiversität umfasst neben der Artenvielfalt auch die genetische Vielfalt und die Ökosystemvielfalt – ergeben jedoch keine verlässlichen Zahlen für alle Zeiten. Nicht nur, dass Naturforscher von Jahrzehnt zu Jahrzehnt „neue“ Arten und Artengruppen entdecken und für die Wissenschaft erstmals beschreiben, auch natürliche Dynamik, Evolution, Veränderungen in der zahlenmäßigen Häufigkeit von Arten (dominante Arten, ausgerottete und aussterbende Arten) sowie hier früher nie nachgewiesene, erst durch menschliche Aktivitäten eingeschleppte Arten (Neobiota), verändern diese Bilanzen. Und die Wissenschaft selbst erhält durch neue Untersuchungsmethoden, etwa DNA-Analysen, bisher unbekannte Einsichten in die Verwandtschaftsverhältnisse ähnlicher Arten. Mit dem Ergebnis, dass eine beschriebene Tierart eventuell nicht mehr als ein- und dieselbe Art erkennbar ist, sondern als mehrere neue, unterscheidbare Arten definiert wird.
Für Deutschland und seine Bundesländer geben die Roten Listen den besten Überblick über den Zustand der Artenvielfalt. Die nachgewiesenen Arten und Artengruppen werden jeweils nach ihrem aktuellen Status differenziert: Wie steht es um ihren Erhaltungszustand länger- bzw. kurzfristig (positive oder negative Veränderungen bzw. keine erkennbaren Veränderungen)? Außerdem verzeichnen die Roten Listen auch die Rubrik „Datendefizit“ für Arten, bei denen der unzureichende Kenntnisstand keine derartige Beurteilung erlaubt.
Turnusgemäß werden die Roten Listen alle zehn Jahre überprüft, fortgeschrieben und aktualisiert. „Die Fortschreibung der Roten Listen für das Bundesland Berlin soll Ende 2016 vorgelegt werden“, sagt Bernd Machatzi, Mitarbeiter des Landesbeauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Er weist auf die Verbesserungen der neuen Roten Listen hin. Erstmals seien die Artengruppen der in Berlin nachgewiesenen Dickkopffliegen und Schwebfliegen und der Röhrenpilze dabei, ebenso die Schmetterlinge (in der Roten Liste von 2006 fehlten sie noch).
Doch nicht für alle in Berlin nachgewiesenen Arten- bzw. Artengruppen werden die neuen Roten Listen auch Informationen über deren aktuellen Erhaltungszustand liefern. Manche Artengruppen können nicht wie gewünscht bearbeitet werden – es mangelt an Artenexperten. Diese Artengruppen werden als unkommentierte Checklisten dargestellt oder fehlen in den neuen Roten Listen Berlins. Dieser Mangel könnte noch zunehmen, denn einzelne Artenexperten sind bereits über 70 Jahre alt. „Dabei ist das relativ kleinflächige Berlin bei der Kenntnis des Artenbestandes mit seinen drei Universitäten und zahlreichen Artenexperten in der Stadt und im Umland in einer vergleichsweise guten Lage“, sagt Machatzi.
Der Mangel an Artenspezialisten oder eine geringe Nachwuchsausbildung in diesem Bereich könnte zu einem Rückgang des biologischen Wissens führen. Das hätte gravierende Folgen für weite Bereiche des Naturschutzes: Wie sollten passgenaue Artenhilfsprogramme angesichts der Datendefizite entworfen und umgesetzt werden? Wie kann das Ziel der Erhaltung der Artenvielfalt (und der Biodiversität) erreicht werden, wenn Experten fehlen, um den aktuellen Status der vorkommenden Arten und Artengruppen zu beurteilen? Ein Ziel, dem sich die Bundesregierung und die Staaten der EU verpflichtet haben.


Jürgen Herrmann

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