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Ausgabe 1/2017

Kompost statt Abwasser

Berliner Startup setzt sich für nachhaltige Sanitärkonzepte ein

Wer kennt sie nicht – die hellblauen, manchmal rosafarbenen oder grauen Plastikhäuschen mit ihrem charakteristischen Geruch – hervorgerufen von einem Cocktail verschiedener Chemikalien in Verbindung menschlicher Exkremente. Viele der in diesen "Stillen Örtchen" zur Desinfektion und Unterbindung von Fäulnisprozessen eingesetzten Stoffe sind für Umwelt und Gesundheit äußerst problematisch, beispielsweise das häufig eingesetzte Formaldehyd. Dennoch werden Chemietoiletten noch immer häufig benutzt, etwa auf Baustellen, Festivals oder anderen Großveranstaltungen. Das könnte sich allerdings bald ändern, denn ökologisch unbedenkliche Komposttoiletten eines jungen Startups machen den bunten Plastikhäuschen zunehmend Konkurrenz. Über Zukunftspläne und Motivationen sprach Christof Ehrentraut mit Sven Riesbeck, einem der Gründer der ECO Toiletten GmbH.

nm: Was unterscheidet eine Komposttoilette vom "Plumpsklo"?

Ein typisches Plumpsklo entspricht der heutigen Latrine mit Sickergrube. Fäkalien und Urin fallen in eine Jauchgrube. Diese wird nach mehreren Monaten abgepumpt oder zugeschüttet. Auf Grund der Gärprozesse stinken Jauchegruben aber erbärmlich und oft gelangt die Jauche doch ins Grundwasser, weil die Gruben selten dicht sind. In Entwicklungsländern ist eine regelmäßige Abholung sowieso nicht garantiert. Die Gruben laufen über und zahlreiche Insekten fühlen sich in ihrer Nähe wohl und führen zu Krankheiten.
In einer Komposttoilette werden die Fäkalien zwar ebenfalls in Behältern gesammelt, aber der Urin wird nach jeder Benutzung mit Sägespänen, Rindenmulch oder anderen natürlichen Strukturmaterialien gebunden. Gärprozesse werden so verhindert. Das unterbindet den Gestank und trocknet das Material, wodurch eine Kompostierung überhaupt erst möglicht wird.


nm: Komposttoiletten sind keine neue Erfindung. Dennoch konnten sie sich bislang nicht so recht am Markt durchsetzen. Mit welchen Argumenten überzeugen Sie ihre Kunden?

Das konventionelle Abwasserentsorgungssystem aus Wasserspültoilette mit Kanalisation und anschließender Klärung ist veraltet und wurde seit mehr als hundert Jahren nicht mehr hinterfragt. Ist es nicht verrückt, kostbares Wasser als Transportmedium für Fäkalien zu nutzen und Nährstoffe nicht wieder in den Boden zurückzuführen? Immer mehr Kommunen und Veranstaltern ist der Nachhaltigkeitsgedanke wichtig – und den setzen wir sehr konsequent um.
Für unsere Kunden ist die Sauberkeit, Sicherheit und Geruchlosigkeit von Toiletten essentiell. Nur wenn das gewährleistet ist, können sich Komposttoiletten durchsetzen. Wir schaffen das mit einem umfassenden Dienstleistungskonzept, was die Reinigung, Instandsetzung und Entleerung der Toiletten betrifft – und dem Versprechen, dass dieser „Rohstoff“ nicht doch in der thermischen Verwertung landet. Mit zigtausenden zufriedenen Benutzern können wir das belegen.


nm: Wie schnell könnten Sie auf eine rasant steigende Nachfrage reagieren?

Wir arbeiten für unsere deutschlandweite Kompostlogistik mit einem Dienstleistungsanbieter zusammen, der wiederum mit einer Vielzahl von Kompostanlagen und Abfalllogistikunternehmen kooperiert. Daher ist die Skalierbarkeit jetzt schon gegeben, das haben wir in diesem Jahr bundesweit mit unsere mobilen Komposttoiletten auf zahlreichen großen Festivals und Veranstaltungen bewiesen.


nm: Eine der ersten ECO Toiletten wurde in einem indischen Dorf ohne Kanalisation errichtet. Wie kam es zu diesem Projekt und sind weitere Projekte dieser Art geplant?

Die Gründer von EcoToiletten GmbH haben im Jahr 2012 den Verein „Non-Water Sanitation e.V.“ gegründet. Das Ziel war, nachhaltige Sanitärprojekte im Ausland voranzutreiben. In Indien haben 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu Toiletten. Der Verein organisierte eine Crowdfundig-Kampagne mit einer Fahrradtour von Berlin nach Indien und sammelte 15.000 Euro Spenden für nachhaltige Toiletten in einem indisches Dorf in der Nähe der Millionenstadt Pune. Insgesamt wurden dort 35 Komposttoiletten errichtet. In den vergangenen vier Jahren konnten weitere Projekte realisiert werden. Bis heute wurden auf diese Weise rund hundert UDDT’s (Urine Diverting Dehydration Toilets) in Indien fertig gestellt. Über die Anfangsphase des Projekts entstanden zwei Dokumentarfilme, die unter anderem bei Arte Future und RTL veröffentlicht wurden. Aktuell bestehen enge Kontakte in die Megacity Dhaka in Bangladesh, wo wir mit dortigen NGOs Lösungsansätze für die Slums in Dhaka anbieten wollen. Es bleibt spannend.


nm: Könnte auch eine normale Berliner Altbauwohnung mit einer ECO Toilette ausgerüstet werden?

Unser Büro befindet sich in einem Berliner Altbau, und wir benutzen dort bereits eine Komposttoilette. Es gibt dazu mehrere Ideen. Man kann entweder eine Komposttoilette mit einem 30 Liter Eimer verwenden und einen eigenen kleinen Komposter auf dem Balkon. Die menschlichen Fäkalien werden dann in der Wohnung hygienisiert und können für Hochbeete verwendet werden. Oder man fängt sie zusammen mit der Streu in Hygienebeuteln auf und bringt sie in die braune Tonne. Die städtischen Entsorger könnten diese dann zu Kompostierungsanlagen fahren. Oder aber man baut in Hochhäuser so genannte Vakuumtrenntoiletten, bei denen die Fäkalien über Fallrohre in große Auffangkammern in den Keller gesaugt und dort hygienisert werden.


nm: Wo sehen sie die größten Chancen für Komposttoiletten?

In Deutschland bestehen klare Chancen im öffentlichen Raum, auf Veranstaltungen und als Musterbeispiel für ökologische Siedlungen in der Peripherie. Im öffentlichen Raum gibt es ein großes Defizit bei der Toilettenversorgung. Nach Maßgabe des Vereins deutscher Ingenieure fehlen allein in Berlin 90 öffentliche Toiletten. Wir haben bereits fünf öffentliche Komposttoiletten für den Bezirk Lichtenberg gebaut und möchten weitere Kommunen überzeugen, unser System zu nutzen. Wir brauchen keine Anschlüsse und sind dadurch sehr flexibel, preiswert und zugleich nachhaltig. Besonders für städtische Parkanlagen, Badestellen, Natur- und Tierparks usw. sind wir im Gespräch. Wir planen aber auch repräsentative City-Modelle. Es wäre toll, wenn es in Zukunft am Hauptbahnhof einer großen deutschen Stadt auch Komposttoiletten gäbe. Daran arbeiten wir!
In Deutschland gibt es derzeit etwa 90.000 Chemietoiletten bei nur höchstens 500 Komposttoiletten. Weltweit ist das Problem noch ungleich dringender. Es müssen skalierbare Lösungen entwickeln werden, um in Zukunft Milliarden Menschen eine saubere nachhaltige Toilette zur Verfügung zu stellen. Das „Ecosan“-System (ecological sanitation) ist aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, die sanitäre Krise weltweit wirksam zu bekämpfen. Unsere EcoToiletten sind ein Teil davon.

Vielen Dank für das Gespräch.

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