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Ausgabe 1/2017

Beobachten und verstehen

Ökologische Zusammenhänge erkennen lernen

Alljährlich findet im Naturkundemuseum Potsdam der „Erlebte Frühling“ der NAJU Brandenburg statt. Beobachtet man die zahlreich daran teilnehmenden Kinder, wird einem schnell klar: Die meisten von ihnen sind oft in der Natur. Sie haben sinnliche Erfahrungen mit unseren einheimischen Pflanzen und Tieren. Sie finden sie schön und niedlich, was sie mit einem „oh“ quittieren. Oder sie mögen sie nicht, weil sie glitschig sind, dann kommt ein „ih“. Gegen Spinnen und Insekten haben viele eine gewisse Abneigung – oft wäre sie wohl auch bei ihren Eltern zu finden. Auf die erste Inspektion der biologischen Objekte folgen schon bald die vielfältigen Fragen der Kinder: Was frisst der denn? Wo lebt der? Bleibt der Papa bei der Mama? Wie lange bleiben die Vogelkinder bei den Vogeleltern? Dann schlägt die Stunde der Ökologie!

Als Teilwissenschaft der Biologie prägt die Ökologie seit mehr als 150 Jahren den Naturschutz. 1866 führte der Zoologe Ernst Haeckel den Begriff „Ökologie“ ein. In seiner Publikation „Generelle Morphologie der Organismen“ schrieb er im 2. Band: „Unter Oecologie verstehen wir die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle Existenz-Bedingungen rechnen können“. Die Definition macht deutlich, dass Ökologie und Naturschutz von Anfang an eng miteinander verflochten waren, sind und zukünftig auch sein werden.

Historischer Abriss

Mit Beginn der Sesshaftigkeit entdeckten die Menschen einfache Gesetzmäßigkeiten in den Naturvorgängen: Sie verfolgten den Wechsel der Jahreszeiten oder die periodischen Bewegungen der Himmelskörper. Die Entwicklung verschiedener Kalendersysteme durch astronomische Beobachtung kann daher als eine der ersten und wichtigsten Errungenschaften früher Zivilisationen eingeordnet werden. Auch den Ägyptern gelang dies, allerdings auf anderem Weg: Sie zählten die zwischen den alljährlich stattfindenden Nilüberschwemmungen liegenden Tage und ermittelten für ihr Sonnenjahr 365 Tage. Ohne genaues Beobachten undenkbar wäre auch die von den Germanen betriebene Dreifelderwirtschaft gewesen, setzt sie doch genaue Kenntnisse über die Bedürfnisse verschiedener Pflanzen auf unterschiedlichen Böden unter sich ändernden Klimaten voraus. Ein Wissen, das sich lohnte: Nahrung konnte nun im Überfluss produziert werden und der aufkommende Wohlstand ermöglichte es den Germanen, Steinhäuser zu errichten, Dome zu bauen und Universitäten zu gründen.
Grafik Dreifelderwirtschaft (müsste nachgebastelt werden, vielleicht sogar mit Getreide-/Pflanzensymbolen drin?)

Francis Bacons Ausspruch „Wissen ist Macht“ aus dem Jahr 1620 beschreibt verschiedene Vorurteile, die unser Erkennen trüben. Er sah menschliches Wissen – auch das von der Natur – als kumulativ an. Damit wandte er sich von der früheren Einstellung ab, dass alles Wesentliche bereits in der Bibel oder bei antiken Autoren wie Aristoteles zu finden sei. Vierzig Jahre später wurde 1660 in London die Royal Society gegründet und gab erstmals eine wissenschaftliche Zeitschrift heraus: die "Philosophical Transactions". Die Zeitschrift erschien regelmäßig und konnte Beiträge aus der Naturforschung und Naturbeobachtung aufnehmen. Damit war es nun nicht mehr nötig, ein ganzes Buch zu publizieren, wenn man eine Beobachtung oder eine Entdeckung bekanntmachen wollte – es genügte auch ein kleinerer Aufsatz. Ähnliche wissenschaftliche Gesellschaften mit gleichen Zielsetzungen folgten, beispielsweise 1666 die Académie in Paris und 1700 die Akademie in Berlin.
Als Folge der zunehmenden Industrialisierung und der damit verbundenen Bedrohung und Zerstörung naturnaher Ökosysteme und gewachsener Landschaften entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine unabhängige Naturschutzbewegung. Schlüsselbegriffe dieser Bewegung waren Heimat, Landschaft, Naturdenkmale und Vogelschutz. Die Natur- und Heimatschutzbewegung war vor allem ein Bestandteil der konservativen Zivilisationskritik, die den Siegeszug von Technik und Naturwissenschaften sehr kritisch betrachtete.

Naturschutz bis 1945

Ein wichtiger Vorläufer des Naturschutzes war der Vogelschutz, der sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland etabliert hatte. Mit Karl Theodor Liebe (1828–1894) hatte er den „Schutz der Vögel um ihrer selbst willen“ verlangt – eine Forderung, die den Naturschutz bis heute begleitet, beispielsweise in der aktuellen Diskussion über den Umgang mit Wolf, Biber und Kormoran in Brandenburg. Denn auch hier geht es dem Naturschutz um den Eigenwert der Natur und nicht um die Frage, wem eine bestimmte Art nutzt oder schadet. Liebe hatte 1895 auch einen Artikel mit dem Titel „Lernet erst das Leben der Vögel genau kennen, wenn ihr sie mit rechtem Erfolg schützen wollt“ veröffentlicht. Auch dieses Motto erscheint heute aktueller denn je, wenn es beispielsweise darum geht, den Wert ökosystemarer Dienstleistungen von Bestäubern wie Bienen, Wildbienen oder Schwebfliegen zu bestimmen.

Foto Karl Theodor Liebe

Der an der staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen tätige Botaniker und Museumsdirektor Hugo Conwentz (1855–1922) und andere Wissenschaftler führten 1912 erstmals eine systematische biologische Inventarisierung des Naturschutzgebietes Plagefenn durch. Der Schriftsteller und Heimatschützer Hermann Löns (1866–1914) bekämpfte die „Conwentzialisierung“ des Naturschutzes, indem er die Unterschutzstellung einzelner Bäume scharf attackierte. 1923 gründete Conwentz' Nachfolger Walther Schoenichen (1876–1956) die „Studiengemeinschaft für wissenschaftliche Heimatkunde“. An ihren Lehrgängen nahmen hunderte Lehrerinnen und Lehrer teil. Schoenichen, der später der NSDAP beitrat, vertrat völkisches Gedankengut, das auch den Naturschutz dieser Zeit mit beeinflusste.

1925 führte Schoenichen die pflanzensoziologische Methode des Schweizers Josias Braun-Blanquet auch für die Naturschutzarbeit in Deutschland ein. Es werden Deckungsgrad der Pflanzen und physiologische Wuchsformklassen mit abiotischen Daten wie Bodenbeschaffenheit, Exposition, Mikroklima. Geografische Lage in Beziehung gesetzt und der Naturfreund kann bei Veränderungen z.B. im Boden Veränderungen dokumentieren bzw Managementpläne entwickeln. Bald folgten Weiterbildungskurse in der Ornithologie. Insgesamt hatte der Naturschutz sowohl in der Wilhelminischen Zeit als auch in der Weimarer Republik angesichts der damaligen großen gesellschaftlichen Probleme und durch das Fehlen von Naturschutzgesetzen nur eine geringe Bedeutung. Dies änderte sich mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933. Der Wert der Heimat und der deutschen Landschaft wurden in der nationalsozialistischen Propaganda stark hervorgehoben.
In schneller Folge wurden nun das Reichstierschutzgesetz, das Reichsjagdgesetz und das Reichsnaturschutzgesetz verabschiedet. Widersprüchlich dazu waren allerdings die erheblichen Eingriffe in die Landschaft, wie der Bau der Autobahn, die aus heutiger Sicht erheblichen Meliorationen und die großflächigen Schädlingsbekämpfungen.

Naturschutz nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Westdeutschland Wolfgang Engelhardt (1922–2006) ein wichtiger Pionier in Sachen Naturschutz und forderte die enge Verknüpfung von Naturschutz und Ökologie. 1954 übernahm er die Leitung des deutschen Naturschutzrings. Für die Entwicklung des Naturschutzes und der Ökologie in der BRD war Prof. Heinz Ellenberg (1913–1997) an der Universität in Göttingen bedeutsam, da er die Ökosystemforschung in den Naturschutz einführte. In vielen Vorträgen, die er auf den Jahrestagungen der Gesellschaft für Ökologie hielt, konnte er auch die damalige Naturschutzszene begeistern. Besonders die Zeigerwerte nach Ellenberg, mit denen er die autökologischen Anforderungen der Pflanzenarten an den Standort definierte, fanden breite Anwendung.

In der Folgezeit war Prof. Wolfgang Haber (geb. 1925) mit seinem Konzept der differenzierten Landnutzung das Gesicht der bundesdeutschen Naturschutzbewegung. Ich treffe ihn trotz seines hohen Alters oft bei den Jahrestagungen der Gesellschaft für Ökologie. In seinem im Jahr 2010 erschienenen Buch „Die unbequemen Wahrheiten der Ökologie . Eine Nachhaltigkeitsperspektive für das 21. Jahrhundert“ führt er aus: „Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn wir die Ökologie nicht verklären.“ Mystifizierenden Bildern vom Wesen des Menschen und der Natur erteilt er eine klare Absage: Der Weg in eine nachhaltige Zukunft könne nur gelingen, wenn wir uns auf die Wirklichkeit besinnen und unseren Blick auf die Schlüsselprobleme des 21. Jahrhunderts richten – auf die Endlichkeit der Ressourcen und das immense Bevölkerungswachstum. Dies als äußere Bedingung menschlichen Handelns zu begreifen und zu akzeptieren, ist Teil seiner human-ökologischen Perspektive, mit der Wolfgang Haber an die Einsichten von Carl von Carlowitz anknüpft. Jener lebte von 1645 bis 1714 in Sachsen – einem Gebiet, in dem drastischer Raubbau an Wäldern betrieben wurde. Carlowitz empfahl eine „nachhaltende Nutzung“ des Holzes mit dem Ziel, die Ressourcenzerstörung zu beenden – und gilt seither als Vater des Nachhaltigkeitsbegriffs.

Präsent ist Carl von Carlowitz heute auch als Namenspatron einer seit 2009 jährlich in Berlin stattfindenden Vorlesungsreihe. Herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen äußern dort ihre Gedanken und Konzepte hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung. Den Auftakt der Vorlesungsreihe machten Habers "Die unbequemen Wahrheiten der Ökologie". Organisiert wird die Reihe vom Rat für Nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung auch in Fragen des Natur- und Umweltschutzes berät.

Für die ökologische Naturschutzbewegung in der DDR waren der Pflanzengenetiker Hans Stubbe (1902–1989) und der Geobotaniker Hermann Meusel (1909–1997) von großer Bedeutung. Im Jahr 1953 wurde in Halle (Saale) auf Initiative der beiden Wissenschaftler das Institut für Landesforschung und Naturschutz (ILN) als erstes wissenschaftliches Naturschutzzentrum im deutschsprachigen Raum gegründet. Die dort stattfindenden Forschungsarbeiten wirkten sich in der systematischen Auswahl und Pflege der Natur- und Landschaftsschutzgebiete in der DDR vorteilhaft aus. Ein Schwerpunkt war die Entwicklung naturwissenschaftlicher Grundlagen für den Schutz von Arten und Biotopen in Schutzgebieten. Neben der Forschung waren alle Institutsmitglieder verpflichtet, Landnutzer fachlich zu beraten.

Das ILN forschte maßgeblich im Bereich der Agrar- und Forstwirtschaft sowie im Braunkohlebergbau. Ein aus heutiger Sicht sehr guter Weg, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die naturschutzfachliche Praxis einzuführen. Die Einbeziehung vieler floristischer und faunistischer „Freizeitforscher“ in die Instituts- und Beratungsarbeit erwies sich schon damals als sehr nützlich. Auch heute wäre der behördliche Naturschutz ohne die Hilfe der vielen Ehrenamtlichen nicht möglich.

Werner Kratz

 

 

Info


Lina Hähnle

Im Jahr 1899 übernahm Lina Hähnle mutig den Vorsitz des neuen Bundes für Vogelschutz – zu der Zeit noch äußerst ungewöhnlich für eine Frau. Sie führte den Verein über eine Zeit von 38 Jahren und prägte ihn mit ihrer resoluten Natur.
Lina Hähnle fand sich rasch in die neue Rolle als Verbandschefin ein, sie lernte, Vorträge zu halten, zu organisieren und anzuleiten. Eine aus heutiger Sicht wahre Bürgerwissenschaftlerin. Von durchaus resoluter Natur, war Lina Hähnle offensichtlich mit der natürlichen Gabe ausgestattet, Zwistigkeiten zu schlichten und Kompromisse zu finden. In der stark zersplitterten Naturschutzszene wurde sie zu einer wichtigen Integrationsfigur.

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