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Ausgabe 2/2013

Das müssen wir mal genauer begucken!

Abschied von Joachim Knaack

Ein Tausendsassa ist gegangen, einer dessen Lebensleistung schwerlich in wenige Zeilen zu fassen ist, eine komplexe Persönlichkeit, der viele Fragen beantwortete aber auch etliche offen ließ. Am 5. Dezember 2012, vier Wochen vor seinem 80. Geburtstag, ist Joachim Knaack in seinem Haus in Neuglobsow nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

Viele parallel betriebene Projekte fanden so ein jähes Ende, etwa seine Monographie über die dystrophen Moorseen des Stechlinseegebietes und des Rheinsberger Raums und auch die weitere systematische Bearbeitung von Panzer- und Schwielenwelsen der Familie Callichthyidae. mit der Beschreibung zahlreicher neuer Taxa mit morphologischen und ökologischen Charakterisierungen sowie Nachzuchten zur Bewertung der Variabilität der Merkmale. Seine mit einem von uns (U.M.) schon fortgeschrittene Zusammenarbeit über die Orientierung bei der Nahrungsaufnahme und die Bedeutung elektrischer und akustischer Signale verschiedener Welsarten (mit Unterstützung durch das Umweltbundesamt) hat er teilweise in den Aquarien auf seinem Grundstück durchgeführt. Wurden für seine Arbeiten Fische benötigt, so war er in der Lage mit Netzen, Reusen und Elektrofischgeräten umzugehen. Aber seine vielleicht herausragendste Fähigkeit war genau hinzusehen. Hierbei war es egal, ob er tierisches Verhalten im Aquarium oder nachts im Rio Guapore beobachtete.

Er war vieles – Tauchpionier und Tauchwettkampfsportler, Kampfsportler, Kunstliebhaber, einer der erfolgreichsten Aquarianer und Fischzüchter, ökologisch und taxonomisch arbeitender Ichthyologe, Naturschützer, Gewässerökologe, Gewässerhygieniker, Naturfotograf und er plante Tierfilmprojekte. Als Taucher war er der „oberste aktive“ in der DDR und hatte nur noch einen politischen Vorgesetzten über sich. Er widerstand lange, als er von höheren Stellen bedrängt wurde, auch im Orientierungstauchen Doping-Mittel einzusetzen. Als der Druck zu stark wurde, legte er konsequent alle Ämter im Tauchsport nieder, um nicht mitschuldig an den gesundheitsgefährdenden Machenschaften anderer zu werden.

Als ausgewiesener Experte der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung war er aktiv bei der Vorbereitung eines UNESCO-Weltnaturerbeprojekts in Südamerika beteiligt. Zur Erforschung von Fischen und zur Zucht von Aalen hatte er in Kenia ein Haus bauen lassen, dass bei Unruhen zerstört wurde. Er war Autor von Fachaufsätzen und unzähligen populärwissenschaftlichen Beiträgen, sozial engagierter streitbarer Bürger, in Neuglobsow eine Institution, der Bürger beim Umgang mit Behörden beriet und und und. An dem Versuch, eine vollständige Publikationsliste von Joachim Knaack zu erstellen, muss man scheitern, und dass, obwohl er von Anfang der 70er bis Ende der 80er Jahre mit einem Publikationsverbot zumindest für „West-Zeitschriften“ belegt war.

Joachim Knaack wurde am 2. Januar 1933 in Potsdam geboren. Er studierte in Leipzig Biologie und Medizin und war der erste Doktorand von Professor Günther Sterba, bei dem er 1961 in Leipzig zur Biologie und Parasitierung von Schmerle, Schlammpeitzger und Steinbeißer promovierte. Sterba widmete er auch 1962 seine Neubeschreibung Corydoras sterbai, der schnell ein bei Aquarianern sehr beliebter Panzerwels geworden ist. Eine andere neue Panzerwelsart die er beschrieb, Corydoras haraldschultzi, widmete er Harald Schultz (1909-1966), einem der profundesten Kenner von Indianerstämmen Südamerikas.

Seit 1958 war seine Wirkungsstätte das Bezirkshygieneinstitut Potsdam, dessen Hydrobiologisches Labor er zunächst leitete, später die Abteilung Gewässerhygiene, dann lange Jahre als Leiter der Inspektion Kommunalhygiene und stellvertretender Direktor und kurz vor seiner Pensionierung noch als Direktor. Die dem Ministerium für Gesundheitswesen nachgeordnete Behörde bot Knaack einerseits die Möglichkeit, vertiefte parasitologische und biologische Studien benthischer Fischarten aber auch zu Biologie und Entwicklungszyklus aquatischer Trematoden selbst zu betreiben, andererseits war sie eines der wenigen Refugien in der DDR, aus dem heraus er kleine Schritte zur Gewässerreinhaltung initiieren konnte, ließ sich doch mit Hygiene- und Gesundheitsfragen in der DDR ideologiefrei argumentieren.

Seine Zuständigkeit für Abwasserbehandlung im Altbezirk Potsdam führte ihn an viele Gewässer Brandenburgs, an denen er unabhängig Proben nehmen und aufgrund des Seuchengesetzes Auflagen erteilen und Genehmigungen versagen konnte. Joachim Knaack machte davon regen Gebrauch, seine Entscheidungen waren stets wissenschaftlich fundiert und nicht anfechtbar. So musste z.B. 1967 die erst nach dem Krieg wiedereröffnete Badestelle am Templiner See am Babelsberger Park in Potsdam aufgrund von gesundheitsgefährdenden Konzentrationen von Fäkalbakterien geschlossen werden, ähnlich wie es Gesundheitsämter der Landkreise heute tun. Aber Knaack ging immer noch einen deutlichen Schritt weiter. Er veranlasste umfangreiche Maßnahmen zur Abwasserbehandlung der Stadt Potsdam und, als die dafür nötigen Investitionen vom Magistrat nicht bereitgestellt werden sollten, führte er gar eine Kampagne in den Potsdamer Neuesten Nachrichten „Potsdamer Badeparadies wiedergewinnen“, die schließlich dazu führte, dass eine Abwasserleitung ins Klärwerk Nord gebaut wurde.

Ähnliche Situationen wie in Potsdam hat es an vielen Seen und Fließgewässern gegeben. Das Stechlinseegebiet hatte es ihm besonders angetan und mindestens die letzten 30 Jahre war Neuglobsow auch sein Lebensmittelpunkt. Am Stechlin waren er und Lothar Kalbe es, die die Abwasserklärung des großen FDGB-Erholungsheims und die Beendigung der Karpfen-Entenmast auf dem in den Stechlin entwässernden Dagowsee veranlassten. Beide Belastungsquellen tauchen in den Stoffbilanzen anderer Wissenschaftler bis heute nicht auf, einen Umstand, den Knaack immer kritisiert hatte. Als andere noch zauderten, ob man den Stechlinsee als „noch oligotroph“ oder „schon mesotroph“ einstufen sollte, ob die Veränderungen im See eine natürliche Schwankung oder einen Trend abbildeten, ging Knaack in die Medien und machte auf die Mißstände aufmerksam. In den letzten zehn Jahren führte er im Auftrag der Naturparkverwaltung Untersuchungen zur Ichthyofauna der zahlreichen Seen im Stechlinseegebiet durch, untersuchte aber auch für den NABU Gewässer in der Uckermark und im Liebenberger Land, dokumentierte Kiemenfußkrebse in Feldsöllen, gab Hinweise zu Renaturierungs- und Sanierungsmaßnahmen und kritisierte den illegalen Fischbesatz von Totalreservats-Gewässern.

Streitbar und kritisch blieb Knaack auch in Fragen der biologischen Systematik. Arten nur aufgrund weniger molekulargenetischer oder morphologischer Merkmale zu beschreiben, hielt er für unzureichend. Er selbst hatte immer den Anspruch, eine Art erst richtig „kennen“ zu müssen, bevor man sie beschreibt. So bereiste er nach der Wende viele Länder Südamerikas, um die Biotope seiner zu DDR-Zeiten morphologisch beschriebenen Arten zu charakterisieren. Ganz nebenbei fing er so weitere neue Arten und dokumentierte Wachstum, Jugend-, Erwachsenen- und Geschlechtsmerkmale und beschrieb detailliert das Fortpflanzungsverhalten.

„Das müssen wir mal genauer begucken“, war einer der Sätze, die er häufig sagte, und obwohl meist die Fische bei ihm im Fokus standen, galt das immer auch für die gesamte aquatische Biozönose. Mit Leuten, die „schnell mal ein paar papers“ machten, ging er hart ins Gericht. Seine Zweifel an der Validität der erst vor wenigen Jahren beschriebenen Fontane-Maräne aus dem Stechlinsee sind inzwischen von mehreren Wissenschaftlern bestätigt worden. So kritisch er in der Wissenschaft war, so bescheiden und hilfsbereit war er im persönlichen Umgang. Im Protegieren, Fördern und Unterstützen besaß er eine besondere Begabung, beruflich wie privat. Ob es ein junger Matthias Platzeck war, den in der Bezirkshygiene 1982 einzustellen, Knaack unterstützt hatte, ob es darum ging, die Weltmeisterschaft im Orientierungstauchen 1985 an den Stechlin zu holen, als Nationaltrainer die Mannschaft gar in den Niederlanden gegen die UdSSR zum Europameistertitel zu führen (was ihm prompt Ärger mit dem Ministerium bescherte, da dies nicht im Plan vorgesehen war), ob er junge Wissenschaftler und Naturschützer in Brasilien und Bolivien mit Geld und Ausrüstung versorgte oder ob er für hilfebedürftige Neuglobsower die Hartz-IV-Bescheide prüfte, die Unterstützung anderer war ihm immer wichtiger gewesen, als die eigene Karriere.

Auch wer ihn näher kannte, konnte aber nicht alle Facetten seines Charakters verstehen, etwa sein mitunter ausgeprägtes „Eigenbrödlertum“ oder dass er sich auch nach der Wende beobachtet ja bisweilen verfolgt fühlte. Bis 2009 besaß er deshalb in Neuglobsow nicht einmal einen Festnetz-Telefonanschluss. In den Zeitschriften „Amazonas“ (Nr. 46), in deren Redaktionsbeirat er mitwirkte und der Aquarienzeitschrift „DATZ“ (3/2013) und in Wikipedia, sind bereits Nachrufe erschienen, die sich seinem Wirken als Aquarianer und Ichthyologe ausführlicher widmen. Und doch fürchten wir, wird manches Geheimnis um Joachim Knaack nie gelüftet werden. Der Naturschutz in Brandenburg – insbesondere der Schutz der märkischen Gewässer – hat einen seiner profiliertesten Streiter verloren. Uns wird er als guter Freund und Ratgeber fehlen!


Tom Kirschey, Uwe Mischke, Matthias Freude

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