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Ausgabe 1/2017

Andere Umgangsformen

Was die Briten bei ihren Schutzgebieten anders machen

Manchmal habe ich Glück. Wie im Oktober. Da konnte ich an einer von EUROPARC-Deutschland organisierten Studienreise teilnehmen: Eine Woche, drei Parks in Wales und England, jede Menge Eindrücke, Gespräche, Anregungen.

Schon der Name „Area of outstanding natural beauty“ berührt meine Seele. Wie klingen im Vergleich dazu unser "Naturschutz-" oder "Großschutzgebiet". Ein englisches „Gebiet von überragender natürlicher Schönheit“ ist Gütesiegel für herausragende Erlebnisse im landesweiten Vergleich. Da spielt es kaum eine Rolle, dass es sich bei ihnen keineswegs um „natürliche Schönheiten“ handelt. Es sind vom Menschen geschaffene Kulturlandschaften mit markanten traditionellen Nutzungen und Elementen, etwa Trockensteinmauern, Hecken oder Solitärbäume.
International werden diese „Areas of outstanding natural beauty“ – kurz AONB – excellent vermarktet: Teile des walisischen Brecon Beacon Nationalparks tragen beispielsweise zusätzliche Titel wie „International dark skies reserve“ oder „UNESCO global Geoparc“. Mit Erfolg: In der Saison 2015/2016 verzeichnete Brecon Beacon 4,8 Millionenbesuchstage. Wer in Deutschland – außer den badefreudigen Schutzgebieten im Wattenmeer – bietet mehr? In den Nationalparken Sächsische Schweiz und Harz sind es je rund 1,8 Millionen Besuchstage, im Bayerischen Wald rund 0,8 Millionen.

Leben in der Region

Besucher sind Lebenselixier: Rund 7.000 der 33.000 Menschen im Brecon Beacon verdienen ihr Brot im Tourismus. Entscheidend für Erfolg ist Zusammenhalt. So planen Gemeinden Werbung zunehmend regional. 250 touristische Anbieter im Cotswold AONB sind bislang dabei und der Slogan ist sehr klar: „This is the Cotswold!“ Und dann das Logo: ein zotteliges Löwenschaf, das Cotswold Lion. Von wegen Pfennigsucher. Ein Sprichwort weiß, dass die Kirchen dieses Landstrichs auf Wolle gründen. Schafwolle hat den früheren Reichtum der Region begründet. Ein Nutztier als Markenzeichen für diesen großen Park!
Erstaunlich, wie unsere britischen Führer mit Angaben zu wildlebenden Tieren und Pflanzen gegeizt haben. Klar, Trockensteinmauern, Halbtrockenrasen und deren Bewohner wurden erwähnt. Sehr randlich. Und das im Land der „Birder“, der passionierten Vogelbeobachter. So festigt sich ein Eindruck: Wohlergehen und Erleben des Menschen stehen im Vordergrund. Das fördert Zuwendung, dient der Landschaft, dient Nutz- und Wildtieren sowie Pflanzen, die zum Menschen, zur Region, zur Geschichte gehören.

Natur trifft Kultur

Die Beziehungen zwischen den AONB und den Menschen werden gestärkt durch Festivals, die Natur mit Kunst oder auch Sport wie Radfahren verbinden. Das Wye valley river festival 2016 im gleichnamigen Park hat binnen 14 Tagen mehr als 28.000 Gäste angezogen.
Rückblende: Wie dies auch in Deutschland funktioniert, hat vor einigen Jahren eine Aktion der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg unterstrichen. Im Berliner Konzerthaus hat die Junge Philharmonie Brandenburg ihr Frühlingskonzert dem Naturschutz gewidmet. Ranger haben Broschüren verteilt und zwei brandenburgische Ministerinnen konnten auf der Bühne für Besuche der Nationalen Naturlandschaften in Brandenburg werben. Ein Knaller!
Mensch, Kunst und Natur treffen sich in Gebäuden. Ein Paradebeispiel ist die vielfunktionale „Oriel Crick Gallery“ in Crickhowell. Sie ist auch Ausstellungs- und Verkaufsraum für 40(!) regionale Künstler. In einem großen freundlichen Eingangsraum beantworten Volunteers – Freiwillige aus der Umgebung, oft im Rentenalter – beflissen jede Frage. Selbstverständlich stehen zahlreiche regionale Produkte zum Verkauf, Sessel laden zum Verweilen ein. Von der Gallery profitieren auch Schüler, die dort gut betreut ihre Hausaufgaben anfertigen. Die ganze Gemeinschaft gewinnt: Der Tourismus trägt dazu bei, dass die in der Region lebenden Menschen weiterhin Pubs, Poststellen und den Busservice nutzen können!
Alte Dörfer und intakte Städtchen, die „Honey Pot Villages“, sind die ersten Besuchermagneten. Für diese Zeitreise in ein vergangenes Postkartenidyll – die Randnotiz sei erlaubt: Das es so nie gab –, reisen Touristen bevorzugt aus Japan, China, Australien, Canada und den USA an. Kultur, Natur und Geschichte werden als ein untrennbares Produkt vermarktet.

Ein Ziel mit vielen Botschaftern

Überzeugt hat mich eine der Mitmachaktionen der Parks, das niedrigschwellige Ambassadorprogramm. Im Brecon Beacon werben mehr als 240 Ambassadors bzw. Botschafter für ihren Park und damit auch für sich selbst. Jedes Jahr kommen nach Teilnahme an einem dreitägigen Kurs rund 70 neue hinzu. Sie bieten bed&breakfast, produzieren und verkaufen regionale Produkte, betreiben Gaststätten oder laden zu Outdooraktivitäten ein. Die Qualität ihrer Tipps entscheidet über die Erlebnisqualität der Touristen und entscheidet letztlich, ob die Gäste wiederkommen oder im Bekanntenkreis für das Urlaubsziel werben. 
Zugleich ist das Programm Kontaktbörse. Menschen, die neu in das AONB gezogen sind, landen sofort weich in einem Netzwerk. Mehr als die Hälfte der Botschafter sind neu in das Gebiet gezogene Akteure! Gibt es in unseren Gefilden vergleichbar niederschwellige Angebote?
Die Areas of outstanding natural beauty – es drängt mich für heute ein letztes Mal, diesen Wohlklang auszuschreiben – sind häufig Gebiete, in denen ansonsten verloren gehende Traditionen gelebt werden. Sie bieten Kurse für zwölf regional verwurzelte Handwerke wie dry stone walling, Schmiedearbeit,… Somit stehen sie für Identität, Bewahren, Gemeinschaft und wirken als anfassbare Wellenbrecher gegen jede virtuelle Flut. Sie verbinden Menschen, die Landschaft mit den zugehörigen wild lebenden Arten ebenso wie die Vergangenheit über die Gegenwart mit der Zukunft.

Roland Schulz
Gefördert durch das BfN mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

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