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Anlocken, füttern und beobachten

Winterfütterfütterung macht Spaß und hilft

Eine Futterstelle ist im Winterhalbjahr ein sicherer Vogeltreffpunkt. Idealerweise wird sie in einem Garten oder Kleingarten eingerichtet. Befindet sich dieser Garten in der Nachbarschaft einer Grünanlage, eines Parks, Friedhofs oder eines Wäldchens am Dorfausgang bzw. in Stadtrandlage, dann können sich dort nach kurzer Gewöhnungszeit 20 bis 25 Vogelarten einfinden. In der Innenstadt kann man mit bis zu 15 Arten rechnen.

Sehr oft wird das Futter in einem Futterhäuschen angeboten. Das kann jeder leicht selbst bauen. Über den Futtertisch (ca. 30 x 40 Zentimeter) wird auf den vier ca. 30 Zentimeter hohen Eckpfeilern ein allseits gut überstehendes Dach errichtet, damit das Futter vor Regen und Schnee geschützt bleibt. In Futterhäuser mit kleinerer Bodenfläche und niedrigerem Dach gehen manche Vogelarten (Buntspecht, Kernbeißer) selten hinein, die flinken Meisen und auch Sperlinge haben aber keine Hemmungen. Aus einer Plexiglasröhre oder einem Drahtgitter hergestellte und mit Sitzstangen ausgerüstete Futtersilos werden von den Vögeln gern besucht, ebenso Fettfuttermischungen wie Meisenknödel, Meisenringe oder Nussstangen sowie Weichfuttergemische mit vielen Haferflocken, die energiereiche Nahrung bieten. Als Vogelfutter ungeeignet sind menschliche Speisereste und Tischabfälle (wegen Zusatzstoffen, Konservierungsmitteln, Farbstoffen, Aromen, Gewürzen und dergleichen).
Das Futterhäuschen sollte etwa 1,5 Meter hoch auf einer glatten (Eisen-)Stange über dem Boden stehen, damit Hauskatzen es nicht erreichen können. Nah danebenstehende Bäume oder Sträucher sind Zugangswege für Katzen; auch Eichhörnchen würden die Gelegenheit nutzen und das Futter ausräumen. Auch größere freie Glasflächen wie Terrassentüren oder Wintergärten sind oft Gefahrenquellen für Vögel (Anflugopfer) und sollten sich nicht in der Nähe der Futterstelle befinden.

 

… ein Beitrag für den Erhalt der Biodiversität!

Seit 2011 ruft der Naturschutzbund Deutschland (NABU) die Naturfreunde in der Bundesrepublik jeweils im Januar zur „Stunde der Wintervögel“. Eine Stunde lang soll notiert werden, welche Vogelarten und wie viele Individuen pro Art gesehen wurden. Die Kampagne ist erfolgreich, 2016 meldeten bundesweit mehr als 93.000 Beobachterinnen und Beobachter ihre Arten und Zahlen. Für Brandenburg ergab die Auswertung der Meldungen,  dass sowohl 2015 wie auch 2016 Haussperling, Kohlmeise, Feldsperling und Blaumeise in dieser Reihenfolge die am häufigsten genannten Arten waren. Eine Abweichung zeigte Berlin: In beiden Jahren besetzt die Amsel Platz 3 noch vor der Blaumeise. Also stabile Arten-Häufigkeiten in beiden Bundesländern, geringe und vernachlässigbare Veränderungen, kein Grund zur Sorge?
1974 starteten die Vogelwarten Radolfzell und Helgoland an den Fangstationen Mettnau (am Bodensee), Reit (in Hamburg) und Illmitz (am Neusiedler See in Österreich) das sogenannte MRI-Programm – eine langfristige standardisierte Methode der Vogelberingung. Innerhalb von zehn Jahren, bis 1983, wurden fast eine Viertelmillion Vögel in rund 40 Arten gefangen und beringt. Die Auswertung aller Daten erbrachte erstaunliche Ergebnisse: 70 Prozent der untersuchten Arten zeigten durch die zehn Jahre negative Bestandsentwicklungen, darunter sogenannte „häufige Allerweltsarten“ wie Rotkehlchen und Teichrohrsänger. Deutlich wurde außerdem ein Rückgang der jährlichen Gesamtfangzahlen. Nur für ganze zehn Arten ließen sich positive Trends errechnen. Keine wissenschaftliche Untersuchung hatte bisher die großflächigen Bestandsrückgänge dieser Arten in Europa registriert.
Die Ergebnisse des MRI-Programms wurden seitdem durch ähnliche Untersuchungen in Europa und Nordamerika bestätigt. Den Naturbeobachtern und Artenexperten war zwar der Artenrückgang geläufig, doch der Schwund der Individuenzahlen, die „Ausdünnung“ vieler allgemein als häufig angesehener Artenbestände, wurde hier erstmals großflächig nachgewiesen.
Der international renommierte Vogelzug-Forscher Prof. Dr. Peter Berthold vom Max-Planck-Institut für Ornithologie gehörte zu den Initiatoren und Auswertern des MRI-Programms. „Seit dem MRI-Programmbeginn, im Zeitraum 1973–1983, kann man den jährlichen Rückgang der untersuchten Arten mit etwa 1 Prozent angeben. Heute sind es 3 bis 4 Prozent jährlich.“ Er nennt einige spektakuläre Beispiele: „Von den einstigen Millionenbeständen des Rebhuhns in Deutschland kommen heute noch etwa 20.000 vor, ein Rückgang um mehr als 90 Prozent, beim Star sind es etwa 80 Prozent, beim Haussperling mehr als 50 Prozent.“
Offensichtlich finden viele Vögel nicht mehr ausreichend Nahrung. In der Agrarlandschaft ist heute die Vielfalt der Wildkräuter und das reichhaltige Insektenleben ein Teil der Vergangenheit. Darunter leiden die Körner- und auch die Insektenfresser unter den Singvögeln. Ein Lkw-Fahrer, der seit vielen Jahren regelmäßig zwischen Berlin, Rostock und Hamburg unterwegs ist, erinnert sich: „In den Sommermonaten musste ich oft an Tankstellen halten und mit Wasser und Schwamm tote Fliegen, Bremsen, Käfer, Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und andere Insekten von der Windschutzscheibe entfernen, damit die Sicht stimmt. Auch der Kühlergrill hing meist voller Insekten. Das ist seit etwa 30 Jahren gänzlich vorbei.“
Prof. Berthold spricht von „katastrophalen Bestandsrückgängen vieler heimischer Singvögel“ und berichtet vom aktuellen negativen Bestandstrend der Kohlmeise und ihren schlechten Bruterfolgen. „Zunehmende Arten gibt es auch heute, einige Greifvogelarten wie den Seeadler, dann den Kranich und etwa den Silberreiher. Das alles sind jedoch Arten mit kleinen Populationszahlen.“ Berthold empfiehlt die Vogelfütterung im Winter und wirbt für eine Ganzjahresfütterung. „Angemessene Zufütterung – im Winter und besser noch ganzjährig – leistet heutzutage einen wesentlichen Beitrag zum Vogelschutz, insbesondere zum Erhalt und zum Teil sogar zum Wiederaufbau der Artenvielfalt unserer Vogelwelt.“
Seit 1970 werden in Großbritannien die Folgen und Möglichkeiten von Vogelfütterungen kontinuierlich wissenschaftlich untersucht. Vogelfütterung wird von den namhaften nationalen Naturschutzorganisationen propagiert, organisiert und gefördert. Die Untersuchungsergebnisse der britischen Wissenschaftler zeigen positive Auswirkungen der Zusatzfütterung auf die Singvogelbestände. Auch hierzulande erfolgt nun – von den britischen Wissenschaftlern und  neueren deutschen Untersuchungsergebnisse angestoßen – ein Umdenken und eine Neubewertung der Vogelfütterung.

Jürgen Herrmann

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