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Ausgabe 2/2016

Totenlied

„Die Esche ist eine häufige Baumart in Auen und feuchten Bachtälern.“ Simples Lehrbuchwissen. Der Tischler freut sich am makellosen Weiß seiner „Kirchenbankeschen“. Makelloses Holz. Für die Nordmenschen verkörperte Yggdrasil, die Weltesche, den gesamten Kosmos. Fraxinus excelsior lautet ihr lateinischer Name. „Excelsior“ steht für die „sehr Erhabene, Ausgezeichnete“. Jetzt droht der Erhabenen das Aus.

Begonnen hat für mich alles vor fünf Jahren. Auf Streifzügen durch den Wald habe ich kleine Flächen schütter belaubter Eschen gesehen, mir Gedanken gemacht und auf das nächste Jahr gehofft. Da waren die ersten Kronen tot, die Stämme von Spechten entrindet. Auf dem nackten Holz verschlungene Muster, vermutlich von den Larven heimischer Eschenprachtkäfer in Bast und Holz graviert. Ein Käfer, ein Schwächeparasit, der angeschlagenen Eschen den Rest gibt. Gesunde Eschen sind stark, haben sich in vielen Jahrtausenden an diesen Käfer gewöhnt, wehren ihn ab.
In der Literatur bin ich über „Eschentriebspitzensterben“ gestolpert. Was für eine Verharmlosung. Die Eschenkronen werden schütter, die Bäume, ob jung oder alt, sterben stets binnen weniger Jahre. Dieser rasche Tod fällt Eschen in ihrem gesamten mitteleuropäischen Verbreitungsgebiet. Brandenburgs Förster haben reagiert und die Eschen im Landeswald bereits 2009 mit einem Anbauverbot belegt. Bis auf weiteres.
Lange suchten Wissenschaftler vergeblich nach der Ursache des Eschentods. In den sterbenden Bäumen isolierten einen Pilz: Hymenoscyphus albidus, das echte Weiße Stängelbecherchen. Doch der Schlauchpilz ist nur ein harmloser Zersetzer des Falllaubs. 1851 erstmals beschrieben wurde er als schädlicher Parasit niemals auffällig. Woher nun plötzlich diese Aggressivität? War der Schlauchpilz mutiert?
2010 ergaben molekulargenetische Untersuchungen, dass nicht er, sondern das „falsche Weiße Stängelbecherchen“ für das Eschensterben verantwortlich ist. Ein Pilz, der wohl aus Japan eingeschleppt wurde. Mit ihm hatten die heimischen Eschen niemals zuvor Kontakt. Das ist so wie vor 500 Jahren, als die Spanier in Südamerika landeten. Die indigene Bevölkerung verfügte über keinerlei Abwehrstoffe gegen Masern oder Grippe. Und jetzt sterben eben die Eschen bei der ersten Begegnung mit dem falschen weißen Stängelbecherchen. 
Grundsätzlich ist das in der Forstgeschichte kein Neuland. Vieles schon einmal dagewesen. Um 1918 wurde der Schlauchpilz Ophiostoma ulmi aus Ostasien nach Europa verfrachtet. Für die Ulmen aus Ostasien war er harmlos, die europäischen Ulmen hat er mit einem Bein ins Grab gestellt. Noch besteht Hoffnung für die europäischen Ulmen. Vor allem für Flatterulmen. Weniger  für Berg- und Feldulmen.
Für die Esche bestand ebenfalls noch Hoffnung. Obwohl Dänemark bereits annähernd 90 Prozent seiner Eschen verloren hat. Diese im nachhinein gute Prognose galt auch für Deutschland. Denn zumindest ein kleiner Teil der Eschen, so die Erfahrung von Forstwissenschaftlern, scheint resistent gegen das falsche Weiße Stängelbecherchen zu sein. Aus diesen Mutterbäumen sollten die neuen widerstandsfähigen Eschengenerationen hervorgehen – auch wenn dies mit einem Verlust der genetischen Vielfalt dieser Baumart verbunden wäre.
Daraus wird jetzt aber wohl nichts mehr. Der nächste Reisende in Sachen Globalisierung ist im Anmarsch: 2007 wurde der Japanische oder Asiatische Eschenprachtkäfer Agrilus planipennis in Moskau entdeckt. Ein schön anzusehender Käfer, glänzend, grünmetallisch schimmernd und bis 15 Millimeter lang. Kein Problem. Wenn da nicht die Larven wären: Weiß, bis drei Zentimeter lang und mit gutem Appetit ausgestattet. Am liebsten sind sie in der nährstoffreichen Wachstumsschicht des Baumes unterwegs, machen ihm in wenigen Jahren den Garaus. Todsicher. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Käfers beträgt rund 40 Kilometer pro Jahr. Er wird kommen.
Die USA hat der japanische Eschenprachtkäfer bereits vor rund 30 Jahren erreicht. Mehr als 50 Millionen Eschen hat er inzwischen auf dem Kerbholz. Andere Berechnungen gehen von 80 Millionen aus. Zahlen sind hier zweitrangig. Entscheidend ist, dass es kein Mittel zu geben scheint, diesen Neozoon zu stoppen.
Schade, für die Esche. Schade auch für die Forsten, die eine wertvolle Wirtschaftsbaumart zu verlieren scheinen. Schade für die Natur, für die biologische Vielfalt. Sollte die Esche tatsächlich bei uns aussterben, werden mit ihr viele Arten verschwinden, deren Existenzen an dieser Baumart hängen. Schade für mich.

Roland Schulz

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