Hintergrundelement
Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv

Ausgabe 1/2016

Innovative Bodenpolitik gefragt

Anhaltender Flächenverbrauch lässt 30-Hektar Ziel Utopie werden

Weltweit gehen jährlich zehn Millionen Hektar fruchtbaren Bodens verloren, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Umweltbundesamt und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Dezember 2015, ausgangs des inter-nationalen Jahr des Bodens. Eine Entwicklung, an der auch Deutschland seinen Anteil hat, sowohl als Importeur von Waren und Rohstoffen und somit als Nutzer von Böden in aller Welt als auch im eigenen Land.

Ohne intakte Böden wäre die Erzeugung von Lebensmitteln einschließlich Trinkwassers undenkbar. Zugleich sind sie Lebensgrundlage und –raum für Tiere und Pflanzen. Ihre Verfügbarkeit ist endlich. Jeder weiß das und trotzdem wird diese Ressource in einem Maße beansprucht, als gäbe es unbegrenzt Ersatz. Etwa die Hälfte der knapp 360.000 Quadratkilometer umfassenden Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt, zirka ein Drittel ist mit Wald bedeckt und 13,6 Prozent (Stand 2013) nehmen Siedlungs- und Verkehrsflächen ein. Der Anteil letzterer steigt jedoch stetig, insbesondere zu Las-ten landwirtschaftlicher Flächen. Aktuell werden für Wohnen und Gewerbe, Freizeit, Erholung und Verkehr täglich etwa 70 Hektar „verbraucht“. Zwar hat sich der Flächen-verbrauch in den vergangenen Jahren stetig verlangsamt – zwischen 1997 bis 2000 wa-ren es durchschnittlich 129 Hektar pro Tag – das in der nationalen Nachhaltigkeitsstra-tegie formulierte Ziel, den Verbrauch bis 2020 auf 30 Hektar zu reduzieren, wird mit diesem Tempo deutlich verfehlt werden. Selbst das vom Umweltbundesamt für 2015 gesteckte Zwischenziel von 55 Hektar wurde nicht erreicht. Es dürfte jedoch noch schlimmer kommen, denn in der Antwort der Bundesregierung im März 2015 auf eine kleine Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 – Die Grünen zur Entwicklung der Flächeninanspruchnahme heißt es: „Allerdings erscheint keineswegs gesichert, dass sich dieser Trend (der Rückgang des Flächenverbrauchs, d.V.) in den nächsten Jahren automatisch bis auf 30 Hektar pro Tag fortsetzt. Dies belegen Modellrechnungen[…] nach denen im Falle von unveränderten Randbedingungen ab dem Jahr 2015 die Flä-chenneuinanspruchnahme in einer Größenordnung von 64 Hektar pro Tag verharren dürfte. Auch bis zum Jahr 2025 würden sich bei einem Mittelwert von 63 Hektar pro Tag kaum weitere Reduktionen ergeben.“
Die ökologischen Folgen des nahezu unverminderten Flächenverbrauchs wären jedoch erheblich. So ließe beispielsweise der unverändert anhaltende Neubau von Verkehrsflä-chen die ohnehin gravierenden Probleme für die heimische Fauna nicht geringer wer-den. Mit über 600.000 Straßenkilometer hat Deutschland schon heute eines der dichtes-ten Verkehrsnetze der Welt. Straßen zerschneiden aber die Landschaft. Sie unterbre-chen Wanderungswege und teilen Lebensräume. Arttypisches Wanderverhalten ist nicht mehr möglich. Lediglich acht unzerschnittene Räume größer als 400 Quadratkilometer, dem Revieranspruch eines männlichen Luchses, existieren noch in unserem Land. Bei drei Viertel der Bundesfläche sind diese Bereiche kleiner als hundert Quadratkilometer. Die Folgen dieser Verinselung werden nicht nur auf den Straßen in Form von Millionen verendeter Tiere deutlich, sie können auch zum Erlöschen ganzer Populationen auf-grund genetischer Verarmung führen.
Der Siedlungsneubau trägt ein Übriges zum Lebensraumverlust bei. Noch immer wer-den Baugebiete am Rande bestehender Siedlungen ausgewiesen, statt die Innenbereiche zu verdichten. Der menschlichen Natur gemäß werden beste Lagen besiedelt und gehen für die landwirtschaftliche Nutzung oder als naturbelassene Flächen irreversibel verlo-ren. Zudem, etwa die Hälfte der neuen Siedlungs- und Verkehrsflächen werden vollstän-dig versiegelt und damit jeglicher Bodenfunktionen, einschließlich der Grundwasser-neubildung, beraubt. Niederschlagswasser wird über Flüsse abgeleitet, was wiederum die Hochwassergefahr in bestimmten Regionen erhöht.
Doch auch die ökonomischen Probleme infolge der Zersiedlung sind nicht unbedeutend, denn die Ausweitung der Siedlungs- und Verkehrsflächen erfolgt vielerorts bei gleichzei-tigem Rückgang der Bevölkerungszahlen. Die steigenden Infrastrukturkosten müssen dann auf weniger Personen verteilt werden. Die Ursache für diese regional durchaus unterschiedlich ausfallende Entwicklung „liegt nur teilweise in der Abwanderung. Sie liegt insbesondere auch in einer über den Bedarf hinausgehenden, also nicht nachhalti-gen Ausweisung neuer Siedlungsflächen. Aus ökonomischer Sicht besorgniserregend ist, dass selbst in schrumpfenden und stark schrumpfenden Regionen zusätzlich Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen und damit zusätzliche Infrastrukturfolgekosten vor-bestimmt werden“, heißt es in der bereits genannten Antwort der Bundesregierung.
Mit verschiedenen Modellversuchen und Maßnahmen versuchen Bund und Länder ge-genzusteuern. So wird, initiiert vom Umweltbundesamt, gegenwärtig in einem überregi-onalen Modellversuch mit knapp einhundert Kommunen der Handel mit Flächenzertifi-katen in der Praxis erprobt. Kommunen sollen keine Flächenangebotspolitik mehr betreiben und „Flächen auf Vorrat“ ausweisen, sondern die Innenentwicklung forcieren und im Außenbereich Bauflächen nur nach tatsächlichem Bedarf ausweisen, sofern sie über die erforderliche Menge an Zertifikaten verfügen.

Wolfgang Ewert

Weitergehende Informationen: http://www.flaechenhandel.de

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

AKTUELLE

Ausgabe 4/2017

Pfeil blue

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe des Naturmagazins
mehr...