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Ausgabe 1/2017

Der Dieb vom Kalkflachmoor

Ermittlungen im Löcknitztal bei Erkner

Eine vespula vulgaris (Wespe) umschwirrt und untersucht die Exkursionsteilnehmer. Mit Fleischwurstbrötchen und Pflaumenkuchen ist sie vermutlich noch nie Berührung gekommen. Ich versuche, diesen von monderner Zivilisation unbelasteten Lebensraum zu erhalten und verzichte auf mein Frühstück.

Wir stehen auf einem Oser, einem Wallberg, entstanden durch Ablagerungen in einer Rinne im Gletschereis der letzten Kaltzeit, und schauen in die Weite. Vor uns liegt das Kalkflachmoor, Phragmites australis (Schilfrohr) wächst mannshoch. In der Ferne planscht ein Tier laut im Moorgewässer, wir bekommen es aber nicht zu Gesicht. Ich vermute, es handelt sich um meinen geheimen Mitarbeiter, doch dazu später mehr.
Verdächtig erscheint mir, dass in dieser entlegenen Gegend nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die hier ansässigen Meisen einen Bart tragen. Auch würde sich wohl so manch ein Kirchenmann über das vor uns wachsende Pflänzchen Artemisia Canpestris (Feldbeifuß) in seiner Martinsgans freuen. Doch von diesem hier hat bisher nur der kleine Cucullia argenta (Sibermönch) gekostet – ein Nachtfalter aus der Familie der Eulenfalter.
Ich stelle fest: keine Auffäligkeiten! Wir schwärmen aus ins Moor. Und da, vor mir auf einer kleinen Lache im Moorschlamm, schwimmt ein in allen Farben schillernder Film! Doch es handelt sich nur um Eisen oxidierende Bakterien. Der Nachweis einer kapitalen Ölverschmutzung der "deutschen Moore" bleibt aus. Die Bakterien sind Indikatoren für das Einströmen von Grundwasser in das Moor.
Nun ja. Statt Umweltsünder suche ich Armleuchter nun im Moor nach einer von Moorwart Jörg beschriebenen Kalkbank, um auf dieser ein Päuschen zu machen. Ich finde jedoch nur kleine Characeen (kalkhaltige Armleuchteralgen), die vital im Flachwasser herumdümpeln und von hoher Wasserqualität zeugen. Ihre Ablagerungen bilden die beschriebene Kalkbank. Irgendwie fühle ich mich für einen kleinen Moment mit ihnen auf unerklärliche Weise verbunden!? Aber ich gebe nicht auf und versuche weiterhin den "Haken" im Moor zu finden. Das kann doch nicht alles das Werk des Moorwarts sein? Doch! Alles ist in bester Ordnung. Ich gewinne langsam den Eindruck, dass hier jeder Hand in Hand verschworen miteinander arbeitet: der Jörg mit dem Biber und der Biber mit der Libelle, indem er kurzerhand einen Rückstau anlegt und so für das von der Libelle benötigte Moorgewässer sorgt. Ich überlege blitzschnell, ob neben Wasser der Löcknitz vielleicht auch geheime Gelder in den Biberbau geflossen sind? Aber auch die Befragung einer Plumbaginaceae (Bleiwurzgewächs), die schwer wie Blei nicht zu bewegen ist, etwas auszuplaudern, liefert keine Information.

Doch plötzlich stoßen wir auf eine heiße Spur! In absolut nährstoffarmer Umgebung stelle ich mit Hilfe meines Mitarbeiters Dr. Peter S., dem auf dieser Exkursion nichts verborgen bleibt und der Dinge sieht, von denen selbst ich nicht einmal etwas mitbekomme, den Diebstahl großer Mengen primärer und sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe fest! Unter dem harmlosen Decknamen "Augentrost" getarnt, hatte ein kleines Pflänzchen die ganze Zeit über versucht, uns Sand in die Augen zu streuen, um sein Dasein als Halbschmarotzer zu tarnen – nicht nur vor uns Nichtfachkundigen, nein auch vor Jörg, der mit seinem Schweiß, seiner Muskelkraft und seinem Engagement für den Erhalt des Moores kämpft.

Jetzt kann ich endlich meinen Trumpf aus dem Ärmel ziehen. Das Motto: "Der Moorwart für Alle, Alle für den Moorwart." Sofort gebe ich meinem geheimen Mitarbeiter mit Hilfe von "Telekommunikation" (Gedankenübertragung) Anweisung, Meldung an höchster Stelle zu machen. Dieser startet sogleich lautstark flügelschlagend und füßeplatschend aus dem vor uns liegenden Moorgewässer in die Lüfte. Er hatte uns schon seit Langem unauffällig begleitet – zur großen Freude aller Nichtsahnenden, die sein Erscheinen jubilierend mit "Oh, ein Cygnus olor" (Höckerschwan) kommentieren und seine Tarnung perfekt machen. Die Mission konnte somit erfolgreich abgeschlossen und als Exkursionsbericht der märkischen Entomologentagung 2015 abgeheftet werden.

Iris Klix

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