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Ausgabe 1/2018

Pollensuche im Frühjahr

Manche Wildbienen stellen besondere Ansprüche

Noch herrscht eisige Kälte in der Natur, und viele Tiere schlummern in ihren Behausungen. Doch das Frühjahr steht vor der Tür – bald werden sie wieder erwachen. So auch die Wildbienen, die in Kokons den Winter verbringen. Damit ihnen das gelingt, müssen sie sich vorbereiten. Manche Arten bekamen erst in den vergangenen Jahrzehnten einen wissenschaftlich anerkannten Status: So werden beispielsweise seit den 1960er Jahren Graues Langohr Plecotus austriacus und Braunes Langohr P. auritus als eigene Arten (wieder) anerkannt. Und seit den 1980er Jahren forschten Experten über die Verschiedenheiten innerhalb der Zwergfledermäuse. Heute werden Zwergfledermäuse und Mückenfledermäuse nach molekulargenetischen Untersuchungen als eigene Arten unterschieden.

Biene Maja und ihren Freund Willi kennen die meisten noch aus Kindheitstagen – und natürlich wissen sie auch, dass es sich bei ihnen um Honigbienen handelt. Doch dass auch Hummeln Bienen sind, wissen nur die wenigsten. Dabei gibt es mehr als 740 unterschiedliche Bienenarten allein im deutschsprachigen Raum. Im Gegensatz zum "Nutztier" Honigbiene, das mittlerweile ohne menschliche Hilfe nicht mehr in freier Natur überleben würde, sind alle anderen Bienenarten in Deutschland wildlebend – also Wildbienen

Lebenszyklus

Mit den ersten wärmeren Tagen im Frühling, wenn der Boden nicht mehr hart, die Nächte nicht mehr eisig und die ersten Blüten aufgegangen sind, haben einige Bienen bereits den Großteil ihres Lebens gelebt. Wie alle Insekten durchlaufen auch sie eine vollständige Verwandlung. Begonnen hatte diese bei den Bienen als Ei bereits im Jahr zuvor. Nach nur wenigen Tagen schlüpfte aus diesem eine Larve, die sich binnen weniger Wochen verpuppte und während Monaten im Kokon zum fertigen Insekt verwandelte. In ihm überbrücken Bienen den gesamten Winter, geschlüpft wird erst im neuen Jahr.
Mit Ihren Mundwerkzeugen bahnen sich die Bienen im Frühjahr den Weg durch Kokon und Nest ins Freie. Die Natur erwartet sie dann bereits in frischem Grün. Manchmal ist es dann allerdings auch noch empfindlich kalt und die Winterreserven der Bienen sind verbraucht. Als erstes müssen sie daher Nahrung finden! Bienen sind Vegetarier und fressen gerne proteinreichen Pollen und Nektar. Vor allem im Frühling ist die Nahrungssuche für Bienen alles andere als einfach. Die Sonne erwärmt dann zwar bereits zaghaft den Boden, doch es sind noch nicht allzu viele Pflanzen in Blüte, die ihnen als Futterpflanze dienen könnten. Und dann gibt es noch die Gourmets unter den Bienen, die ausschließlich bestimmte Pollen oder Nektar fressen. Bei der Futtersuche kann dann schon mal der Magen über längere Zeit "knurren".

Spezialisierung auf bestimmte Pollen

Etwa 31 Prozent der 429 nestbauenden Wildbienenarten Deutschlands sind oligolektisch. Das bedeutet, dass deren Weibchen nur die Pollen einer bestimmten Pflanzenart oder höchstens noch die einer nah verwandten Pflanzenart sammeln – selbst dann, wenn weitere Pollenquellen verfügbar sind. Allein In Mitteleuropa werden 26 Pflanzenfamilien von derart spezialisierten Bienenarten angeflogen. Und so unabdingbar Weidenkätzchen für das Osterfest sind, so sind es die Weidenblüten im Frühling für viele überwinternde Bienen und Falter. Eine der ersten im Frühjahr blühenden Weiden ist die Sal-Weide, die für die Bienen somit als Nahrungsquelle von besonderer Bedeutung ist. Wie die meisten der weltweit rund 450 vorkommenden Weidenarten kann auch sie nur durch Insekten bestäubt werden. Das Beispiel verdeutlicht die große gegenseitige Abhängigkeit zwischen den früh im Jahr nach Nahrung suchenden Insekten und den zu dieser Zeit bereits blühenden Pflanzen.
Während Honigbienen etwa sechs Kilometer bei der Nahrungssuche zurücklegen können, fliegen Wildbienen dafür oft nur wenige hundert Meter weit. Gehören sie auch noch zu den wählerischen Arten mit nur einer Pollenart auf dem Speiseplan, wird die Nahrungssuche umso schwerer. Die Verfügbarkeit der jeweiligen Futterpflanze im nahen Umfeld der Niststätte ist für sie daher von größter Bedeutung.

Beispielhafte Pollenspezialisten

Vom Weidenpollen regelrecht abhängig ist die bereits im Frühjahr aktive Weiden-Sandbiene. Die 11 bis 15 Millimeter lange Art besitzt einen dunklen Körper mit schwarz glänzendem Hinterleib und überwiegend grauweißer Behaarung an Kopf und Brust. Sie ist gesellig und kann große Aggregationen von tausenden Nestern formen und auf Sandböden vorkommen. Sie ist an Flussauen oder auch in Sand- und Kiesgruben anzutreffen. Im Jahresverlauf zählt sie zu den ersten aktiven Wildbienenarten, die Männchen werden bereits Ende Februar mobil. Die Weibchen kommen dann zwei bis drei Wochen später aus ihren Nestern und sind bis Anfang Mai aktiv.
Auch die Graue Lockensandbiene ist auf Weiden spezialisiert, jedoch erst von März bis Mai aktiv. Auch sie nistet vor allem in Flussauen, Dämmen, Sand- und Kiesgruben, aber auch in Sandheiden und Gärten mit vegetationsarmen, schrägen und steilen Stellen mit Nähe zu Weiden.
Ein etwas anders geartetes Beispiel ist die 13 bis 15 Millimeter große Mai-Langhornbiene, die von Mitte April bis Mitte Mai aktiv ist. Ihr Gattungsmerkmal sind die langen Fühler der männlichen Bienen, die oft länger als ihre Körper sind. Durch ihre Spezialisierung auf Schmetterlingsblütengewächse wie Vogel-Wicke, Wiesen-Platterbse, Roter Wiesenklee, Weißklee, Luzerne und mit einer Vorliebe für die Zaun-Wicke ist sie vor allem auf Fettwiesen, warmen Gebüsch- und Waldsäumen sowie in zweischürigen Streuobstwiesen der Hanglagen des Hügellandes anzutreffen.

Gefährdung und Schutz

Mehr als die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Bienenarten gelten derzeit als gefährdet (293 von insgesamt 547) und stehen auf der "Roten Liste" der bedrohten Arten. Gefährdet werden sie sowohl durch die Zerstörung ihrer Nistplätze, als auch durch die Vernichtung oder Verminderung ihres Nahrungsangebots. Erst Ende 2017 hatten Casper Hallmann und dessen Kollegen von der niederländischen Radboud Universität veröffentlicht, wie enorm die Biomasseverluste bei Fluginsekten selbst in deutschen Schutzgebieten während der vergangenen 27 Jahre gewesen sind. Zwar sind in Deutschland alle Bienen nach Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt, doch bei Eingriffen in die Natur werden sie nur selten auch besonders berücksichtigt.

Jeder kann Wildbienen helfen

Wildbienen zu fördern ist eigentlich nicht schwer. Hobbygärtner können das Nahrungsangebot für Wildbienen durch Anpflanzung von Gehölzen oder ein- und mehrjährigen Pflanzen verbessern. Der Wildbienen-Experte Paul Westrich empfiehlt hierfür einheimische Arten wie Weißdorn, Süßkirsche, Schlehe, Kirschpflaume, Wildrosen oder Alpen-Johannesbeere, aber auch Feld-, Spitz- oder Berg-Ahorn und Weiden, wie die Sal-Weide.
Weitere Erfahrungen zeigen, dass Wildbienen auch gerne ein- oder mehrjährige Pflanzen anfliegen, dies sind z. B. Roter Wiesenklee, Habichtskrauts, Natternkopf, Kornblume, Färberkamille, Ringelblume und Kräuter wie z. B. Bohnenkraut, Koriander, Rosmarin, Borretsch, Schnittlauch, Wiesensalbei oder Basilikum. Bei den Kräutern sollte insbesondere darauf geachtet werden, dass diese nicht vor der Blüte geerntet werden – oder wenn, dann nur ein Teil, damit die Bienen auch noch in den Genuss der Blüten kommen. Damit die artenreiche Wildblumenwiese auch für Wildbienen gedeiht, sollte diese nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden. Wenig hilfreich sind leider viele der in den Super- und Baumärkten erhältlichen Blühmischungen. Sie sind vor allem auf prächtige Farben ausgerichtet, erzeugen jedoch kaum Nektar oder Pollen. Wichtig ist es daher, beim Anlegen einer Wildblumenwiese nur regionales Saatgut von Nutz- und Wildpflanzen zu verwenden. Regionales Saatgut kann bei verschiedenen Anbietern erstanden werden. Auch in Blumenkästen kann man ein gutes Nahrungsangebot für Wildbienen schaffen. Wichtig ist, auf den Einsatz von Herbiziden, wie Glyphosat, zu verzichten.
Um Wildbienen auch geeignete Nistmöglichkeiten anzubieten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Gute Nisthilfen sind jedoch oft nicht im Baumarkt erhältlich. Beim NABU kann man sich ausführlich informieren, auf was man bei Nisthilfen achten sollte – mit etwas Geschick können sie leicht selber hergestellt werden. Wer nicht zur Säge greifen möchte, kann auch einfach Totholz an geeigneter Stelle im Garten liegen lassen. Auch gebündelte und horizontal an einem vor Regen geschützten Ort abgelegte Bambusrohre oder Riedhalme mit einem Durchmesser von 2 bis 9 Millimeter werden von Wildbienen gerne zum Nisten genutzt. Und selbst Nichtstun kann Wildbienen helfen: Werden hohle Pflanzenstengel nicht zurückgeschnitten, bieten auch sie Bienen Nistmöglichkeiten und die in ihnen bereits nistenden Bienen können überleben. Einfacher geht's nicht.

Kathrin Bramke
Für ihre Masterarbeit untersuchte die Autorin die Auswirkungen eines von Honigbienen auf Wildbienen übertragenen Pathogens. Zusammen mit Ihrem Mann betreibt sie die Bildungsinitiative "Your Little Planet!" (www.yourlittleplanet.de).


Weiterführende Links

… zur Biologie und Ökologie von Wildbienen: www.wildbienen.info/
… zu gebietsheimischem Saatgut: www.bluehende-landschaft.de/fix/doc/NBL-32-Saatgutempfehlungen-und-Bezugsquellen-0713.pdf
… zu Insektenhotels: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/hautfluegler/bienen/13704.html, www.wildbienen.info/artenschutz/untaugliche_nisthilfen_B.php

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