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Opfer der Angst

Der Lebuser Abschuss eines Wisents offenbarte behördliches Fehlverhalten – ein Handlungsleitfaden soll nun Abhilfe leisten

Erstmals seit 250 Jahren wanderte im September 2017 ein freilebender Wisentbulle ohne menschliches Zutun nach Deutschland ein. Kaum dort angekommen, wurde das streng geschützte Tier abgeschossen. Was Natur- und Tierschützer sowohl in Deutschland als auch im benachbarten Polen besonders erzürnte: Der Abschuss erfolgte auf behördliche Anordnung. In Polen war der Bulle wohl bekannt – im Gebiet des Nationalparks Warthemündung war er bereits seit längerer Zeit herumgelaufen.

Der Wisent entstammte einer Population aus Westpommern, etwa 80 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt aus der Region Drawkso. In Polen sind derzeit vier Herden freilebender Flachlandwisente bekannt, die größte von ihnen ist im Urwald von Bialowieza ansässig.
Der Abschuss des Wisents erfolgte auf Anordnung des Amtes Lebus (LK Märkisch-Oderland). Man wollte Gefahren vorbeugen, die von dem Tier ausgehen könnten. Bei der Gefahrenabwehr hatte man es aber anscheinend so eilig, dass man völlig "vergaß", die zuständigen Behörden und Experten hinzuzuziehen, mit denen man nach möglichen Alternativen hätte suchen können. Geradezu unverständlich erscheint die im Ergebnis fatale Hektik, war doch zu keinem Zeitpunkt eine für Menschen bedrohliche Situation entstanden. Das Vorgehen zeigt in trauriger Wahrheit, wie wenig das Land Brandenburg auf die Ankunft der großen Pflanzenfresser (Großherbivoren) vorbereitet ist.
Um diese unhaltbare Situation zu ändern, forderten die Brandenburger Landesverbände von NABU und BUND am 29.09.2017 in einem gemeinsamen Brief an Umweltminister Jörg Vogelsänger,
• einen Handlungsleitfaden zu entwickeln, der klar und deutlich die Kompetenzen und Ansprechpartner aufzeigt, die im Fall einer erneuten Migration eines Wisents in das Land Brandenburg kontaktiert und zur Verfügung stehen müssen. Der Leitfaden soll mit geeigneten Programmen untersetzt werden, um grenznahe Anwohner über die Lebensweise möglicher neuer Großsäuger zu informieren und einen besonnenen, sachlichen und gesetzeskonformen Umgang mit diesen Tieren sicherzustellen.
• in Zukunft Sorge dafür zu tragen, dass die Landkreise entsprechende Ausrüstung und Personal in den Kreisverwaltungen bzw. Veterinärämtern haben, um Wisente und andere Tiere zu betäuben. Abgesehen vom konkreten Fall gibt es zahlreiche Handlungsmöglichkeiten, in denen ein solches Gewehr gebraucht werden kann.
• die Kommunikation mit den polnischen Behörden deutlich zu intensivieren, um einen Austausch über die Verhaltensweise und Vorgehensweisen mit nach Brandenburg einwandernden Arten zu gewährleisten.
• die Abläufe rund um die Wisent-Tötung im Amt Lebus lückenlos aufzuklären und ggf. gegenüber den Verantwortlichen Konsequenzen zu ziehen.

Vom Brandenburger Umweltministerium (MLUL) wurden im Internet inzwischen Handlungshinweise zum Auftreten von Wisenten im deutsch-polnischen Grenzraum veröffentlicht. Den Behörden sollen die Handreichungen helfen, entsprechende Abläufe für den Fall künftig einwandernder Wisente zu etablieren. Grenznahen Anwohnern sollen sie Hilfestellung geben, richtig und angemessen zu reagieren. Die Handlungsweise des MLUL stehen unter www.mlul.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.542020.de zum Download bereit.
Nach Einschätzung der Naturschutzverbände stellt die Kurzinformation erste wichtige Hinweise bei einer Begegnung mit den Wildrindern zur Verfügung. Allerdings wird die Ansicht, dass Wisente per se eine Bedrohung darstellen, nicht geteilt. So ist die Einschätzung einer möglichen Gefahrensituation nach Ansicht der Naturschützer stark überarbeitungsbedürftig, ebenso wie die Auswahl der aufgelisteten Ansprechpartner – sie bestehen derzeit ausschließlich aus polnischen Institutionen. BUND, NABU und IZW haben sich daher gemeinsam an das MLUL gewandt, um eine Ergänzung der Handlungshinweise zu erwirken.

Manuela Brecht
NABU Brandenburg


Hintergrund

Wisente, auch europäisches Bison genannt, sind die größten Landsäugetiere Europas, deren berühmtesten Vertreter die amerikanischen Bisons sind. Der europäische Wisent ist im Vergleich zu ihnen schlanker und hochbeiniger. Während die Bullen größer sind und durchschnittlich zwischen 500 und 900 Kilogramm wiegen, bringen die weiblichen Tiere zwischen 300 bis 500 Kilogramm auf die Waage. Kleinere Muttergruppen setzen sich aus Kühen, Jungtieren und Kälber zusammen, deren Wanderungen hauptsächlich durch die Nahrungssuche bestimmt sind. Am Rande dieser Muttergruppen halten sich die Bullen meist in kleineren Gruppen auf. Zur Paarungszeit im August schließen sich Wisente zu Großherden zusammen, die Bullen werben dann um paarungsbereite Kühe. Fortpflanzen tun sich in der Regel nur die größten und stärksten Bullen, die sich mitunter auch im Kampf messen.
Neben Laub- und Mischwäldern leben Wisente auch auf offenen Flächen wie Weiden, Waldwiesen, Kahlschlagflächen und jungen Baumanpflanzungen. In welchem Lebensraum sie anzutreffen sind, hängt stark vom Nahrungsangebot ab. Ausgewachsene Tiere benötigen pro Tag etwa 30 bis 60 Kilogramm Futter, welches sich aus Laub, jungen Trieben, Wurzeln und Baumrinde zusammensetzen kann. Aber auch Gräser und Seggen sowie krautige Pflanzen wie Brennnessel werden nicht verschmäht.
Einst waren Wisente in ganz Mittel-, West- und Südosteuropa verbreitet, bevor sie durch Menschenhand ausgerottet wurden. Am 31.12.1924 lebten nur noch 54 Wisente in Zoos oder privater Hand. Erst durch gezielte Zucht- und Auswilderungsprojekte im Urwald von Bialowieza und im heutigen weißrussischen Teil des Urwaldes gelang es, den Wisent wieder in freier Wildbahn anzusiedeln. Heute beläuft sich der weltweite Bestand des Wisents auf etwa 6.500 Tiere.


Schutzstatus

Der Wisent wird in der Richtlinie 92/43/EWG (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie) in den Anhängen II und IV geführt. Der Wisent ist somit eine streng geschützte Art nach § 44 Bundesnaturschutzgesetz, deren Abschuss u. a. nur dann gestattet ist, wenn

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