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Ausgabe 1/2017

Ganz schön urig!

Die „Riesenbäume“ Nordamerikas

Küsten-Mammutbäume ("Redwoods") und Riesen-Mammutbäume ("Giant Sequoias") gelten als die höchsten und mächtigsten Bäume der Erde. Noch um 1850 bedeckten die Redwoods an der Westküste Nordamerikas etwa 8.000 Quadratkilometer der Küstengebirge des mittleren und nördlichen Kaliforniens und des südlichen Oregons. Weiter verbreitet – allerdings auf deutlich kleiner Bestände beschränkt – waren bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Giant Sequoias. In so genannten „Groves“ (Haine) kamen sie in geschützten Tälern der Sierra Nevada, dem „Schneegebirge“ Mittelkaliforniens vor. Zwar setzten schon früh Schutzbestrebungen für die Urweltriesen ein, doch die Holzindustrie war und ist mächtig.

Riesen-Mammutbäume (Sequoiadendron giganteum) und Küsten-Mammutbäume oder Redwoods (Sequoia sempervirens) gehören zusammen mit dem Sommergrünen oder Urwelt-Mammutbaum (Metasequoia glyptostroboides) zu den sogenannten lebenden Fossilien. Im Früh-Tertiär waren Sequoiadendron-Arten in der Holarctis auf der Nordhemispäre weit verbreitet. Heute existieren aus dieser direkten Verwandtschaft nur noch diese drei Arten, doch auch die Sumpfzypresse (Taxodium distichum) des Südwestens Nordamerikas gehört in den weiteren Verwandtschaftskreis. Der Urwelt-Mammutbaum galt als längst ausgestorben und wurde erst 1941 in kleinen Beständen in Südchina lebend wiedergefunden.

Raubbau trotz Schutz

Mehrere tausend Jahre lang lebten die Ureinwohner Nordamerikas im Einklang mit der Natur und nutzten die Redwoods, ohne diese zu gefährden. Zwar entdeckten die Spanier um 1775 die unzugängliche Region, besiedelten sie aber nicht. Erst 1828 – die Region gehörte, wie ganz Kalifornien, noch zu Mexico – kamen unter Jededajah Smith die ersten weißen Siedler aus dem Osten dorthin. In Fort Ross unterhielt eine russisch-amerikanische Handelskompanie bis 1841 einen Stützpunkt. Als 1848 der kalifornische Goldrausch mit ersten Goldfunden in dieser Region begann, war die weitgehende Vernichtung der Mammutbaumwälder und der indigenen Urbevölkerung eingeleitet.
Hätten sich nicht bereits in den 1870er Jahren erste Bestrebungen zum Schutz der Redwoods etabliert, würden wir diese Bäume wahrscheinlich heute nur noch als Fossilien kennen. Bereits 1892 hatten aber der berühmte Naturforscher und Wissenschaftlicher John Muir und einige Gleichgesinnte den „Sierra Club“ gegründet, dessen vorrangiges Ziel neben anderer Umweltfragen der Schutz der Mammutbäume war. Sie kauften Flächen, planten Schutzgebiete und mit der Gründung der weltweit ersten Nationalparks wurden sie zum Vorbild für den frühen Naturschutz weltweit. Vier Jahre nach dem Tod von John Muir wurde 1918 die „Save the Redwoods League“ gegründet. Sie setzte seine Arbeit fort, konnte jedoch auch nicht verhindern, dass in nur hundert Jahren bis 1960 die Bestände der Küstenmammutbäume durch rücksichtslose Abholzung auf über 90 Prozent der ursprünglich von ihnen besiedelten Fläche vernichtet wurden. Außerhalb der Nationalparks, State Parks und weiterer Schutzgebiete (v.a. National Forests) geht der Raubbau bis heute nahezu unvermindert weiter. Von den Vorkommen des Riesen-Mammutbaums wurden in der Sierra Nevada seit Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als ein Drittel vernichtet.

Schutzgebiete für die Baumriesen

Über die Hälfte der verbliebenen Redwood-Flächen sind heute im Besitz der Save the Redwoods League. Weitere Flächen gehören dem Bundesstaat Kalifornien und im Redwood-Nationalpark sind sie Bundeseigentum. Die größten noch zusammenhängenden Redwood-Wälder sind die des 1968 gegründeten „Redwood-Nationalparks“ im äußersten Nordwesten Kaliforniens. Seit 1994 wird er zusammen mit mehreren State Parks verwaltet und ist touristisch bestens erschlossen. Der Verkehr konzentriert sich dabei auf den mitten durch den Park führenden Highway 101. Fast alle Nebenstraßen sind unbefestigt und zumeist nur mit geländegängigen Fahrzeugen und teils speziell zu beantragenden Genehmigungen passierbar. Von Besucherzentren und markierten Wanderparkplätzen aus führen meist kurze Wege zu einigen besonders markanten Baumgestalten oder Hainen. Die ältesten, dicksten und höchsten Bäume tragen eigene Namen. Redwoods können mehr als 110 Meter hoch werden und haben dabei einen Stammdurchmesser von bis zu sieben Meter. Wanderungen abseits dieser Touristenmagnete sind in der Regel sehr einsam und entführen einen bereits nach wenigen hundert Metern in die unberührte und urwüchsige Natur dieser immerfeuchten gemäßigten Regenwälder der Pazifikküste. Bis über 3.000 Millimeter Jahresniederschlag sorgen dort für ein Lokalklima, welches den Tertiärrelikten bis heute trotz mehrfacher Klimaänderungen über Jahrmillionen günstige Bedingungen bietet. Der meiste Regen fällt während der Wintermonate, im Sommer wallen am Vormittag beinahe täglich dichte Nebel vom Pazifik kommend durch die Wälder und sorgen dort für hohe Luftfeuchtigkeit.
Weniger stark von feuchter Luft abhängig sind im Vergleich die Riesen-Mammutbäume der Sierra Nevada, dennoch lieben sie ähnliche Bedingungen. Ihre knapp 200 hainartigen Vorkommen konzentrieren sich in den Nationalparks Sequoia und Kings Canyon, die nördlichsten Vorkommen finden sich bei Wawona im Yosemite-Nationalpark und im Calaveras Big Tree State Park, etwa hundert Kilometer östlich von San Francisco. Auch dort tragen die markantesten Bäume Namen, oft von namhaften Generälen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Riesen-Mammutbäume werden zwar kaum höher als 90 Meter, doch ihre Stämme erreichen nicht selten mehr als acht Meter im Durchmesser. Die mächtigsten von ihnen haben sogar Durchmesser von mehr als zehn Meter. Ein im 19. Jahrhundert gefällter Baum soll eine Höhe von 135 Meter gehabt haben!
Beeindruckend sind aber nicht nur die Höhen und Durchmesser sondern auch die gewaltigen Wurzelteller umgefallener Bäume. Mammutbäume sind ausgesprochene Flachwurzler, fallen im Bestand aber nur selten Stürmen zum Opfer. Häufiger sind Blitzeinschläge, die zum Abbrechen von Kronen oder Starkästen führen.

Heimat wunderlicher Wesen

Die hohe Luftfeuchtigkeit und die hohen Niederschläge in den gemäßigten Regenwäldern Nordkaliforniens bieten einer üppigen Pflanzenwelt Lebensraum. Die Redwoods werden von zahlreichen anderen Nadelbaumarten – wie Douglasie, Westlicher Hemlocktanne oder Sitka-Fichte – begleitet. Den Unterwuchs bilden zahlreiche Farnarten, am auffälligsten ist der über einen Meter groß werdende Westliche Schwertfarn. Vor allem im äußersten Norden Kaliforniens und am Südwestzipfel von Oregon dominiert der Kalifornische Küsten-Rhododendron den küstennahen Unterwuchs, begleitet von zahlreichen, teilweise immergrünen Laubsträuchern und Ahornarten.
Heimlich leben die Amphibienarten des Küstenregenwalds. Nach Regenfällen und in der Feuchte des Morgens begibt sich ein wunderlicher Geselle auf die Suche nach Insekten und Würmern: der Rauhäutige Gelbbauchmolch. Er gehört zum Giftigsten, was Schwanzlurche weltweit zu bieten haben! Seine Haut enthält in großen Mengen das hoch giftige Tetrodotoxin (TTX), ein auch bei Kugelfischen und Kraken nachgewiesenes Gift. Auf den ersten Blick ähnelt der Molch unserem heimischen Bergmolch. Wird das Tier bedroht, zeigt es seine kräftig orange gefärbte Bauchseite – und das ist wahrlich kein Bluff. Ein einziges Tier hat sich im Verlauf der Evolution allerdings an dieses Gift angepasst und dagegen eine gewisse Resistenz entwickelt: die Gewöhnliche Strumpfbandnatter. In manchen Regionen, wo beide Arten zugleich vorkommen, wird bei den Molchen eine stetige Erhöhung des TTX-Gehaltes registriert, dem sich die Nattern wiederum im Rahmen einer „Koevolution“ anpassen. Ein Kalifornier hatte 1979 als Mutprobe einen solchen Molch geschluckt und bezahlte dies mit dem Leben.
Ganz andere wundersame Tiere sind die Marmelalke. Diese kleinen Meeresvögel brüten in den Wipfeln von Küsten-Mammutbäumen und anderen großen Bäumen, meist in Höhen zwischen 60 und 70 Metern. Bis 1978 war nicht bekannt, wo die Vögel brüten – bis ein Baumkletterer zufällig ein Nest in einem Baumwipfel entdeckte. Die wenigen Brutplätze liegen bis zu 40 Kilometer von der Küste entfernt, vor allem im „Humboldt Redwood State Park“ nördlich von Eureka. Im Frühsommer fliegen die flüggen Jungen von dort alleine zur Küste und leben zusammen mit anderen Meeresvögeln von kleinen Fischen.

Feuer als Lebenselixier

Lange Zeit wunderte man sich, wieso sich in den Wuchsgebieten der Riesen-Mammutbäume kein Nachwuchs fand. Waldbrände werden in großen Teilen der USA traditionell „generalstabsmäßig“ bekämpft, was in den häufig sehr trockenen Regionen auch wichtig ist. Als man jedoch vor weniger als 50 Jahren erkannte, dass gerade nach frischen Feuern plötzlich kleine Mini-Mammutbäume in Massen auf dem noch von Asche grau gefärbten Rohboden aufwuchsen, war das Rätsel gelöst. Feuer kann den Baumriesen mit ihrer bis zu 50 Zentimeter dicken Borke nämlich nichts anhaben, zumal diese – anders als bei vielen Nadelbäumen – keine ätherischen Öle enthält. Doch die Zapfen – mit fünf bis sieben Zentimetern Größe nahezu zwergenhaft im Vergleich zur Größe der Bäume – benötigen große Hitze, um aufzuplatzen und ihre tomatensamengroßen Samen freizugeben. Nach dem Brand bietet ihnen der mineralstoffhaltige Boden ein perfektes Keimbett. Die kleinen Bäumchen sind während der ersten Jahre allerdings noch sehr empfindlich.
Vor allem in Schutzgebieten trifft man heute auch auf vergleichsweise junge Bäume, die noch keine zwanzig Meter Höhe erreicht haben. In ihrer Mehrzahl sind sie das Ergebnis einstiger Anpflanzungen, als man vom natürlichen Lebenszyklus der Arten noch nicht viel wusste.
Seit den 1980er Jahren werden in den Schutzgebieten kontrollierte Feuer gelegt, um die natürliche Regeneration der Wälder zu fördern. Auf Schildern wird dort dazu aufgerufen, diese Feuer – anders als im größten Teil der USA – nicht zu melden.
Wesentlich flexibler in der Beantwortung von Nachwuchsfragen sind die Küsten-Mammutbäume Nordkaliforniens. Sowohl lebende Bäume als auch Stubben gefällter Bäume sind zu starken Stockausschlägen fähig, auch aus umgefallenen Bäumen können Ausschläge sehr schnell wurzeln bilden und neue Bäume bilden. Für die generative Vermehrung aus Samen – die Zapfen sind bei den Redwoods kaum größer als einen Zentimeter – sind jedoch ebenfalls Feuer und Hitze notwendig. Der sehr langsam verrottende Stamm umgefallener Bäume sorgt für günstige Keimbedingungen und lange Zeit für ein ideales Wachstumsmillieu.
Die natürliche Regeration der Redwood-Wälder funktioniert heute jedoch oft nicht mehr. Wurden die zumeist gebirgigen Standorte nach den rabiaten Rodungen entblößt, sorgten die reichlichen Niederschläge schnell für ein Abwaschen des humushaltigen Oberbodens mit extremer Bodenerosion. So wird es wohl Jahrhunderte dauern, bis sich die Bestände mit den bewundernswerten Urwelt-Riesen wieder merklich vergrößern werden. Denn schließlich dauert es auch sehr lange, bis die Baumriesen ihr hohes Alter erreichen. Riesenmammutbäume können bis über 2.500 Jahre alt werden, Redwoods selten über 1.500 Jahre. Damit gehören sie aber nicht zu den Bäumen mit dem höchsten Alter. Diesen Rang hat ihnen die Langlebige Kiefer, eine noch nicht lange bekannte Kleinart der Borstenzapfen-Kiefer „abgelaufen“. Diese in einigen Gebirgen des Great Basin östlich der Sierra Nevada vorkommende und meist nur wenige Meter hohe Hochgebirgsart kann neuesten Erkenntnissen über 5.600 Jahre alt werden.

Frank Zimmermann

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