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Ausgabe 1/2017

Spannende Einblicke in das Nahrungsspektrum

Die Analyse von Gewöllen

Etwas irreführend ist ihre Bezeichnung schon. Denn bei "Gewöllen" werden viele spontan wohl eher an etwas weiches und flauschiges denken als an die von verschiedenen Vogelarten abgegebenen unverdaulichen Nahrungsreste, die in deren Mägen zu Ballen gepresst und dann wieder hervorgewürgt werden. Doch genau um diese geht es. In der älteren Literatur findet sich die für sie weit treffendere Bezeichnung „Speiballen“. Prinzipiell sind dazu alle Vogelarten in der Lage.

Vögel, die sich von Kleinsäugern ernähren, etwa Eulen und Greifvögel, bieten mit ihren Gewöllen eine gute Möglichkeit, über die Analyse der in ihnen enthaltenen Beutetierreste Aussagen über die Kleinsäugervorkommen in ihrem Jagdhabitat zu erhalten. Da insbesondere in Schleiereulengewöllen die zur Bestimmung der Beutetierarten notwendigen Knochenfragmente recht gut erhalten sind und die Gewölle über bekannte Brutplätze und Tageseinstände von Schleiereulen leicht zu beschaffen sind, stellen Schleiereulengewölle eine wichtige Grundlage bei der Untersuchung von Kleinsäugervokommen dar. Aus zahlreichen publizierten, mehr oder weniger umfangreichen Gewöllanalysen ist bekannt, dass Wühlmäuse – und darunter vor allem die Feldmaus – die Hauptbeute der mitteleuropäischen Schleiereulen darstellen. Sind jedoch nicht genügend Feldmäuse vorhanden, weichen die Eulen auf andere Beutetiergruppen – wie Spitzmäuse oder Echte Mäuse – aus. Bereits 1930 publizierte Otto Uttendörfer umfangreiche Daten zur Ernährung von Greifvögeln und Eulen. Sein Werk zählt heute als Klassiker der Gewöllanalyse.
Bevor nun aber aus dem Nahrungsspektrum bestimmter Eulen Rückschlüsse auf die in ihrer Umgebung vorkommenden Kleinsäugerarten gezogen werden, gilt es noch einiges zu berücksichtigen: Zum einen können Eulen nur Beutetiere bis zu einer bestimmten Größe überwältigen. In den Gewöllen von Schleiereulen finden sich daher nur sehr selten Überreste von Ratten. Die nur knapp 300 Gramm schweren Schleiereulen sind kaum in der Lage, Beutetiere von der Größe einer ausgewachsenen Ratte, die zwischen 100 und 300 Gramm wiegt, zu überwältigen. Zum anderen können Eulen nur solche Beutetiere erlangen, die für sie erreichbar sind. Schleiereulen jagen bevorzugt im Offenland. Ab einer Vegetationshöhe von 40 Zentimetern können sie die auf dem Erdboden lebenden Beutetiere aber nicht mehr erreichen. Für Aussagen zur Kleinsäugerfauna von Waldgebieten muss ohnehin auf Gewölle von Waldkauz, Uhu und Waldohreule zurückgegriffen werden, da Schleiereulen dort nicht jagen.
Andererseits bietet die Analyse von Gewöllen auch einen interessanten Einblick in das aktuelle Nahrungsspektrum der Eulen. So werden die noch nicht flüggen Jungeulen bevorzugt mit schweren Beutetieren gefüttert, während sich in den Gewöllen der Elterntiere zur Zeit der Jungenaufzucht vermehrt kleine Beutetiere finden. Kleine Beutetiere werden also von den Altvögeln noch am Ort der Jagd selbst gefressen und nur „lohnende Brocken“ werden von ihnen zum Nistplatz gebracht. Finden sich jedoch auch in den Gewöllen der Nestlinge nur kleine Beutetiere, wie beispielsweise Spitzmäuse, so ist das ein Zeichen für eine insgesamt schlechte Nahrungssituation.


Praktische Hinweise

Für die Gewöllanalyse werden Gewölle aufgesammelt und die Proben mit Fundort, Funddatum, dem Namen des Sammlers und der Vogelart, von der die Gewölle stammen, beschriftet.
Schleiereulengewölle findet man auf Kirchtürmen oder auch in Scheunen, wenn diese für die Vögel zugänglich sind. Waldohreulen bilden im Winter gern Schlafgemeinschaften, die beispielsweise in Dörfern tagsüber in Nadelgehölzgruppen zu finden sind. Unter diesen Schlafbäumen liegen dann auch Gewölle in größerer Zahl.

Schleiereulengewölle enthalten im Mittel drei bis vier Beutetiere, so dass bei einer Aufsammlung von ca. 60 Gewöllen um die 200 Beutetiere analysiert werden können. Erfahrungsgemäß ist bei einer so hohen Zahl das Beutetierspektrum für einen Sammelort gut abgebildet. Aber auch kleinere Proben geben interessante Einblicke. Wenn die Proben nicht sofort aufgearbeitet werden können, sollten sie tiefgefroren werden, um dem Befall mit Motten vorzubeugen.
Der folgende Anleitungstext stammt, leicht überarbeitet, aus der Broschüre „Gewölle - Wirbeltiere in Gewöllen der Schleiereule (Tyto alba)“, welche 2002 vom Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung (DJN) herausgegeben wurde.

Vor der Bestimmung müssen die Gewöllinhalte freigelegt werden). Dafür gibt es zwei Methoden – die trockene und die feuchte. Bei der ersten wird das Gewöll vorsichtig auseinandergebrochen. Das Innere der Bruchflächen lässt sich dann relativ leicht auseinanderzupfen. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt, damit die filigranen Schädel nicht beschädigt werden. Die Knochen und Schädelfragmente, die man dabei findet, werden vorsichtig mit einem harten Pinsel oder einer alten Zahnbürste gesäubert. Hierbei kann man, wenn einem das staubige Arbeiten unangenehm ist, auch eine im Baumarkt erhältliche Staubmaske tragen.
Die zweite Variante ist, die Gewölle etwa eine Minute in warmem Wasser einzuweichen und dann auseinanderzunehmen. Diese Methode bietet sich an, wenn die Gewölle steinhart und trocken sind und sich nicht auseinanderbrechen lassen. Variante 2 ergibt eine recht schmierige Masse, so dass bei Bedarf handelsübliche Gummihandschuhe getragen werden können.
Beim Auseinandernehmen der Gewölle sind eine Pinzette und eine Präpariernadel hilfreich, mit denen man die Schädel und anderen Teile von festklebenden Haaren befreien kann. Achtung! Die meisten Kleinsäugerknochen sind sehr filigran. Es können leicht kleinere Fortsätze oder Knochenvorsprünge abbrechen, die für die exakte Bestimmung nötig sind. Die Fundstücke werden sortiert. Schädel, Oberkiefer und auffällige Knochenteile werden extra gelegt.
Nachdem die Schädel gründlich gereinigt wurden, kann man mit der Bestimmung beginnen. Dazu sind Lupe, Lineal und Schiebelehre nötig. Für die Bestimmung einiger Arten ist auch ein Binokular notwendig. Mit einem Okularmikrometer kann man Strecken am Knochen unter dem Binokular bis auf Zehntel Millimeter genau ausmessen.
Die sicher bestimmten Beutetierreste kommen anschließend nach Arten sortiert in ein Sammelbehältnis und werden mit Datum und Ort der Aufsammlung, Namen des Bearbeiters/der Bearbeiterin und einer Auflistung der enthaltenen Arten versehen. Unsicher bestimmte Objekte werden separat verpackt und beschriftet. Man kann sie zur genaueren Bestimmung an Spezialisten weitergegeben, die der NABU oder der BUND vermitteln können. In naturkundlichen Museen findet man auch Vergleichssammlungen mit Material, das bei der Bestimmung weiterhilft.

Als Einstieg in die Bestimmung von Gewöllmaterial kann folgende Literatur empfohlen werden:
Jenrich, Löhr, Müller (2012): Bildbestimmungsschlüssel für Kleinsäugerschädel aus Gewöllen. Quelle und Meyer Verlag, Wiebelsheim.
Wuntke & Müller (2002): Gewölle - Wirbeltiere in Gewöllen der Schleiereule (Tyto alba). DJN, Hamburg.

Der Landesfachausschuss Säugetierkunde im NABU Brandenburg bietet für Interessierte auch landesweit Einsteigerseminare an. Diese werden nach Bedarf ein- bis zweimal pro Jahr durchgeführt. Bewährt hat sich die Zusammenarbeit mit regionalen NABU-Gruppen, die bei Interesse aus ihrem Mitgliederkreis einen Raum zur Verfügung stellen, in dem dann in einer eintägigen Veranstaltung theoretische und praktische Kenntnisse zur Gewöllanalyse vermittelt werden. (Kontakt über die Autorin unter E-Mail: pyrrhula@freenet.de).

Beatrix Wuntke

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