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Ausgabe 1/2017

Durchblick beim Fernglaskauf

Grundlagen und Empfehlungen für Naturbeobachter

Tiere lassen sich in der Natur häufig nur mit Hilfe optischer Geräte beobachten. Wichtigstes Instrument ist hier das Fernglas. Doch welches passt am besten zum eigenen Bedarf?

Zwei Zahlen (beispielsweise 8x30 oder 10x42) kennzeichnen ein jedes Fernglas und liefern erste Informationen über seine Eigenschaften: Die erste steht für seine Vergrößerung, die zweite für den Objektivdurchmesser in Millimeter. Doch welche Kombinationen sind für Naturbeobachtungen besonders geeignet? Und worauf sollte beim Kauf außerdem noch geachtet werden?

Vergrößerung

Durch ein Fernglas betrachtet, erscheinen entfernte Gegenstände nah. Wie nah, hängt vom Vergrößerungsfaktor des Gerätes ab – er gibt an, um ein Wievielfaches etwas näher erscheint. Gängige Vergrößerungsfaktoren sind 7-, 8- der 10fach, doch es befinden sich auch Ferngläser mit 6-, 12-, 15- oder gar 20facher Vergrößerung im Handel. Theoretisch sollten mit steigender Vergrößerung auch mehr Details zu erkennen sein. Dass dies nur eingeschränkt gilt, liegt unter anderem daran, dass nicht nur das Objekt sondern auch die eigenen Körperbewegungen mit verstärkt werden, wodurch das Bild zu verwackeln droht. Einige Hersteller haben daher auch vergrößerungsstarke Modelle mit eingebauten Bildstabilisatoren im Programm, deren Funktion jedoch meistens von Batterien abhängig ist. Für die meisten Naturbeobachtungen hat sich aber eine 8fache Vergrößerung bewährt, für Ornithologen mit ruhiger Hand kann auch ein 10fach vergrößerndes Glas das Richtige sein. Doch noch eine Reihe weiterer Faktoren beeinflussen das Sehergebnis.

Licht und Schatten

Vom Objektivdurchmesser und der Vergrößerung abhängig und für komfortables Sehen entscheidend ist die Größe der "Austrittspupille" eines Fernglases. Sie sollte zum Durchmesser der menschlichen Pupille passen, welche bei Tageslicht etwa ein bis zwei Millimeter und bei Dunkelheit sechs bis acht Millimeter misst. Ob ein Fernglas über eine genügend große Austrittspupille verfügt, lässt sich rechnerisch überprüfen: Sie entspricht dem Quotienten aus Objektivdurchmesser und Vergrößerung. Ferngläser mit 10x40 oder 8x32 haben somit jeweils Austrittspupillen von 4,0, während 8x20-Gläser nur auf einen Wert von 2,5 kommen. Das erklärt, weshalb es so anstrengend ist, durch sogenannte Taschenferngläser mit ihren kleinen Objektivdurchmessern zu beobachten, insbesondere, wenn es nicht sehr hell ist. Denn gerade dann macht sich eine zu kleine Austrittspupille doppelt bemerkbar, von ihr hängt nämlich auch die Lichtstärke des Fernglases ab (sie steigt im Quadrat mit dem Durchmesser der Austrittspupille). Während ein 8x20-Fernglas somit nur über eine Lichtstärke von 6,3 verfügt, beträgt sie beim 8x32 bereits 16 und beim 8x42 gute 27,6. Ein 7x56 kommt auf dämmerungstaugliche 64. Für normale Naturbeobachtungen sollte die Austrittspupille daher nicht deutlich kleiner als vier Millimeter, für Beobachtungen nach Sonnenuntergang besser noch größer sein. Hinzu kommt die Lichtdurchlässigkeit der verwendeten Gläser, ein in der Praxis ebenfalls wesentlicher Faktor, der allerdings in der Regel preisabhängig ist!

Auf was es sonst noch ankommt

Sowohl von der Vergrößerung als auch von der Konstruktion eines Fernglases ist dessen Blickfeld abhängig, also der Bereich, der mit einem Blick durch das Gerät im Gelände erfasst werden kann. In der Regel wird das Blickfeld in Metern – bezogen auf eine gedachte Linie in 1.000 Metern Entfernung – angegeben. Es sollte so groß wie möglich sein, bei 8facher Vergrößerung aber mindestens 130, besser 140 Meter und bei 10facher Vergrößerung mindestens 110 Meter. Den Wert des in Frage kommenden Gerätes verraten die vom Hersteller veröffentlichten technischen Daten.
Für die allgemeine Naturbeobachtung ist es zudem überaus hilfreich, auch nahe Objekte wie Schmetterlinge, Libellen oder Reptilien, mit dem Fernglas scharf abbilden zu können. Die Naheinstellgrenze sollte daher unter drei Meter betragen, möglichst zwischen 1,5 und zwei Meter. Auch diese Angabe findet man in den technischen Daten.
Ein wichtiges Kriterium bei der Fernglaswahl ist aber auch dessen Gewicht: Nur ein Fernglas, das man gerne mitnimmt, ist ein geeignetes Hilfsgerät. Etliche zu groß gekaufte Ferngläser stauben zu Hause vor sich hin. In erster Linie hängt das Gewicht vom Objektivdurchmesser ab, aber auch von der Konstruktion und den verwendeten Materialien. Letztlich ist es eine sehr individuelle Entscheidung, was man bereit ist mitzuschleppen. Es gibt aber Gläser mit 32 mm Objektivdurchmesser, die unter 500 Gramm wiegen, und solche mit 42 Millimetern, die um die 700 Gramm auf die Waage bringen.
Bei der Konstruktion ihrer Ferngläser setzen die meisten Hersteller heutzutage auf Dachkantprismen, wodurch sie eine kompakte Bauform erreichen. Bei sogenannten „Taschen-Ferngläsern“ mit 20 oder 25 Millimetern Objektivdurchmesser sind die beiden Tuben zudem häufig mit zwei Knickbrücken ausgestattet. Beim Suchen des richtigen Augenabstands führt dies oft zu Schwierigkeiten. Da dieser gerade bei diesen Geräten mit ihren kleinen Austrittspupillen sehr exakt eingehalten werden muss, ist dies ein weiterer klarer Nachteil dieser Gerätegruppe.

Zwischenfazit

Allround-Beobachter sind in der Regel mit einem 8x32-Fernglas gut beraten (ggf. auch 8x30 oder 8x36), für Vogelbeobachter kommen außerdem Geräte mit 10x42 oder 8x42 in Frage – je nach Präferenz und ruhiger Hand. Dämmerungsbeobachter werden allerdings mit einem 7x42 oder gar 7x56 glücklicher werden. Taschenferngläser (8x20, 10x25) eignen sich nicht zum längeren Beobachten. Wer tatsächlich nur sehr kurzzeitig durch ein Fernglas schauen möchte, sollte ein Monokular als Alternative zum Taschenfernglas in Erwägung ziehen.
Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen kann es nun daran gehen, konkrete Modelle verschiedener Hersteller ins Auge zu fassen. Schnell wird man feststellen, dass die Preise für verschiedene Modelle bei gleichen "Eckdaten" von unter hundert Euro bis mehrere tausend Euro reichen. Doch wie viel lohnt es sich, auszugeben? Als grobe Faustformel lässt sich folgendes sagen: Ferngläser für unter 100 Euro sind in der Regel von zu schlechter Qualität und sollten nicht in Betracht gezogen werden. Für 100 bis 200 Euro gibt es jedoch Geräte, die für eine mäßige Nutzung durchaus in Ordnung sind, allerdings mit gewissen Abstrichen bei der Qualität. Bis ca. 400 oder 500 Euro bekommt man dann eine ausgewogene „Hausmannskost“, meist schon mit recht neutraler Farbwiedergabe und ausreichender Randschärfe und oft guter Verarbeitung. Sehr gute Ferngläser sind derzeit für rund 800 bis 1.000 Euro zu bekommen – in den zurückliegenden Jahren haben auch die Premium-Hersteller erkannt, dass dies ein attraktives Segment ist. Vielbenutzern steht schließlich das Top-Segment mit Preisen von ca. 1.700 bis 2.500 Euro zur Verfügung.

Der Praxistest

Kataloge, Testberichte und Internet-Foren können bei der Auswahl geeigneter Modelle weiterhelfen. Dennoch ist es notwendig, das Gerät vor dem Kauf auch in die Hand zu nehmen und durchzuschauen. Dies hat mehrere Gründe. Jeder Mensch hat andere Augen und eine eigene Gesichtsphysiognomie. Zu beiden muss aber die Konstruktion der Okulare passen, sonst können sich beispielsweise Abschattungen des Blickfeldes ergeben. Andere Fragen sind: Liegt das Fernglas für mich gut in der Hand? Kann ich die Augenmuschel in einer für mich geeigneten Höhe arretieren? Wenn ich über sechs Dioptrien fehlsichtig bin: Kann ich überhaupt scharfstellen? Stört mich der „Globuseffekt“ beim Abschwenken, den manche Ferngläser haben (dabei wölben sich die Geraden in der Peripherie des Blickfeldes)? Ist die Randunschärfe groß und störend (im Allgemeinen nicht so wichtig, da wir durch das zentrale Feld sehen)? Treten bei Gegenlicht oder starken Kontrasten chromatische Aberrationen auf (rosa oder grüne Kanten) und sind diese störend?
Die beste Kaufentscheidung können wir treffen, wenn wir mehrere Gläser direkt miteinander vergleichen, was bei guten Händlern möglich sein sollte. Für den Test wählt man möglichst einen Tag mit leicht trübem Wetter bzw. den frühen Abend. Denn bei schönstem Sonnenlicht zeigt sich jedes Fernglas von seiner besten Seite. Als erstes muss das Fernglas nun richtig eingestellt werden: Hierfür halten wir es ca. zehn Zentimeter vor die Augen und knicken es in der Mittelachse so weit, bis die beiden hellen Punkte (die Austrittspupillen) zu einem hellen Punkt verschmelzen. Dann haben wir den richtigen Augenabstand und können „richtig“ durchs Fernglas schauen. Haben die Augen eine unterschiedliche Sehstärke, muss noch der Dioptrienausgleich am rechten Okular eingestellt werden. Hierzu wird zuerst das rechte Auge geschlossen und mit dem Mitteltrieb ein Ziel in naher bis mittlerer Entfernung für das linke Auge scharf gestellt. Anschließend wird bei unverändertem Mitteltrieb das gleiche Ziel mit der rechten Okulareinstellung für das rechte Auge fokussiert. Einmal vorgenommen, sollte diese Einstellung dauerhaft die richtige sein. Oft zeigt schon der erste Blick durchs Glas, ob einem das Gerät behagt oder nicht. Gefallen einem mehrere Ferngläser, ist folgender Test hilfreich: Man suche sich in größerer Entfernung an der Grenze zur Erkennbarkeit Schrift. Das Fernglas, mit dem man am meisten Text lesen kann, wäre das Gerät der Wahl.
Übrigens stellen sich Brillenträger oft die Frage, ob sie besser mit oder ohne Brille durch das Fernglas schauen. Mein Tipp: Brille hochschieben. Das ist zwar lästig und dauert eine halbe Sekunde, aber man kann dann das volle Blickfeld nutzen und hat ein brillanteres Bild.

Klemens Steiof

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