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Rosen aus Gold, Käfer in Silber getaucht

Vielseitige Berliner Goldschmiedin arbeitet gern mit Naturmaterial

Ein winziges silbernes Schmuckstück trägt Iris Klix an den Rüschen ihres Pulloverärmels. Fast könnte man denken, es wäre ein Knopf, dessen Pendant auf der anderen Schulter fehlt. Doch dem geschulten Auge zeigt sich hier ein kleines Fadenkreuz, in dem ein Insekt turnt. Genauer gesagt eine Wanze, eine Loricula bipunctata im Nymphen-Stadium.

Die Inspiration zu dem ausgefallenen Schmuck bekam die Berliner Goldschmiedin Iris Klix durch eine Aktion ehrenamtlicher Experten der Entomologischen Gesellschaft Orion Berlin, die 2014 gemeinsam mit dem Berliner Naturkundemuseum im Park von Schloss Bellevue auf Insektensuche gingen. Dabei wurden 27 Wanzenarten festgestellt, unter ihnen die erwähnte besonders kleine Loricula bipunctata, deren Nachweis in Berlin und Brandenburg vorher noch nicht gelungen war. Und weil man "Wanzen" gerade in einem politischen Umfeld auch zum Abhören vermuten könnte, begannen Iris Klix' Gehirnzellen auf Hochtouren zu arbeiten. Fantasie und handwerkliches Geschick brachten das kleine Tierchen mit dem Fadenkreuz in Verbindung und es entstanden über ein Dutzend silberne Anstecker, wie der, den sie jetzt trägt. Die anderen Mini-Schmuckstücke hat sie dem Verein Orion, dessen naturwissenschaftliche Vorträge und Wanderungen sie oft besucht, zur Verfügung gestellt, um ehrenamtlichen Dozenten Dank mit einem unverwechselbaren Unikat zu sagen.
Vor Spinnen, Insekten und anderem kleinen Getier hat Iris Klix keine Scheu. Die gebürtige Berlinerin wuchs mit ihnen auf. Vater Ulrich ist Tier- und Pflanzenliebhaber und besaß eine stattliche Sammlung südamerikanischer Käfer. „Bis Iris zur Welt kam und aus dem entomologischen ein Kinderzimmer wurde“, erklärt er. Ein Großteil der Sammlung wurde veräußert, doch die Liebe zur Entomologie blieb. Die Tochter begann 1993 in Berlin eine Ausbildung zur Gold- und Silberschmiedin. Ihren Vater bei dessen Arbeit in der Restauration antiker Kunstgegenstände zu flankieren, war ihre Idee. Nach fünf Gesellenjahren absolvierte sie in Hanau die Ausbildung zur Gold- und Silberschmiedemeisterin und ist heute auch staatlich geprüfte Schmuckgestalterin. Restaurationsvorhaben in der väterlichen Werkstatt zu unterstützen, reichte ihr nämlich nicht. Kreativität, Geschick und Fantasie drängten sie zu eigenständiger Schmuckgestaltung jenseits des Mainstreams. Dabei folgt sie einem wiederkehrenden Entwicklungskonzept: Thema, Recherche, Studie und Anfertigung des Schmuckstücks.
Ihre Themen findet Iris Klix massenhaft auf Wanderungen und Exkursionen, in der Literatur oder im Alltag. Kürzlich lag eine besonders aussehende Biene tot am Baum vor ihrem Geschäft. Sie hob sie auf und überlegte, wie sie das Tier erhalten könnte. Das Präparieren bereitet ihr keine Probleme und so wurde aus der verendeten Biene ein silbernes Schmuckstück, an dem man sich lange erfreuen wird. Der Weg und die Energiebilanz eines Wassertropfens, der an einer Scheibe herunterläuft, hat sie in einem Fernsehbericht so fasziniert, dass es sie zu einem Projekt inspirierte. Zeitgenössischen Gold- und Silberschmuck kann man als ein Standbein von Iris Klix im Ladengeschäft in Berlin-Lichterfelde ebenso begutachten wie ausgefallene Stücke aus Kunststoff. Auch dafür schaut sie der Natur genau auf die Finger. Japaner umwickeln seit Ur-Zeiten die Griffe von Samurai-Schwertern mit hochwertiger Rochenhaut. So befasste sie sich mit dieser wunderbar genarbten Haut. Jetzt nimmt sie kleine Stücke davon als Postiv, um die Narbung per Presse auf Kunststoff zu übertragen. Der wird in verschiedene Formen geschnitten, gewunden, gewickelt, aufgefädelt und mit Blattgold und Edelsteinen verziert. So entsteht in vielen Stunden akribischer Handarbeit ein wertvolles Unikat. Manches wird verworfen und auch nach zehn Jahren legt die Goldschmiedin noch Hand an Stücke, die ihr nicht mehr gefallen oder für die es inzwischen passenderes Material oder günstigere Bearbeitungsmethoden gibt.
Luftig gefiederte Anhänger in Ei-Form hängen hinter Iris Klix` Arbeitsplatz neben fein ziselierten Ohrringen aus Gold und Silber-Colliers. Am eindrucksvollsten in ihren Auslagen sind jedoch die großen Käfer auf den Postamenten, die metallisch im Licht glänzen. Einen afrikanischen hat sie präpariert auf der Prager Insektenbörse gekauft, also tot, fest, Fühler und Flügel ausgebreitet. Sie brauchte profunde Kenntnisse der Anatomie der Käfer, um  das Tier gründlich zu entfetten, bevor es in einem Elektrolyt mittels Strom verkupfert wurde. Das lässt Iris Klix außer Haus machen, um danach selbst an die Versilberung oder Vergoldung zu gehen. Dafür benutzt sie ausschließlich Altmetalle, weil sie die Abbaumethoden in den heutigen Schürfländern ablehnt. Ihre Grundeinstellung ist es, achtsam mit der Natur umzugehen, zu brauchen und nicht zu verbrauchen, Dingen einen Wert zu geben und möglichst vieles wiederzuverwenden. Deshalb eignet sie sich auch manche alte Technik an. „Seit Jahrhunderten haben die Frauen gestickt. Das habe ich bei meinen Bildobjekten wieder aufgenommen“, erklärt sie, die auch gern näht oder strickt. Perlenstickarbeiten seien „das Wesen der Frau“. Ein kleines Kraut aus dem Alpenurlaub, getrocknet, wird mit winzigsten Glasperlen und Kunststoff zu einem Kunstwerk in weißem Rahmen. Eine riesige Pfingstrose inspirierte sie im Sommer, sich genauer mit Päonien zu befassen. Ihre künstlerischen Pfingstrosenblätter wickelte sie danach aus einem Kreis aus Goldblech ab und setzte in die Mitte eine Fassung für einen Diamanten. Das Ganze wurde mit Perlmutt hinterlegt und die Goldschmiedin ist sichtlich stolz auf den Spagat zwischen Art Deko und Moderne.
Wenn man Iris Klix zuhört, merkt man, dass in ihrem Kopf noch viele Ideen schwirren, dass sie neugierig ist, begierig zu lernen und zu experimentieren. Entspannung und Anregung findet sie in ihrem Schrebergarten am Rande der Stadt. Und was sie nicht mit Gold, Silber oder Kunststoff ausdrückt, bringt sie gern mit dem Stift zu Papier. Nach mancher Exkursion entsteht ein Gedicht oder ein spannender „Ermittlungsbericht“, in dem Bienen, Käfer oder seltene Pflanzen die Hauptrolle spielen.

Andrea von Fournier

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