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Ausgabe 1/2018

Oasen im Siedlungsraum

Nach der BUGA beleben Blühstreifen die Stadt Brandburg an der Havel

Anfang der achtziger Jahre, an einem verregneten Mittwoch, schwänzte ich den FDJ-Nachmittag, um in einer Gärtnerei einen Mammutbaum zu kaufen. Damals begeisterten mich Koniferen und exotische Gehölze. Unsere einheimische Natur interessierte mich kaum. Wiesen, die von Kleintierzüchtern nach Bedarf mit der Sense gemäht wurden, gab es überall. Die Zahl der fliegenden Schmetterlinge schien unbegrenzt. Doch als wir auf einer abgelegenen Quellwiese Orchideen entdeckten, war meine Begeisterung groß. Der Fund der Knabenkräuter war allerdings kein Zufall, die Eltern eines Kumpels gaben den Hinweis. Bei mir war nun endgültig das Interesse für die einheimische Botanik und deren Schutz geweckt.

Mit der Zeit verschwanden die Kleintierzüchter und mit ihnen die Wiesen. Arten wie Gottesgnaden- und Tausendgüldenkraut können unsere Kinder dort leider nicht mehr finden. Dank der Pflege fleißiger Naturschützer blühen auf der Quellwiese inzwischen aber wieder zwei Orchideenarten. Einzelne Erfolge im Artenschutz, erreicht durch landes- oder bundesweite Maßnahmen sowie durch regionale Initiativen von NABU-Gruppen, dürfen über den sich zurzeit vollziehenden Artenrückgang aber nicht hinwegtäuschen. Dessen Hauptursache ist zwar identifiziert: die Produktionsmethoden der industriellen Landwirtschaft. Doch der fortschreitende Einsatz von Folien und Pestiziden, die anhaltende Entwässerung und die Bewirtschaftung in Monokulturen sind in der freien Landschaft das Ende vieler Arten.

Fehlende Konkurrenz nutzen

Im urbanen Bereich sind Grünflächen oft frei von konkurrierenden Nutzungsinteressen. Eine finanzielle Bilanz, die vor Investoren verteidigt werden muss, gibt es nicht. Eigentlich könnte dort die Ökobilanz bzw. der Nutzen aus Ökosystemleistungen die treibende Kraft für das Gestalten von Grünflächen sein. Eigentlich? Auch wenn derzeit ein Umdenken zu beobachten ist, entscheiden oft nur subjektive Kriterien über die Gestaltung von Grünflächen. Sogenannte Landschaftsarchitekten und Fachplaner verdrängen noch immer einheimische Gehölze aus Ortschaften, verhindern Wildblumenwiesen und versiegeln Flächen unnötig.
Im Zusammenhang mit der Mitmach-BUGA 2015 entstand in der AG "Biodiversität" des Domgymnasiums der Stadt Brandenburg an der Havel eine Idee, die sogleich vom NABU aufgegriffen und weiterentwickelt wurde: Alle Flächen, die bereits als Grünflächen definiert wurden und auf denen keine konkurrierenden Nutzungsinteressen vorherrschen, sollen künftig nach rein ökologischen Kriterien gestaltet werden. Verbessern sollen sich dadurch sowohl die Lebensverhältnisse für Mensch und Natur als auch die Artenvielfalt. Besonders am Herzen liegt den Initiatoren die Erlebbarkeit von Natur im innerstädtischen Bereich.

Wachsen lassen

Doch wie lassen sich Lebensbedingungen konkret verbessern? Welche Ökosystemleistungen lassen sich dafür nutzen? Wie lässt sich zeitgleich die biologische Vielfalt fördern? Die Antwort ist – wieder eigentlich – ganz einfach: Rasenflächen werden oftmals nicht genutzt und nur zum Selbstzweck gemäht. Erfolgt die Mahd aber nur ein- bis zweimal im Jahr, wird aus dem Rasen eine Wiese. Diese produziert im direkten Vergleich mehr Biomasse, bindet mehr Feinstaub und schützt den Boden vor Erwärmung. Das wirkt sich positiv auf das Stadtklima aus. Insekten und andere Kleintiere können sich nun besser entwickeln und auch die Vielfalt unter den Pflanzen nimmt zu.
Ohne Unterstützung würde der Wandel vom Rasen zur Wildblumenwiese allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Um dies zu beschleunigen, hat der NABU Regionalverband Brandenburg/Havel gemeinsam mit über 20 Projektpartnern auf nunmehr 30 im Stadtgebiet gelegenen Projektflächen 10.000 Wildblumen ausgepflanzt und mehrere Kilogramm Regiosaatgut ausgebracht. Bei der Anzucht der Pflanzen, der Lieferung des Saatguts und der Durchführung einer Mahtgutübertragung wurde das Projekt vom Renaturierungsexperten Nagola Re aus Jänschwalde unterstützt. Insbesondere die Vattenfall Umweltstiftung ermöglichte durch finanzielle Unterstützung den Erwerb von Saatgut und Pflanzen. Nach Abschluss der BUGA konnten zudem fünf Hochbeete mit Erhaltungskulturen einheimischer Wildpflanzen übernommen werden.
Inzwischen liegt die BUGA mehr als zwei Jahre zurück. Ihr "Erbe" zeigt sich jedoch im Stadtgebiet deutlicher denn je: als immer zahlreicher werdende Blühaspekte verschiedenster Wildblumen, beispielsweise der Wiesen-Margerite, Karthäuser-Nelke und Skabiosen-Flockenblume. Beim NABU Regionalverband kann man sich über mangelnde Arbeit jedenfalls nicht beklagen: Institutionen und Privatpersonen wollen von den Naturschützern angesichts der Blütenpracht beraten werden und auch die regelmäßige Arbeit mit Schülerinnen und Schülern macht sich nicht von allein. Die Pflege der Wildblumenwiesen erfolgt nämlich im Rahmen des Unterrichts. Profitieren tun davon neben den Schülern auch die Sperlinge, Dohlen und Stieglitze, die auf den Projektflächen inzwischen reichlich Nahrung finden..
Und dennoch ist Naturschutz auch in der einstigen BUGA-Stadt nicht immer einfach. Noch immer werden auch dort bei der Umgestaltung von Grünflächen Wildbienenpopulationen mit schwerem Gerät beseitigt und Pflanzengesellschaften zusammen mit dem unerwünschten Scharbockskraut entfernt. Der Bevölkerung soll schließlich wieder ein sauberer Landschaftsrasen präsentiert werden. Darunter leiden jedoch die Funktionen des Havelufers als Lebensraum und Wanderkorridor – begleitet durch die Expertise der Architekten und Planer.
So bleibt noch Einiges zu tun. Ein Teil der Flächen wird regelmäßig von NABU-Mitgliedern und Anwohnern gepflegt. In einem neuen Projekt, in dem die Biene als Sympathieträgerin im Vordergrund steht, sollen weitere Flächen und Mitstreiter gewonnen werden.

Andreas Ziemer

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